13. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2013 | 20. Schwat 5773

Vorsicht, Paranoia!

In islamischen Ländern werden selbst Tiere der Spionage für Israel beschuldigt: ein Hirngespinst, das lächerlich, aber nicht wirklich lustig ist

Den Juden – und erst recht den Zionisten – ist alles zuzutrauen. Ganz nach diesem Motto legten die sudanesischen Behörden im letzten Monat antizionistisch-revolutionäre Wachsamkeit an den Tag und nahmen in Darfur einen mutmaßlichen israelischen Spion fest. Und zwar nicht irgendeinen, sondern einen Geier.
Der Großvogel, so die sudanesische Abwehr, war in einer gegen den Sudan gerichteten Spionagemission unterwegs. Dafür nannten sie auch einen schlagenden Beweis: Der Geier war mit einem israelischen Navigationschip sowie einem Ring mit den Aufschriften „Israelische Naturschutzbehörde“ und „Hebräische Universität in Jerusalem“ ausgestattet. Massenmedien in Khartum wussten zu berichten, der Navigationschip sei in Wirklichkeit eine getarnte Kamera, die Fotos aufzunehmen und sogleich an die Auftraggeber des gefiederten Aufklärers zu versenden verstand.
Die israelische Behörde für Naturschutzgebiete erklärte, der Vogel sei im Rahmen der Erforschung von Vogelzügen mit einem ganz gewöhnlichen Ortungsgerät, übrigens „Made in Germany“, ausgestattet worden. Der besagte Junggeier habe auf dem Weg vom Balkan nach Afrika in Israel Zwischenstation gemacht. Der Ortungssender, der Standort und Flughöhe angibt, habe den israelischen Forschern auch signalisiert, dass dem Vogel etwas zugestoßen sei: Auf einmal habe er sich nur noch in Bodenhöhe fortbewegt.
Nun aber haben Sudanesen kein Monopol auf derartige Tierfabeln. Im Januar 2011 hatte bereits Saudi-Arabien mitgeteilt, einen Geier „verhaftet“ zu haben, der für Israel Spionage getrieben haben sollte. Auch in diesem Fall stützte sich die Anklage auf ein in Israel angebrachtes Ortungsgerät.
Vor vier Jahren wiederum verbuchte das iranische Regime, das sich bekanntlich wie kaum ein anderes auf die Erkennung zionistischer Verschwörungen spezialisiert, einen ähnlichen Abwehrerfolg, indem es zwei Tauben dingfest machte. Die Vögel, im Hauptberuf Friedenssymbol, wurden der Spionage für das „zionistische Regime“ beschuldigt und den Sicherheitsbehörden der Islamischen Republik übergeben. Unter anderem sollte einer von ihnen auf die Urananreicherungsanlage in Natanz angesetzt worden sein. Das weitere Schicksal der Tauben ist nicht überliefert.
Auch in der Türkei geriet im Mai 2012 ein gefiederter Zeitgenosse in Verdacht, als Kundschafter an der unsichtbaren Front zu arbeiten – für Israel, versteht sich. Der Fall: In der südostanatolischen Metropole Gaziantep fanden wachsame Bürger die sterblichen Überreste eines Bienenfressers. Der für seinen bunten Federschmuck bekannte Vogel trug einen Markierungsring mit dem Wort „Israel“. Das war aber nicht das einzige Verdachtsmoment. Vielmehr fielen den Findern auch die, wie es hieß, außergewöhnlich großen Löcher im Schnabel des Bienenfressers auf – ihrer Meinung nach womöglich ein Indiz auf eine in den Schnabel eingebaute Spionagekamera. So wurde der Kadaver ans Landwirtschaftsministerium übergeben, das ihn wiederum an die Sicherheitsbehörden weiterleitete.
In Ägypten machte im Juni 2010 ein Hai-Angriff vor der Sinai-Küste Schlagzeilen. In Scharm al-Scheich, am Südzipfel der Halbinsel, wurde eine deutsche Touristin durch einen Hai getötet; die Leiche wurde an den Strand geschwemmt. Der Gouverneur von Süd-Sinai wollte daraufhin nicht ausschließen, dass der Raubfisch vom Mossad entsandt worden war, um dem ägyptischen Fremdenverkehrssektor Schaden zuzufügen. Die wahrscheinlichere Erklärung hätte dagegen lauten müssen, dass Haie wegen der durch Überfischung geschmälerten Thunfischbestände im Roten Meer nach anderer Nahrung suchten – in diesem Fall Menschen. Immerhin waren nur kurz zuvor drei Russen und ein Ukrainer in demselben Gebiet durch Haie verletzt worden. Nur lässt sich mit dem Hinweis auf Überfischung eben keine stramm antizionistische Gesinnung beweisen. Wohlgemerkt hatte sich der Vorfall noch unter der Herrschaft von Hosni Mubarak und nicht unter den heute regierenden Moslembrüdern ereignet.
Im Westen, aber auch in Israel ist man geneigt, über Spionage-Vögel oder Sabotage-Haie in der Rubrik „Bunte Spalte“ zu berichten und sie mit einem milden Lächeln abzutun. In der Tat: An Absurdität sind derartige Beschuldigungen Israels kaum noch zu überbieten. Und natürlich glauben auch in den Ländern, in denen die Vorwürfe gemacht werden, keineswegs alle Bürger den antiisraelischen Märchen. So etwa fragte eine sudanesische Oppositionswebsite nach der „Aufdeckung“ des „Spionage-Geiers“ hämisch, warum die Armee, die den Vogel fassen konnte, zwei Monate zuvor israelische Kampfjets übersehen hatte. Internationalen Medienberichten zufolge hatte die israelische Luftwaffe im Oktober 2012 eine vom Iran im Sudan gebaute Waffenfabrik zerstört, die Raketen für die Hamas herstellte.
Auf der anderen Seite aber scheint der Glaube an Israels dämonische Kräfte in vielen Ländern der islamischen Welt so weit verbreitet zu sein, dass große Bevölkerungskreise, bis hin in die Machteliten hinein, den absurden Fantasiegeschichten Glauben schenken. Daher sind Geschichten wie die oben geschilderten – bei aller Lächerlichkeit – nicht wirklich lustig.
wst