13. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2013 | 20. Schwat 5773

Der Rabbiner als Arzt

Moses Maimonides’ medizinische Werke waren lange Zeit wissenschaftlich kaum erschlossen – das ändert sich jetzt

Von Heinz-Peter Katlewski

Der Name Maimonides ist in der jüdischen Welt ein Begriff, den man nicht erklären muss. Der Rambam, wie das hebräische Akronym von Rabbi Mosche ben Maimon lautet, gilt als der größte Tora-Kommentator aller Zeiten. Der im 12. Jahrhundert in Andalusien geborene, aber später vor allem in Ägypten tätige Gelehrte, der unter anderem die monumentalen Werke „Mischne Tora“ (Wiederholung des Gesetzes) und „Führer der Verwirrten“ verfasst hat, war auch ein bekannter Mediziner. Den Arztberuf ergriff der seit seiner Kindheit im spanischen Cordoba an Heilkunde interessierte Maimonides, nachdem das Familienvermögen durch den Tod seines jüngeren Bruders verlorenging und er seinen Lebensunterhalt verdienen musste. Allerdings behandelte er Arme unentgeltlich. Niemand weiß übrigens, wie er aussah. Die weltbekannte Statue neben der alten Synagoge von Cordoba ist ein Fantasieprodukt von Nachgeborenen. Von Maimonides stammt das berühmte „Gebet des Arztes“, in dem der Mediziner Gott um Hilfe bei der Behandlung der Kranken bittet.
Am Hof von Saladin dem Großen (1138–1193), dem Gegenspieler der Kreuzfahrer, wurde Maimonides Leibarzt vom Sekretär des Sultans, später dann vom Nachfolger des Saladin, al-Malik al-Afdal. Er behandelte auch die einfache Bevölkerung an seinem Wohnort Fustat, damals ein Vorort der ägyptischen Hauptstadt, heute Teil seiner Altstadt. Und er muss ein guter Arzt gewesen sein. Eine Legende berichtet, dass sogar der englische König und Kreuzfahrer Richard Löwenherz versucht habe, ihn in Dienst zu nehmen. Seine medizinischen Erkenntnisse fasste Maimonides in zahlreichen Schriften auf Arabisch zusammen. Darin hielt er Behandlungsmethoden fest oder gab seinen Patienten in Form von Briefen, Ratschläge für eine gesündere Lebensweise. Allerdings waren lange Zeit nur wenige von Rambams medizinischen Schriften wissenschaftlich ediert.
Das zu ändern, machte sich Gerrit Bos, heute Professor für Judaistik an der Universität zu Köln, zur Lebensaufgabe. Auf das Thema war Bos Anfang der neunziger Jahre durch Zufall gestoßen. Damals studierte er als Forschungsstipendiat am Medizingeschichtlichen Institut des Londoner Universitätskollegs Schriften aus der Feder des arabischen Arztes Ibn al-Jazzar zum Thema „Beischlaf“. Dabei stieß er auf einen Text von Maimonides zum selben Thema – einem Problemfeld, das im Mittelalter viele Ärzte beschäftigte. „Der Grund ist einfach“, erläutert Professor Bos: „Männer höherer Stände an den Höfen hatten oft viele Frauen und Konkubinen, aber oft nicht genug Potenz, um alle zu befriedigen.“ Die Ärzte sollten ihnen Medikamente verschreiben, um die Kraft ihrer Lenden zu steigern. So auch Maimonides, der rund 20 Jahre am ägyptischen Hof in Kairo als Arzt diente.
Durch den Zufallsfund wurde der Religionswissenschaftler, Hebraist und Arabist Bos auf Maimonides‘ medizinische Werke aufmerksam. Seitdem widmet er sich ihrer wissenschaftlichen Erschließung und Publikation, zuerst als Forscher in London und ab 1997 dann als Judaistik-Professor am Martin-Buber-Institut der Kölner Universität. Forschungspartner für seine kritischen Editionen fand er in Berlin, in den US-amerikanischen Städten Chapel Hill und Salt Lake City, im italienischen Pisa und im israelischen Ramat Gan. Gefördert wurde diese Arbeit durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft.
Sieben Bände in blauen Umschlägen stapeln sich mittlerweile auf dem Büroschreibtisch von Professor Bos. Alle enthalten parallel Texte in Arabisch und in englischer Übersetzung, ergänzt um wichtige mittelalterliche Übersetzungen in Hebräisch und Latein. Drei der sieben Bände enthalten medizinische Aphorismen von Maimonides, in zwei von ihnen geht es um die Behandlung von Asthma, eines beschäftigt sich mit Giften und tödlichen Drogen und das zuletzt erschienene mit der Behandlung von Hämorrhoiden.
Acht weitere Texte warten darauf, vom Verlag veröffentlicht zu werden. Vier Bände werden sich wieder Gedanken und Notizen zur Medizin widmen, zwei der allgemeinen Gesundheitslehre und einer dem Beischlaf. Ein weiteres Buch enthält Rambams Kommentare und Kurzfassungen zu Arbeiten des Hippokrates (460–370 v.d.Z.) und Galenos von Pergamon (2. Jahrhundert), im Deutschen Galen genannt. Noch dieses Jahr wird ein bisher unbekannter Text von Maimonides publiziert, der chirurgische Themen behandelt. Dieser Text entstand vermutlich auf Grund von Maimonides’ Kriegserfahrungen.
Mit seinem medizinischen Werk steht Maimonides in der Tradition von Galen. Jener, Leibarzt römischer Kaiser und Sportarzt griechischer Olympioniken wie römischer Gladiatoren, hatte fast 1.000 Jahre vor Maimonides gelebt und war, ist Gerrit Bos überzeugt, „sein großes Vorbild als Arzt“. Als Schüler der klassischen Ärzte habe Maimonides vor allem Wert auf die Verhinderung von Krankheiten, eine entsprechende Diät und einen gesunden Lebenswandel gelegt. Grundlage sei für ihn die schon bei Hippokrates entwickelte Lehre vom Gleichgewicht der vier Körpersäfte gewesen – Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle.
Worin liegt nun die Bedeutung der medizinischen Schriften von Moses Maimonides? Bos fällt die Antwort nicht schwer: „Er hat großen Einfluss auf die jüdische medizinische Tradition ausgeübt, Teile seiner Erkenntnisse hat er in seine Mischne Tora aufgenommen. Er beeinflusste aber auch die medizinische Lehre in Westeuropa. Seine Werke wurden bis ins Spätmittelalter aus dem Arabischen ins Hebräische und Lateinische übersetzt. Sie wurden an den Universitäten als Lehrbücher und von Ärzten als Handbücher genutzt.“ Trotzdem sind diese Texte heute kaum bekannt. Das wird sich nun wohl ändern.