13. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2013 | 20. Schwat 5773

Endlich da

Neuer britischer Oberrabbiner ernannt

Bereits zwei Jahre ist es her, seit der britische Oberrabbiner Jonathan Sacks erklärte, bei Erreichen des 65. Lebensjahres – konkret: im September 2013 – sein Amt niederlegen zu wollen. Seitdem hat der Dachverband orthodoxer Synagogen, die United Synagogue, einen geeigneten Nachfolger gesucht. Die Suche wurde unter großer Geheimhaltung geführt, sodass Spekulationen über mögliche Kandidaten ins Unkraut schossen. Unter den Anwärtern sollen unter anderem der heutige Oberrabbiner von Südafrika Warren Goldstein und der ehemalige Oberrabbiner von Norwegen und israelische Ex-Minister Michael Melchior gewesen sein. Auch einige amerikanische Rabbiner waren im Gespräch.
Indessen konnte sich die Führung der United Synagogue lange Zeit auf keinen Kandidaten einigen. Erst unter zunehmendem Zeitdruck wurde das Verfahren Ende Dezember abgeschlossen. Als neuer Chief Rabbi der United Hebrew Congregations of the Commonwealth, so der offizielle Titel, wird ab Herbst dieses Jahres Rabbiner Ephraim Mirvis amtieren.
Mit Mirvis hat sich der orthodoxe Gemeindeverband dann doch für keinen Star-Spieler aus dem Ausland, sondern für eine „Ortskraft“ entschieden. Zwar wurde der 56-jährige Schriftgelehrte in Südafrika geboren, doch ist er längst auf den britischen Inseln zu Hause. Bereits mit 28 Jahren wurde er, nach Studien an israelischen Jeschiwot, zum Oberrabbiner von Irland ernannt. Dieses Amt übte er acht Jahre lang aus, anschließend zog er nach London. Heute ist er als Rabbiner der Londoner Finchley United Synagogue, einer der wichtigsten orthodoxen Gemeinden im Vereinigten Königreich, tätig. Damit muss er sich nicht erst einmal lange in Großbritannien einleben. Auch hat er sich einen Ruf als kreativer Gemeindebetreuer und fähiger Organisator erworben. Beide Eigenschaften werden ihm in seinem neuen Wirkungskreis zustattenkommen.
Zugleich aber tritt Mirvis in doppelter Hinsicht keine leichte Nachfolge an. Zum einen hat der noch amtierende Oberrabbiner Sacks das Amt durch seine große Medienpräsenz in der nichtjüdischen Öffentlichkeit stark geprägt. Nun wird sich der Neue ausgesprochenen oder zumindest unterschwelligen Erwartungen gegenübersehen, es Sacks gleichzutun. Zum anderen aber hat Sacks, so jedenfalls seine Kritiker, durch intolerantes Auftreten gegenüber den nichtorthodoxen Strömungen des Judentums im innerjüdischen Verhältnis für Verstimmung gesorgt. Böses Blut gab es insbesondere bei der reformierten Bewegung, als Sacks 1996 die Teilnahme am Begräbnis des prominenten Reformrabbiners Hugo Gryn verweigerte. Zudem wurde publik, dass Sacks Gryn in einem privaten Brief als einen „Zerstörer des Glaubens“ bezeichnet hatte. So war es jetzt wohl kein Zufall, dass die Reformbewegung Mirvis als dem neuen „orthodoxen Oberrabbiner“ – und nicht „Oberrabbiner“ – gratuliert hat.
Im Verhältnis zu den Reformierten und zu anderen Strömungen, einschließlich der Ultraorthodoxen, steht Mirvis ein komplexer Balanceakt bevor: Er muss für Ausgleich sorgen, ohne seine eigene, modern-orthodoxe Gesinnung preiszugeben. Schafft er das nicht, verliert der Amtstitel „Oberrabbiner des Commonwealth“ während seiner Amtszeit erheblich an Glanz.
JTA/zu

-------------------------------------------------------------

United Synagogue

Der orthodoxe Gemeindeverband von Großbritannien, die United Synagogue, vereint 62 Synagogengemeinden, in denen 54 aktive Rabbiner amtieren. Die direkte Tätigkeit der Organisation konzentriert sich fast ausschließlich auf London und Umgebung, doch strahlt ihr Einfluss weit über ihren geographischen Wirkungskreis hinaus. Daher leitet sich auch die Amtsbezeichnung ihres Oberrabbiners, Chief Rabbi of the Commonwealth, ab.
Der Verband unterhält ein Rabbinatsgericht, das London Beth Din. In der United Synagogue sind vier Rabbinatsrichter (Dajanim) tätig. Als rabbinischer Rahmen des Verbandes fungiert der Rabbinerrat (Rabbinical Council). Zudem betreibt die Organisation ein Fortbildungsprogramm für Rabbiner und eine Wohlfahrtsabteilung (Chessed).
Die Organisation führt ihre Geschichte auf die Gründung der Großen Synagoge in London im Jahr 1690 zurück – 34 Jahre nachdem Großbritannien das fast vier Jahrhunderte früher von König Edward I. gegen die gesamte jüdische Bevölkerung erlassene Vertreibungsedikt aufgehoben hatte.
Das Amt des Oberrabbiners zeichnet sich durch große Kontinuität aus. Der neu ernannte Oberrabbiner Ephraim Mirvis wird erst der siebte Amtsinhaber seit der Einrichtung dieser Institution im Jahr 1845 sein.
-------------------------------------------------------------