30.01.2013

„Fußball ist auch ein Ventil für Faschismus“

Interview mit Dieter Graumann, Präsident des Zentralrates der Juden | Passauer Neue Presse, 30.01.2013

Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrates der Juden, warnt zum heutigen 80. Jahrestag der Machtübernahme Hitlers davor, das Verbotsverfahren gegen die NPD aufzugeben und die Rechtsextremen triumphieren zu lassen.

Interview: Christoph Slangen


Vor 80 Jahren, am 30. Januar 1933, wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt, das düsterste Kapitel der deutschen Geschichte begann. Was bedeutet das Datum für Sie? 

Dieter Graumann: Das war eine schändliche Machtübergabe, eine Kapitulation der Demokratie. Faschisten sind immer stark, wenn ihre Gegner schwach sind. Das galt damals in gewaltigem Ausmaß, es gilt aber auch heute. Wenn man sich nicht wehrt, muss man sich nicht wundern, wenn die Faschisten stark werden. Man darf die Gegnerschaft nicht nur im Herzen tragen, sondern muss sich auch aktiv im Alltag gegen Neonazis wenden.

Waren die Deutschen ein Volk von Tätern?

Graumann: Ich bin dagegen, von einer Kollektivschuld zu sprechen, aber es gab hunderttausendfach individuelle Schuld. Man darf auch nicht vergessen, dass die Eliten in diesem Land sehr schnell zu den Nazis übergelaufen sind. Die akademischen Eliten, Professoren, Ärzte, Juristen, haben bei den Nazis Anschluss gesucht. Deswegen denke ich auch immer: Bildung ist kein Allheilmittel. Bildung schützt auch vor Faschismus nicht. Es gab damals kein Land auf der Welt, das eine solche Bildungsdichte und wohl auch ein solches kulturelles Niveau hatte. Dennoch hat es den Weg in den Nationalsozialismus gewählt.

Hat Deutschland die Lektion aus der Nazi- Diktatur gelernt?
Graumann: Der „Staat“ hat gelernt, die Menschen auch. Die führenden Politiker haben gewiss eine große Sensibilität. In Deutschland hat man sich mit der Vergangenheit auseinander gesetzt wie in keinem anderen Land der Welt. Nirgendwo war es auch so nötig. Aber es gibt auch noch immer offene Flanken: Wenn es etwa um die Erforschung von Nazi-Raubkunst geht, sollte und müsste man sich nun endlich mehr Mühe geben: Das ist für mich gar keine Frage von materiellen Interessen, sondern vor allem von moralischer Dimension.

Und dennoch sind Neonazis ein Problem in Deutschland. Befürworten Sie ein NPD-Verbotsverfahren? 


Graumann: Wir brauchen das NPDVerbotsverfahren. Bundesregierung und Bundestag sollten sich einem Verfahren des Bundesrates rasch anschließen. Wenn man nach einjähriger Prüfung aufgeben würde, wäre das ein sofortiger und allzu billiger Triumph für die Rechtsextremisten. Es geht um ein politisches Zeichen, dass die Demokratie einig, geschlossen und entschlossen gegen ihre Feinde agiert. Polizisten sollen ihre Wochenenden nicht opfern müssen, um Neonazi- Aufmärsche überwachen zu müssen. Steuergelder dürfen nicht mehr missbraucht werden, um braunes Gift zu finanzieren: Genug ist genug!

Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf gegen braunen Spuk?

Graumann: Es wird viel über die Liste des Simon-Wiesenthal-Zentrums der schlimmsten antisemitischen Äußerungen diskutiert. Wenig beachtet wurde dabei: Auf Platz vier dieser Liste waren europäische Fußballfans zu finden. Das ist so verkehrt nicht. Ich bin ein Fußballfan, da macht es mir erst recht Sorgen, was sich in europäischen Stadien abspielt. Es ist ein Ventil, um Faschismus, Rassismus und Antisemitismus zu transportieren. Es gibt viele Beispiele: Die Fans von Lazio Rom haben den Ruf, allzu oft den Rassismus offen zu praktizieren. Die Fans der ungarischen Nationalmannschaft haben antisemitische Schmähgesänge zuhauf gesungen, so dass Ungarn jetzt ein Geisterspiel ohne Zuschauer austragen muss. In England hat Tottenham Hotspurs das Image, ein jüdischer Verein gewesen zu sein. Die werden von Fans in England oft mit Gas imitierenden Zischgeräuschen empfangen – geschmackloser geht es nicht. Im Fußball wird viel an hässlichen Instinkten ausgelebt. Es gibt noch so viel zu tun.

Auch der israelkritische deutsche Publizist Jakob Augstein wird vom Wiesenthal- Zentrum als einer der größten Antisemiten auf der Liste geführt. Ist das gerechtfertigt?
Graumann: Herr Augstein gehört nicht in diese Gesellschaft. Ich finde seine Artikel zu Israel schauderhaft. Er verengt Israel einseitig auf die Siedlungspolitik und lässt antijüdische Klischees zu. Aber auf diese Liste gehört er definitiv nicht.

Ist es für Deutsche nicht immer noch eine Gratwanderung, wenn sie Israel kritisieren? 

Graumann: Es ist doch gar keine Gratwanderung. Man kann Israel in Bausch und Bogen kritisieren. Es verdient in Deutschland aber auch niemand eine Tapferkeitsmedaille dafür. Kritik an Israel wird fälschlicherweise als Tabu stilisiert. Kein Land der Welt wird aber in Deutschland seit 30 Jahren so hart kritisiert wie Israel. Mit keinem anderen Land befasst man sich so obsessiv. Dass in Syrien in den letzten eineinhalb Jahren 60 000 Menschen hingemetzelt worden sind, wird nur marginal wahrgenommen. Wo sind denn eigentlich die Großdemonstrationen gegen Syrien, die flammenden Artikel? So etwas gibt es immer nur im Fall Israels. Das ist eine moralische Asymmetrie, die mich immer wieder ärgert!