13. Jahrgang Nr. 1 / 31. Januar 2013 | 20. Schwat 5773

„Wir lernen viel von Ihnen!“

Zentralratspräsident Dr. Dieter Graumann traf jüdische Kriegsveteranen und Überlebende in Berlin

Von Olaf Glöckner

Bereits 1942 erkannte US-Präsident Theodore Roosevelt an, dass die sowjetische Armee mehr Kampfeinheiten der Nazis vernichtete als alle anderen Alliierten zusammen. In der Tat trugen die sowjetischen Streitkräfte die Hauptlast des Zweiten Weltkrieges. In ihren Reihen kämpften unter anderem rund 500.000 Juden. Etwa 160.000 der jüdischen Soldaten erhielten militärische Auszeichnungen. Mehr als 500 wurden „Helden der Sowjetunion". Heute leben zwischen Rhein und Oder Hunderte ehemaliger Rotarmisten, die nach 1990 dem wiedervereinigten Deutschland ihr Vertrauen geschenkt haben. Sie haben ihren eigenen Verein, den „Bundesverband der Veteranen, Ghetto- und KZ-Gefangenen sowie der Überlebenden der Leningrader Blockade", gegründet.
Seit Jahren gibt es enge Kontakte zwischen dem Bundesverband und dem Zentralrat der Juden in Deutschland, was Ende letzten Jahres erneut deutlich wurde: Zum bundesweiten Treffen der Veteranen am 19. und 20. Dezember in Berlin war Zentralratspräsident Dr. Dieter Graumann aus Frankfurt angereist. Im Jüdischen Gemeindezentrum empfing er die rund 40 Delegierten mit emotionalen Worten. „Ich bin meinem Herzen gefolgt und wollte diese Begegnung nicht missen", erklärte Dr. Graumann. „Wir alle haben jeden Grund, uns bei Ihnen, die Sie noch selbst gegen den Faschismus gekämpft haben, ganz besonders zu bedanken. Denn ohne Ihren großen Sieg, ohne Ihren Kampf wären wir alle ganz sicher jetzt nicht hier." Das gilt auch für die Familie des Zentralratspräsidenten selbst. „Ihre Biografie", erklärte er, „verbindet sich auch mit meiner eigenen, denn meine eigene Mutter wurde am 9. Mai von der Roten Armee aus dem KZ befreit, wo sie als junges Mädchen Schreckliches erleben musste. Und immer, ihr ganzes Leben lang, hat sie den 9. Mai als ihren neuen Geburtstag – und die Soldaten der Roten Armee als ihre Befreier – betrachtet. Und das zu Recht."
Den gespannt lauschenden Frauen und Männern aus der früheren Sowjetunion zollte Dr. Graumann aber auch in anderem Zusammenhang Anerkennung: „Sie haben der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland einen Schub gegeben an Dynamik, an Vitalität, an Substanz, an Tiefe und an Perspektive, und wir lernen viel von Ihnen." Beispielhaft sprach er die jährlichen Feiern in Erinnerung an den 9. Mai an – jenen Tag im Jahre 1945, an dem die letzten deutschen Truppen die Waffen strecken mussten.
Die in Berlin anwesenden Veteranen und Überlebenden des Großen Vaterländischen Krieges nutzten das Treffen, um auch ihrerseits Dank auszusprechen. So lobte der Verbandsvorsitzende Pjotr Feldman die Unterstützung durch den Zentralrat und gab in entschlossenem Ton die Bereitschaft seiner Mitglieder bekannt, „jederzeit zusammenstehen, um die jüdischen Belange hier und anderswo zu verteidigen". Im Anschluss überreichte er einem sichtlich gerührten Dr. Dieter Graumann die Verdienstmedaille des Stuttgarter Veteranenklubs.
Beim anschließenden Empfang war viel Raum, um Erinnerungen, Hoffnungen und Zukunftswünsche auszutauschen. Friedrich Zolotkovsky (Hamburg) schenkte dem Zentralratspräsidenten das von ihm verfasste Buch „Ich erinnere mich an den Holocaust", welches mittlerweile in ukrainischer, deutscher und englischer Sprache vorliegt. Zolotkovsky war mit sowjetischen Panzereinheiten bis nach Wien gekommen. Er konnte jedoch nicht verhindern, dass gleich zu Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion die meisten seiner Familienangehörigen von den Nazis in Babi Jar bei Kiew ermordet wurden.
Leonid Danziger, ebenfalls ein gebürtiger Kiewer, der mit seiner Frau Gerda heute in Berlin lebt und im Veteranenklub der Jüdischen Gemeinde aktiv ist, war in den letzten Kriegsjahren an der Produktion dringend benötigter Kampfflieger beteiligt. Danziger und andere Teilnehmer äußerten ihren Willen, auch weiterhin in deutschen Schulen und Jugendeinrichtungen zu berichten, „wie es damals wirklich war". Mikhail Kobrin (Hannover) und Evgeny Karchemnik (Köln) sahen sich in Berlin zum ersten Mal und stellten mit Erstaunen fest, wie ähnlich doch ihre frühe Kindheit verlaufen war. Als Knaben befanden sich beide im von der Wehrmacht eingekreisten Leningrad – erlebten Hunger, permanente Luftangriffe, Krankheiten und wachsende Verzweiflung, bevor ihnen und einigen Verwandten dann doch noch die rettende Flucht über den Ladogasee gelang. Mikhail Ryff (Karlsruhe), ein Mann mit vielen Orden an der Brust, hatte als junger Mann gerade seine militärmedizinische Ausbildung abgeschlossen, als er 1942 umgehend an die Front geschickt wurde und im Laufe des Krieges bei verlustreichen Kämpfen in Karelien, Weißrussland und schließlich in Pommern dabei war. Keinen Tag von damals hat er vergessen. Doch in Anbetracht eines immer aggressiveren Antisemitismus im St. Petersburg der frühen 1990er-Jahre entschied sich seine Familie – fast 50 Jahre nach dem Krieg – für die Emigration nach Deutschland. „Wir wurden hier sehr freundlich und hilfsbereit empfangen", erinnert sich Ryff. „Die Menschen waren aufgeschlossen und hilfsbereit, nicht nur auf den Ämtern, sondern auch in der unmittelbaren Nachbarschaft. Wir erlebten ein anderes Land als jenes, gegen das wir damals gekämpft hatten."
Während der beiden Tage in Berlin, während der es auch Empfänge für die Veteranen in der russischen und der ukrainischen Botschaft gab, wurde lebhaft diskutiert, wie die damaligen Kriegs-, Ghetto-, Lager- und Blockade-Erfahrungen den nachfolgenden Generationen noch authentischer als bisher vermittelt werden können. Pjotr Feldman verwies dabei nachdrücklich auf den kürzlich vom Bundesverband herausgebrachten Doppelband „Lebende Erinnerungen. Ganz Deutschland". Mehr als 100 Zeitzeugen haben hier auf knapp 1.200 Seiten ihre Kriegs- und Lagererlebnisse, ihre Ängste, Hoffnungen und den unbedingten Sieges- und Überlebenswillen festgehalten. Ein Buch, das sich wohl als Lektüre in jedem Gymnasium eignen würde.