19.12.2012

Die Initiative „Ich will Europa“

Interview mit Dr. Dieter Graumann, Kampagne „Ich will Europa“, 19.12.2012

Unser Botschafter Dr. Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist davon überzeugt, dass Europa unsere größte Friedensgarantie ist. Laut ihm haben wir Europa nicht ein für allemal geschaffen, wir er-schaffen es jeden Tag wieder aufs Neue, nur durch uns, die Menschen in Europa.

Es ist das erste Mal, dass die Vertreter der großen Religionsgemeinschaften für ein gemeinsames Foto zusammenkommen. Warum ist es Ihnen gerade jetzt wichtig, mit einem gemeinsamen Statement für ein starkes Europa einzutreten?

Wir leben gerade in einer Zeit, in der es leider immer mehr Zweifler an der europäischen Idee der Vielfalt und des Zusammenhalts gibt. Die EU vereint 27 Länder mit ihren diversen Sprachen, Kulturen und Religionen. Sie verbindet aber eben nicht nur Staaten, sondern vor allem die darin lebenden Menschen. Das „Du" und „Ich" sollen zu einem neuen „Wir" werden.
Vor allem ist das neue Europa aber das größte Friedenswerk der Geschichte. Wo viele Jahrhunderte nur Krieg und Blutvergießen herrschten, erleben wir nun die längste Friedensepoche in unserer Geschichte. Der Frieden ist das allergrößte Geschenk, das uns Europa täglich macht – und wir müssen daher mit viel mehr Feuer und Begeisterung für unser Europa werben.
Religiöse Unterschiede dürfen wir dabei nicht als Hindernisse betrachten, sondern müssen sie endlich als Bereicherung begreifen. Unseren Kindern müssen wir vermitteln: Vielfalt bereichert, Vielfalt stärkt, Vielfalt tut gut! Und: Gerade Europa tut uns allen so gut! Diese Einsicht müssen wir in den Herzen der Menschen verankern. Das sollte unsere Botschaft sein: Europa ist unser Glück, das wir aber selbst nun gemeinsam schmieden müssen.

Wie leben die Glaubensgemeinschaften das europäische Motto "In Vielfalt geeint"?

Gerade in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland ist die Vielfalt, ist doch die Pluralität die neue jüdische Normalität. Vor allem seit der Zuwanderung vor etwa 20 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion ist die Vielfalt unser bunter Alltag geworden. Wir vereinen jüdische Menschen aus vielen verschiedenen Ländern und bauen eine ganz neue jüdische Gemeinschaft auf. Es ist nicht nur eine bloße „Integration", es ist ein ganz neues Zusammenwachsen. Miteinander und nicht nebeneinander – das sollte auch Ziel und Aufgabe jedes europäischen Staates sein. Erst wer die Vielfalt zu schätzen weiß, kann überhaupt eine positive, tolerante und friedliche Zukunft gestalten - zusammen!

Welchen Beitrag können die Glaubensgemeinschaften für das Zusammenwachsen Europas leisten?

So wie sich nationale Grenzen öffneten, müssen auch wir dafür sorgen, dass Religionen und kulturelle Unterschiede keine Grenzen mehr im Miteinander darstellen. Das müssen gerade die Glaubensgemeinschaften glaubwürdig vorleben. Sie müssen allen radikalen Strömungen entgegen treten, unmissverständlich und entschlossen. Fanatismus darf niemals geduldet werden. Antisemitismus und Rassismus sind und bleiben Menschenhass pur. Ich bin davon überzeugt, dass unsere Vielfalt die Quelle unserer Kraft dabei sein kann, wenn wir uns auf unsere gemeinsamen Werte besinnen. Religion verbindet, Religion verpflichtet. Aus dem Judentum stammt schließlich das Gebot der Nächstenliebe, das weltweit zum herausragenden moralischen Grundprinzip wurde. Wir, die jüdische Gemeinschaft, haben dieses Gebot stets befolgt und unseren Kindern als Auftrag weitergegeben. Der Respekt vor und die Sorge um den „Anderen" ist ein elementarer Teil unserer Religion und gehört zum jüdischen Selbstverständnis. Ein Europa der Nationen und der Religionen, getragen von dem Respekt für unsere neue bunte Vielfalt, das sowohl seine Unterschiede wie unsere gemeinsamen Werte würdigt – das ist unser europäisches Haus, das wir zusammen errichten und mit Lebensfreude gemeinsam bewohnen wollen!

Warum wollen Sie Europa?

Ich bin davon überzeugt, dass Europa unsere größte Friedensgarantie ist. Manche Menschen wissen den Wert des Friedens heute kaum noch zu würdigen, vielleicht, weil wir ihn mittlerweile schon als „Normalität" empfinden – zum Glück! Doch diese „Normalität" ist keineswegs selbstverständlich. Vielmehr verleiht ihm doch erst ein starkes, geeintes Europa seine Stabilität. Europa ist dabei der Fels in der Brandung unserer Differenzen und Unterschiedlichkeiten und nationalen Eitelkeiten, zugleich aber auch der Motor für Fortschritt und für unseren Wohlstand. Ich will Europa daher als beständige Sicherheitsgarantie für unsere Kinder, aber auch als sprudelnde Quelle der Inspiration und Motivation für unser aller Zukunft. Denn Europa haben wir nicht ein für allemal geschaffen, wir er-schaffen es jeden Tag wieder aufs Neue, nur durch uns, die Menschen in Europa. Der Glaube an die Einheit und an die Kraft des Zusammenhalts, ausdrücklich allen markanten Unterschieden zum Trotz, bewegt dabei unsere Herzen und Taten.
Ich will ein Europa der Religionen, der Regionen und des Respekts füreinander. Und ich glaube: Religionen können das so gut vorleben wie niemand sonst, wenn sie das nur wollen. Und wir Juden wollen das ganz bestimmt!