14.01.2013

„Juden haben Grund, sich in Deutschland wohlzufühlen“

Interview mit Dr. Dieter Graumann, Darmstädter Echo, 12.01.2013

Von Jens Kleindienst und Rainer H. Schlender

FRANKFURT. Sinn, Wärme, Herzlichkeit und Lebenslust des Judentums sollten künftig deutlicher herausgestellt werden. Das verlangte Dieter Graumann (62) in einer Rede vor seiner Wahl zum Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland. Gut zwei Jahre ist das her. Ist sein Wunsch in Erfüllung gegangen?

ECHO: Herr Graumann, muss man sich als Antisemit fühlen, wenn man gegen das Recht auf rituelle Beschneidung ist?
Dieter Graumann: Nein, überhaupt nicht! Das hat auch keiner von uns jemals behauptet. Als die Debatte im letzten Sommer über uns hereinbrach, habe ich aber mit großer Verwunderung festgestellt, dass die allermeisten Menschen gar keine Ahnung hatten, dass es die Beschneidung an Jungen im Judentum überhaupt gibt. Dabei befolgen wir dieses Gebot ja seit Tausenden von Jahren und es ist nun einmal ein elementarer Bestandteil unserer Religion.

ECHO: Können Sie die Vorbehalte nachvollziehen, die viele Menschen verspüren, wenn sie davon hören?
Graumann: Ich kann verstehen, dass etwas, was einem fremd ist, zunächst einmal Unbehagen auslöst. Es hat in diesem Fall ja auch mit Kindern zu tun, der Schutzgedanke wird also heraufbeschworen. Es gab ganz offensichtlich
einen Bedarf, über die rituelle Beschneidung an Knaben zu sprechen. Deshalb haben wir uns dieser Diskussion auch sofort offen gestellt. Diejenigen, die zu dem Schluss kommen, dass sie das nicht mittragen wollen, sind bestimmt keine Antisemiten. Allerdings haben wir erlebt, dass einige die Debatte missbraucht haben, um denn doch wieder den alten Antisemitismus zu befördern. Als ich gesagt habe, dass jüdisches Leben auf Dauer nicht mehr möglich sein wird in Deutschland, wenn man die Beschneidung hier verbietet, habe ich im Internet etwa tausendfach die Antwort bekommen: „Fröhliche Heimreise!" Und das waren oft noch die netteren Äußerungen.

ECHO: Es gab aber auch eine seriös geführte Debatte, in der es um zwei konkurrierende Rechtsgüter ging: die freie Religionsausübung und den Schutz des Kindeswohls.
Graumann: Das stimmt. Aber auch hier ist einiges aus dem Ruder gelaufen. Wir haben uns viele, zum Teil sehr kaltherzige Belehrungen anhören müssen. Es war sehr schwer, ruhig zubleiben, wenn uns vermeintliche Lektionen in Sachen Kinderliebe erteilt wurden. Dass man uns Juden und Muslime stigmatisierte als notorische Kinderquäler, kann ich niemals akzeptieren. Die Beschneidung der Jungen ist nun einmal konstitutiv in unserer Religion. Das muss man nicht billigen. Aber ich wünsche mir, dass es respektiert wird. Am schlimmsten war für mich diese Wand von Frost und von Unverständnis.

ECHO: In der Politik hat es diese Wand nicht gegeben.
Graumann: Wir schimpfen alle gern öfters über die Politiker. Aber in dieser Sache haben sie ganz viel Lob verdient. Schon wenige Wochen nach dem Kölner Gerichtsurteil, das die Beschneidung als Straftat wertete, gab es eine Resolution im Bundestag, die sich für das Recht auf rituelle Beschneidung an Jungen aussprach. Das Gesetz kam dann wenige Monate später. Das zeugt von einem großen Verantwortungsbewusstsein der deutschen Politiker und ist ein klares Zeichen dafür, dass jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland nicht nur willkommen, sondern auch gewünscht ist.

ECHO: Nach einer Umfrage lehnen 70 Prozent der Bürger das Gesetz ab.
Graumann: Diese Zahl bekräftigt das couragierte und verantwortungsvolle Handeln der Politiker umso mehr. Ich bin daher sehr glücklich über unsere repräsentative Demokratie. Ein Plebiszit über die Frage wäre sicherlich schwierig geworden.

ECHO: Aber Sie wissen auch, dass viele Politiker, die dem Gesetz zugestimmt haben, dabei ein gehöriges Bauchgrimmen verspürten. Gerade unter Kinderärzten gab es schon lange eine intensive Debatte, und zwar völlig frei von unterschwelligen Botschaften.
Graumann: Ich habe das Bauchgrimmen mancher Politiker bis hierher nach Frankfurt gehört. Aber bedenken Sie: Es ging nicht etwa um die Frage, ob Deutschland als einziges Land die Beschneidung erlaubt, sondern darum, ob Deutschland als einziges Land die Beschneidung verbietet. Das ist doch ein himmelweiter Unterschied! Das sei all jenen gesagt, die als selbsternannte Experten ein Weltmonopol auf die einzig richtige Beantwortung dieser Frage für sich beanspruchen.

ECHO: Hat die Heftigkeit der Beschneidungsdebatte vielleicht auch etwas mit dem generellen Bedeutungsverlust von Religion in unserer Gesellschaft zu tun?
Graumann: Es gibt in der Tat einen generellen Respektentzug für Religion. Die Kirchen haben in den vergangenen 20 Jahren acht Millionen Mitglieder verloren, auch bei uns lässt die Bindungskraft von Religion und Glauben leider nach. Alles Religiöse steht heutzutage unter einem neuen Rechtfertigungsdruck.

ECHO: Spüren Sie den Rückzug des Religiösen in der jüdischen Gemeinde?
Graumann: Aber natürlich, leider. Wir haben überall wunderschöne neue Synagogen, die aber immer leerer werden. Vor allem besuchen sehr viel weniger junge Menschen die Gottesdienste. Ich bedauere das sehr, aber das ist so.

ECHO: Das Judentum definiert sich sehr stark über den Glauben. Rührt die Säkularisierung nicht an den Grundfesten?
Graumann: Das Judentum ist vor allem eine Religion, aber ich kenne ganz viele Juden, die das Jüdischsein für sich inzwischen anders definieren: über Tradition, über die Zugehörigkeit zu einer Schicksalsgemeinschaft, über Kultur über die Nähe zu Israel oder ein allgemeines jüdisches Gefühl. Es gibt viele Möglichkeiten, sich mit dem Judentum verbunden zu fühlen.

ECHO: Was tut der Zentralrat gegen den Bedeutungsverlust des Religiösen?
Graumann: Der Zentralrat ist in erster Linie die politische Repräsentanz aller Juden in Deutschland. Er ist keine Religionsinstanz, das sind unsere Rabbiner. Aber wir können Bedingungen schaffen, damit das Religiöse wächst und blüht. Deshalb unterstützen wir zum Beispiel die Rabbinerausbildung hierzulande. Es ist etwas ganz Besonderes, dass es nach 70, 80 Jahren wieder Rabbinerinnen und Rabbiner hier „Made in Germany" gibt. Das zeugt davon,dass das Judentum lebt und an Kraft gewinnt.

ECHO: Die Zusammensetzung der jüdischen Gemeinde in Deutschland hat sich durch den Zuzug vor allem aus Russland enorm gewandelt. Hat sich dadurch auch das Selbstverständnis der Gemeinschaft verändert?
Graumann:Extrem sogar. 90 Prozent der Juden, die heute in Deutschland leben, sind seit Anfang der neunziger Jahre zu uns gekommen. Wir machen hier Integration im Verhältnis zehn zu neunzig.

ECHO: Das kann man eigentlich schon nicht mehr Integration nennen.
Graumann: Wir wachsen zu einer ganz neuen Gemeinschaft zusammen. Das ist eine gewaltige Leistung. In Deutschland wird viel gejammert über Integrationsprobleme – wir machen Integration, ohne zu klagen, aber dafür umso erfolgreicher. Denn wir haben diese Menschen nicht nur gebraucht, sondern von Herzen gewollt.

ECHO: Haben die Juden aus Russland ein anderes Verhältnis zu ihrer Religion?
Graumann: Sie sind in einem Staat aufgewachsen, der religionsfeindlich war und judenfeindlich obendrein. Deshalb hatten die Menschen von dort oft sehr wenig Wissen über das Judentum und mussten das zum Teil hier erst lernen. Bei den Jungen geht die Integration über unsere Schulen leicht, da merken Sie bald keinen Unterschied mehr. Bei den Älteren ist es schwieriger. Allerdings sind diese Menschen eine große Bereicherung für uns – mit ihrem intellektuellen Hintergrund und ihren oftmals besonderen Biografien.

ECHO:Wie zeigt sich das im Alltag?
Graumann: Sie haben zum Beispiel eine ganz neue Erinnerungskultur mitgebracht. Wir haben uns hier immer nur als Opfer der Schoah gesehen, auch ich selbst komme aus einer Familie von Holocaust- Opfern. Die Juden aus der ehemaligen Sowjetunion fühlen sich hingegen als Sieger über den Faschismus.Eine halbe Million Juden haben in der Roten Armee gekämpft. Ihre Nachkommen sind stolz darauf, dass die Eltern oder Großeltern Europa von Hitler befreit haben, zu Recht! Das zeigt sich auch bei den Gedenktagen. Wir haben immer den 9.November als Erinnerung an die Pogromnacht 1938 begangen. Jetzt ist der 9. Mai hinzugekommen. Für unsere Zuwanderer ist das Ende des Zweiten Weltkriegs ein großer Feiertag – und für uns sehr bewegend. Es ist eine Perspektive, die wir hier erst lernen mussten und die uns verändert und bereichert.

ECHO: Die starke Veränderung der jüdischen Gemeinde spiegelt sich in den Äußerungen und der Zusammensetzung des Zentralrats noch nicht wider.
Graumann: In den Äußerungen sicher schon. Wir sprechen viel über das Thema Integration und über die besonderen Bedürfnisse unserer neuen Mitglieder, wie beispielsweise die notwendige Anerkennung ausländischer Hochschulabschlüsse oder die Regelung der Rentenproblematik. In der Zusammensetzung der obersten Repräsentanz wird man die Veränderung wohl erst mit der Zeit sehen können. Ich halte nichts davon, dass wir eine Quote festschreiben. Vor der großen Zuzugswelle waren die meisten Juden in Deutschland welche, deren Familien ursprünglich aus Osteuropa stammten. Bis auf Ignatz Bubis kamen aber alle Zentralratsvorsitzenden aus dem deutschen Judentum. Wir „Ostjuden" haben uns von ihnen aber immer sehr gut vertreten gefühlt. Es geht nicht darum,woher man kommt, sondern in welche Richtung man gemeinsam geht und was man tut.

ECHO: Ihre Vorgängerin Charlotte Knobloch hat infrage gestellt, dass Juden in Deutschland willkommen seien. Sehen auch Sie eine Kluft zwischen Juden in Deutschland und der deutschen Gesellschaft? Sollte man überhaupt davon reden, dass Juden willkommen sein müssten, oder schafft das nicht eine Separation, die es gar nicht geben dürfte?
Graumann: Es dürfte vieles nicht geben. Es dürfte spätestens nach Auschwitz auch gar keinen Antisemitismus mehr geben. Und dennoch: Umfragen belegen, dass etwa ein Fünftel der Menschen in Deutschland starke Vorbehalte gegen Juden hat. Diese Quote ist seit Jahrzehnten nahezu konstant. Mit Bildung oder Erfahrung hat das offenbar gar nichts zu tun. Für diese Menschen ist nicht das Problem, was Juden tun oder nicht tun, sondern schon allein ihre schiere Existenz. Damit müssen sie sich aber abfinden, sorry!

ECHO:Welche Rolle spielt für Sie in diesem Zusammenhang die Diskussion über ein Verbot der NPD? Der alltägliche Antisemitismus, den Sie beklagen, würde dadurch ja nicht beseitigt.
Graumann: Nein, überhaupt nicht. Es ist eine Illusion zu glauben, mit einem Verbot der NPD könnte man das Problem erledigen und „entsorgen". Man muss den Faschismus bekämpfen, wo er auftritt. Besonders in Teilen Ostdeutschlands sind die Rechtsradikalen sehr geschickt dabei, viele Menschen durch vermeintliche Bürgernähe für sich zu gewinnen und mit ihrer hasserfüllten Ideologie zu kontaminieren. Trotzdem wäre ein NPD-Verbot ein wichtiger Schritt, um Strukturen zu zerschlagen. Man würde der NPD das Parteienprivileg entziehen, das sie nutzt, um überall Versammlungen abzuhalten, die dazu führen, dass deutsche Polizisten an Wochenenden Nazis vor Gegendemonstranten schützen müssen. Und es würde verhindern, dass deutsche Steuergelder missbraucht werden für die Finanzierung von braunem Hass. Das alles spricht für ein Verbot der NPD.

ECHO:Erwarten Sie mehr Unterstützung von den Bürgern?
Graumann: Natürlich würde ich mir einen starken Ruck gegen rechts wünschen. Und generell mehr Engagement für die Freiheit. Im Übrigen gibt es aber viele solche Initiativen. Zwei davon zeichnet der Zentralrat demnächst mit dem Paul-Spiegel- Preis für Zivilcourage aus. Die eine arbeitet sehr mutig in Mecklenburg-Vorpommern in dem Ort Lübtheen, wo die NPD sehr stark ist. Die andere setzt sich in Berlin-Kreuzberg vorbildlich gegen Antisemitismus in der Migrationsgesellschaft ein. Es ist uns daher sehr wichtig, die Initiative „Wir für Lübtheen" und die „Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus" auf diese Weise zu würdigen. Natürlich hofft man bei solchen Preisvergaben auch immer, dass andere den guten Beispielen folgen.

ECHO: Die wachsende Judenfeindlichkeit unter muslimischen Zuwanderern haben Sie bereits bei Ihrem Amtsantritt vor zwei Jahren thematisiert. Hat sich seitdem etwas geändert?
Graumann: Es ist nicht besser geworden.

ECHO: Woran liegt das?
Graumann: Unter den Muslimen in Deutschland gibt es sehr viele Ansprechpartner, die zum Teil auch untereinander konkurrieren. Das macht es für uns nicht leichter. Ich wünsche mir dennoch mehr Courage und Tatendrang bei allen, die in den muslimischen Gemeinschaften Verantwortung tragen.

ECHO: Sie sind im Gespräch mit diesen Repräsentanten. Erleben Sie dort Bewegung, Stagnation oder gar Rückschritt?
Graumann: Es gibt Bewegungen, aber manche kann man nur mit der Lupe erkennen – und manchmal nur mit dem Mikroskop.

ECHO: Sie sind unzufrieden.
Graumann: Es könnte sehr viel besser sein. Durch Wegschauen löst man das Problem jedenfalls nicht.

ECHO: Sie wollten als Zentralratspräsident das deutsche Judentum aus der „Meckerecke" herausholen, wie Sie einmal sagten, und zeigen, dass Judentum etwas anderes ist als Elend, Knechtschaft und Verfolgung. Ist Ihnen das gelungen?
Graumann: Das ist natürlich nicht vollständig gelungen, aber ansatzweise, so glaube ich schon. Allerdings gab es gerade im vergangenen Jahr immer wieder Anlässe, bei denen wir uns mit Leidenschaft und Überzeugung einsetzen mussten. Denken Sie beispielsweise an das furchtbare Grass-Gedicht, an die kontroverse Debatte mit den Sportverbänden, mit dem DFB anlässlich der Europameisterschaft und dem IOC, das sich kalt weigerte, an die vor 40 Jahren ermordeten israelischen Sportler zu erinnern, an den Überfall auf einen Rabbiner in Berlin, an das NPD-Verbot und natürlich an die verletzende Beschneidungsdebatte.

ECHO: Sind Sie vielleicht zu optimistisch gewesen?
Graumann: Nach wie vor will ich einen Perspektivwechsel erreichen und auf die positive Kraft und die Schätze des Judentums setzen. Mein Spirit von unverzagter Zuversicht bleibt ungebrochen. Im Judentum ist es so, dass man Gutes will, aber immer wieder auch Rückschläge hinnehmen muss. Das erleben wir schon seit Tausenden von Jahren. Dennoch sehe ich die Gesamttendenz positiv. Mein Ziel ist es, dass wir das Judentum in Deutschland zu einer neuen Bluüe führen, und das wird uns auch gelingen. Meinen Optimismus lasse ich mir gewiss nicht beschneiden.

ECHO: Sie betonen die Religiosität und versuchen, damit auch gesellschaftlich zu wirken. Fühlen Sie sich dabei unterstützt von den christlichen Kirchen? Oder sind Sie ein Einzelkämpfer?
Graumann: Überhaupt nicht. Sie konnten das an der Beschneidungsdebatte sehen: Als Allererste sind uns die katholische und die evangelische Kirche zur Seite gesprungen. Das war schon bemerkenswert, und dafür sind wir auch dankbar. DasVerhältnis zu den christlichen Kirchen hat sich dramatisch verbessert. Es gibt viel guten Willen auf beiden Seiten. Im vorletzten Jahr war der Papst hier, und wir haben ein sehr freundliches Gespräch gehabt. Präses Nikolaus Schneider von der evangelischen Kirche engagiert sich seit Langem ganz persönlich für die Versöhnung zwischen Juden und Christen. Nicht ohne Grund hat er 2012 die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen bekommen.

ECHO: Ist es heute für Juden leichter, gern in Deutschland zu leben, als vor zehn oder zwanzig Jahren?
Graumann: Ganz sicher.Wir sind in eine gute Richtung unterwegs. Allen Hindernissen zum Trotz: Juden haben viel Grund, sich in Deutschland wohlzufühlen. So soll es bleiben – und noch viel besser werden