12. Jahrgang Nr. 12 / 17. Dezember 2012 | 4. Tewet 5773

Zeit der Mündigkeit

Eine Ausstellung des Jüdischen Museums der Schweiz rückt die Erlebnisse von Bar-Mitzwa-Jungen und Bat-Mitzwa-Mädchen in den Mittelpunkt

Von Dominik Heit

Als Dina Sarah Hyams sich auf die Bat Mitzwa vorbereitete, eröffnete sich ihr eine neue Welt, berichtet eine Begleitbroschüre des „Jüdischen Museums der Schweiz“. Das Mädchen lernte in den Unterrichtsstunden vieles über das Judentum, begann Hebräisch zu lernen, notierte sich die koscheren Fische und erfuhr im Bat-Mitzwa-Unterricht, warum und wie Juden schächten und welche Tiere dafür geeignet sind.
In der Kornhausgasse 8 unweit der Basler Universität stehen Erlebnisse und Erinnerungen von jungen Menschen, ihren Eltern und Religionslehrern im Mittelpunkt. „Wie werden jüdische Kinder und Jugendliche erwachsen?“ lautet der Untertitel einer Sonderausstellung über das kurze Stadium zwischen Kind-Sein und religiöser Mündigkeit, dem Übergang zu Bar Mitzwa und Bat Mitzwa.
Die Ausstellung wurde mehrfach verlängert. Bei Protestanten und Katholiken war das Interesse an den Ritualen der Initiation und der Integration in die jüdische Gemeinschaft ähnlich groß wie in den jüdischen Gemeinden. Lehrerverbände, Schulklassen, Mitglieder christlich-jüdischer Gesellschaften, Vereine und Touristen von nördlich und südlich des Rheins geben sich die Klinke in die Hand.
Bat Mitzwa, „Tochter des Gebots“, werden Mädchen mit zwölf Jahren. Sie gelten am Tag nach diesem Geburtstag als religiös volljährig und verantwortlich für ihr Tun und Lassen. Jungen werden mit dreizehn Jahren in die Pflicht genommen und sind dann Bar Mitzwa, „Sohn des Gebots“. Für Joshua Weill zum Beispiel änderte sich sein Leben, als ihm der Gebetsschal, der Tallit, umgelegt und er zur Tora gerufen wurde. „Ich muss jetzt beispielsweise jeden Morgen Tefilin (Gebetskapseln und Gebetsriemen) anlegen, oder ich gehöre jetzt zum Minjan“, erzählt er den Besuchern an einer von mehreren Hörstationen. Wenn er in der Schule isst, kann er nicht wie seine Mitschüler einfach in die Mensa gehen, sondern muss in einem Lebensmittelgeschäft nach der Koscher-Liste der Israelitischen Gemeinde Basel einkaufen.
Eigentlich wird jedes jüdische Kind bei Erreichen des entsprechenden Alters automatisch Bar Mitzwa oder Bat Mitzwa. Es ist aber Brauch geworden, dieses Ereignis festlich zu begehen, den jungen Leuten dafür aber einiges abzuverlangen. Besonders gefordert sind die Jungen. Bar-Mitzwa-Zeremonien sind für sie seit rund 700 Jahren bezeugt. Am ersten Schabbat, der im jüdischen Kalender auf ihren Geburtstag folgt, sind Jungen gefordert, einen Teil des Gottesdienstes zu leiten. Es wird von ihnen erwartet, dass sie ein Stück aus dem Wochenabschnitt auf Hebräisch vortragen oder besser sogar „leinen“. Das bedeutet, den Text in traditioneller Weise zu kantillieren. Außerdem sollen sie einen kleinen Lehrvortrag, eine „Drascha“, halten. Der Beginn der Mündigkeit wird aber auch mit einer großen Party und vielen Geschenken versüßt.
Es war keine leichte Sache, erinnert sich Joshua Weill: „Für meine Bar Mitzwa begann ich schon ein Jahr vorher mit der Vorbereitung für das Leinen. Zu diesem Zeitpunkt war die Bar Mitzwa für mich noch ziemlich surreal, aber ich war trotzdem sehr motiviert und übte fleißig.“ Je näher aber die Feier rückte, desto realer sei sie für ihn geworden. „Nun begann ich mich selbst zu stressen und meine Motivation fürs Leinen ließ stark nach.“ Als er im Hinblick auf das Bar-Mitzwa-Ritual erste Geschenke bekam, nahm die Nervosität zu – erst recht mit einer Schachtel Bücher aus einer jüdischen Buchhandlung; damit hatte er eine eigene „jüdische Bibliothek“.
Bat-Mitzwa-Feiern für Mädchen sind noch nicht so alt. Erstmals 1841 hat eine jüdische Instanz – das „Französische Konsistorium der Israeliten“ – Bat-Mitzwa-Feiern für Mädchen eingeführt, ohne diese aber am Gottesdienst zu beteiligen. Achtzig Jahre später hat dann ein Rabbiner diese Feier in die Synagoge geholt: Mordechai Kaplan, der Begründer der rekonstruktionistischen Bewegung in den USA. Seither hat es sich in liberalen und konservativen Gemeinden eingebürgert, die Bat Mitzwa der Mädchen der Bar Mitzwa der Jungen gleichzustellen.
Orthodox geführte Gemeinden gehen nicht so weit, aber auch sie haben die Bat Mitzwa der Mädchen aufgewertet. Manche erlauben ihnen, die Prophetenlesung am Samstagmorgen zu übernehmen oder einen Lehrvortrag zu halten. Zuweilen werden sie auch nur in einer Predigt gewürdigt und mit einem festlichen Kiddusch geehrt. Andere geben ihnen in speziellen Frauengottesdiensten die Möglichkeit zur Tora-Lesung.
Besucher der Basler Ausstellung erfahren, wie Jungen und Mädchen am Tag der Feier angezogen sind. Oder was sie offiziell geschenkt bekommen: Jungen zum Beispiel einen Tallit, den Gebetsschal, samt Tasche und Gebetsriemen und manchmal auch einen silbernen Bar-Mitzwa-Becher. Die Mädchen werden mit Kerzenhaltern und Schmuck beschenkt. Daneben können sie ihre ganz persönlichen Wünsche auf einer Liste notieren: Laptop und Uhr sind dort ebenso aufgeführt wie Schaumbäder, flauschige Pullover und Nail-Stickers.
Die Ausstellung läuft in Basel noch bis zum 15. Februar 2013.
http://www.juedisches-museum.ch