13. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2013 | 20. Schwat 5773

Nachhaltigkeit

In Düsseldorf trafen sich ehemalige Teilnehmer des Israel-Reiseprogramms Taglit

Von Zlatan Alihodzic

Erfolg braucht Nachhaltigkeit. Das gilt nicht nur für die Wirtschaftsentwicklung oder den Umweltschutz, sondern fast für jeden Lebensbereich. Auch die Initiatoren und Förderer des Israel-Reiseprogramms Taglit-Israel Birthright wollen die großen Erfolge, die das Projekt auch in Deutschland verbuchen kann, nicht nur fortsetzen, sondern zudem zum Ausgangspunkt einer nachhaltigen Stärkung des jüdischen Lebens in der Bundesrepublik machen. Dies in die Wege zu leiten, war das Ziel eines Treffens ehemaliger Reiseteilnehmer von Taglit, das im Dezember in Düsseldorf stattfand und wo rund 100 Taglit-Alumni zusammenkamen. Es war das erste Treffen dieser Art in 13 Jahren und für jede Generation offen. Die ehemaligen Teilnehmer sprachen drei Tage lang über ihre Erfahrungen und was sie damit in Deutschland anfangen können. Bei dem Treffen war auch der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, dabei.
Der Erfolg von Taglit ist unbestritten. Das Programm ermöglicht jungen Juden aus der Diaspora im Alter von 18 bis 26 Jahren, einmal kostenfrei nach Israel zu reisen. Dies, so das zugrundeliegende Prinzip, sei das Geburtsrecht eines jeden Juden. Seit Taglit 2000 ins Leben gerufen wurde, haben etwa 300.000 junge Menschen in diesem Rahmen Israel besucht. Taglit ist auch in Deutschland tätig und hat bisher 4.000 Jüdinnen und Juden in der Bundesrepublik die Teilnahme an einer Israel-Reise ermöglicht. Die meisten der Teilnehmer kannten das Land bis dahin nicht.
Inzwischen hat der Zentralrat der Juden in Deutschland in Zusammenarbeit mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) die Abwicklung des Programms für die Bundesrepublik übernommen. Beide Organisationen engagieren sich auch, das Projekt unter jungen Juden bekannter zu machen. Denn: „Wer Israel kennenlernt, der wird es auch lieben lernen“, sagte Dr. Graumann beim Taglit-Treffen. „Wir möchten bei den Teilnehmern eine Zuneigung zu Israel wecken – und wenn es geht, auch ein Feuer der Begeisterung entfachen.“ Würde das auch nur bei einem Teilnehmer gelingen, hätte sich das Programm schon gelohnt. „Israel“, so Dr. Graumann, „ist immer zur Stelle, wenn Juden bedroht werden“, doch sei Israel das einzige Land auf der Welt, das seine Feinde zerstört sehen wollten. „Und deshalb müssen die Juden auch für Israel da sein.“ Allerdings sei es mit dem Besuch allein nicht getan. Vielmehr wünsche er sich von den Teilnehmern, dass sie die Reise nach Israel „nicht einfach mitnehmen und abhaken, sie sollen dranbleiben“.
Das betrifft sowohl anhaltendes Engagement für Israel als auch aktive Teilnahme am Leben jüdischer Gemeinden in Deutschland. Die Erfahrung anderer Länder zeigt, dass Taglit-Reisen nicht nur eine engere Bindung an Israel bewirken, sondern auch das jüdische Bewusstsein der Teilnehmer stärken. Wer die Wiege des Judentums kennt, hat bessere Voraussetzungen, jüdische Identität bewusst zu wahren, und ist eher geneigt, in seiner Gemeinde mitzuwirken.
Auch Professor Ada Spitzer, Taglit-Vizepräsidentin für Entwicklung und Gemeindebeziehungen, wünscht sich eine stärkere Bindung der Teilnehmer an ihre Gemeinden. Man wolle, so Professor Spitzer in Düsseldorf, den jungen Leuten nicht die Alija, die Einwanderung nach Israel, nahelegen. Sehr wohl aber sollten sie merken, dass Israel stets für sie da sei. Und wenn sie von der Reise zurückkehrten, „sollen sie als Juden weiterleben“.
Dass diese Absicht aufgeht und die Arbeit von Taglit auch nach der Reise Früchte trägt, zeigte sich beim Düsseldorfer Treffen. Etwa bei Maxim Stepanko aus Köln. Als er vor acht Jahren mit dem Taglit-Programm nach Israel reiste, hatte er das Judentum noch nicht lange für sich entdeckt. „Meine Eltern haben es nicht praktiziert. Als ich 18 wurde, bin ich dann allein zur Synagoge gegangen“, erzählte er. Dort erfuhr er von Taglit und ein Jahr später saß er im Flieger. „Wir waren dann am Meer und in der Wüste, in Jerusalem, in Haifa“, zählte er auf. Viel Wissen über das bis dahin fremde Land, so Stepanko, habe er in den zehn Tagen nicht anhäufen können. „Es war aber ein großer Schritt in meinem Leben“, berichtete er. „Denn es geht nicht um das Wissen, sondern um das Gefühl.“
Davon ist der heute 27-Jährige noch immer beseelt. „Wenn ein Jude zum ersten Mal in Israel ist, fühlt er sich gleich so, als sei er dort geboren. Man ist nicht fremd. In Deutschland habe ich einen Migrationshintergrund, in Israel gehöre ich damit zur Mehrheitsgesellschaft“, beschrieb er. „Wer schon öfter in Israel war, dem bringt Taglit vielleicht nichts. Aber ich hatte dieses Gefühl vorher noch nie in meinem Leben.“
Stepankos Erfahrung ist ein Paradebeispiel für den Erfolg des Taglit-Projekts. Doch droht die Wirkung der Reise zu verpuffen, wenn sich die Alumni nicht langfristig engagieren. „Wenn man aus Israel zurückkommt, ist man noch ein, zwei Monate sehr aktiv“, erzählte Stanislav Dyskin in Düsseldorf. „Aber dann hat man wieder andere Sachen im Kopf und verstreut sich.“ Deshalb gründete der Essener mit anderen Taglit-Teilnehmern den JuBuK e.V., einen Verein zur Pflege jüdischer Bildung und Kultur. Alumni aus ganz Deutschland engagieren sich in der Gruppe, die die Verbindung unter den ehemaligen Teilnehmern erhalten möchte. Zusätzlich werden auch Vorträge und Workshops durchgeführt, um das Wissen über Israel, seine Geschichte, aber auch das Leben der Juden in Deutschland weiter zu vertiefen. Dem Verein ist es gelungen, junge Menschen über Jahre zu binden. „40 bis 50 Interessierte“, so Stepanko, „kommen zu unseren Wochenendseminaren.“ Solche Erfolge sind beeindruckend und stellen zugleich einen Ansporn zum Weitermachen dar.