12. Jahrgang Nr. 12 / 17. Dezember 2012 | 4. Tewet 5773

Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft

Das Centrum Judaicum ist keine Synagoge – und doch ein Ort des Lernens und der Versammlung

Von Alice Lanzke

Streng genommen ist der Prachtbau in der Oranienburger Straße, der die Silhouette von Berlins Mitte wie kaum ein anderes Gebäude prägt, nicht das, was sein Name – Neue Synagoge – ausdrückt: eine Synagoge. Zwar enthält das Haus, dessen vergoldete Kuppeln an sonnigen Tagen im Licht glänzen, einen Gebetsraum, doch wurde es nach seiner Restaurierung vor bald achtzehn Jahren nicht als Synagoge wieder eingeweiht. Dann aber erfüllt es doch Funktionen, die eine Synagoge, über ihren religiösen Zweck hinaus, ebenfalls hat: Es ist ein Haus der Versammlung – genau das bedeutet „Beit Ha-Knesset“, die hebräische Bezeichnung für „Synagoge“ – und ein Haus des Lernens. Dafür sorgt die Stiftung Centrum Judaicum, als deren Sitz die Neue Synagoge seit bald achtzehn Jahren dient.
Das Centrum Judaicum ist eine der wichtigsten jüdischen Einrichtungen in Deutschland und braucht auch keinen Vergleich mit jüdischen Kultur- und Bildungsinstitutionen rund um den Globus zu scheuen. Seine Aufgabe ist es, die Geschichte des jüdischen Berlins aufzuarbeiten und an die Leistungen der jüdischen Bevölkerung zu erinnern. Dies erreicht das von dem Historiker Hermann Simon geleitete Centrum mit einer breiten Palette von Ausstellungen, Veranstaltungen und Publikationen, ob es um jüdische Pioniere der Berliner Filmindustrie, um Albert Einstein oder um jüdische Frontsoldaten im Ersten Weltkrieg geht. Neben der ständigen Schau „Tuet auf die Pforten“ gibt es jedes Jahr eine Hauptausstellung sowie mehrere Nebenschauen. Die Hälfte davon entsteht durch Ideen von außen, die andere Hälfte geht auf Ideen des Centrum Judaicum selbst zurück. Das Centrum gibt zudem die Veröffentlichungsreihe „Jüdische Miniaturen“ heraus, verwaltet ein umfangreiches Archiv, und hat sich so als eine der ersten Anlaufstellen für die Erforschung der jüdischen Geschichte etabliert.
Dieser Tage illustriert die Ausstellung „Moses Mendelssohn: Freunde, Feinde und Familie“ fast schon exemplarisch, wie die Stiftung ihrer Aufgabe gerecht wird. Der große Universalgelehrte wird facettenreich als einflussreicher Aufklärer ebenso wie als orthodoxer Jude präsentiert. Es werden auch – erstmals – die gegensätzlichen Strömungen seiner jüdischen Kritiker unter die Lupe genommen. „Noch heute gibt es Kontroversen um Mendelssohn“, stellt Direktor Hermann Simon fest. Wirklich aufgearbeitet wurden sie nicht; so betritt das Centrum Judaicum mit der Ausstellung wissenschaftliches Neuland. Zugleich ist die Schau eingebettet in das Jubiläum „250 Jahre Familie Mendelssohn“, das ganz Berlin in diesem Jahr feiert.
Das Centrum Judaicum, so Simon, wolle sich mit seinen Ausstellungen sichtbar machen. Und für jedermann zugänglich sein – auch wenn die strengen Sicherheitsvorkehrungen auf den ersten Blick etwas abschreckend wirken mögen. Tatsächlich beäugen nicht wenige Touristen den Eingangsbereich des Centrums neugierig: Der Vorplatz ist durch Pfeiler und eine Kette abgetrennt, vor der Tür stehen Polizisten, dahinter wartet eine Sicherheitsschleuse.
Künftig will das Centrum auch die Wandlung der Gemeinden durch den Zuzug osteuropäischer Juden thematisieren. „Die russischen Muttersprachler liegen mir besonders am Herzen“, erklärt Simon. Entsprechend sollen etwa bei den nächsten jüdischen Kulturtagen in Berlin russischsprachige Veranstaltungen organisiert werden. Allerdings ist sich das Centrum Judaicum nicht nur seiner Aufgabe für die Gegenwart und Zukunft, sondern auch seiner historischen Wurzeln in der historischen Synagoge Oranienburger Straße sehr bewusst. Es sieht sich daher als eine Brücke zwischen der Gegenwart und der Zukunft.
Die ursprüngliche Synagoge wurde nach mehreren Jahren der Planung und des Baus unter Eduard Knoblauch und später Friedrich August Stüler am 5. September 1866 feierlich eröffnet und erregte großes Aufsehen. So urteilte etwa die „Königlich priviligirte Berlinische Zeitung“ über die Synagoge: „Ihre Ausschmückung (...) erinnert unwillkürlich an die Zauberräume der Alhambra und schönsten Denkmäler der arabischen Architektur.“ Tatsächlich hatte sich Knoblauch vom maurischen Stil inspirieren lassen, womit die Herkunft der Juden aus dem Orient angedeutet werden sollte. Das rief jedoch auch Missbilligung hervor: Einige Gemeindemitglieder kritisierten, er betone die Fremdartigkeit der jüdischen Religion. Anderen war der Bau mit seinen 3.200 Plätzen zu groß und auch über den modernen Ritus des Hauses wurde heftig diskutiert. Dennoch etablierte sich die Neue Synagoge schnell im jüdischen Leben der Stadt und gehörte zu den am meisten bewunderten Sehenswürdigkeiten Berlins.
Das Dritte Reich beendete dies. In der Reichspogromnacht 1938 versuchten SA-Leute, das Gotteshaus in Brand zu stecken. Zu Pessach 1939 wurde es noch einmal eröffnet. Der letzte Gottesdienst fand am 30. März 1940 statt. Bombenangriffe der Alliierten führten zu schweren Beschädigungen, 1958 wurde schließlich der Hauptraum gesprengt.
Während der deutschen Teilung fristete die Synagoge lange Zeit ein Schattendasein. Erst 1988 wurde die „Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“ ins Leben gerufen und der Wiederaufbau des Hauses beschlossen. Hermann Simon ist überzeugt, dass es ohne Heinz Galinski, den damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, nicht dazu gekommen wäre. Am 7. Mai 1995 wurde die Neue Synagoge schließlich als Centrum Judaicum feierlich wiedereröffnet. Bei der Restaurierung entschied man, auch die Narben der Vergangenheit zu zeigen. Während die prachtvolle Straßenfassade originalgetreu rekonstruiert wurde, lässt die Freifläche hinter den restaurierten Gebäudeteilen den einstigen Synagogenhauptraum nur erahnen. Heute ist das Haus wieder fester Teil des Berliner Kulturlebens. Jährlich kommen etwa 140.000 Menschen in das Haus. So ist es kein Wunder, wenn Simon feststellt: „Das Centrum Judaicum hat einen festen Platz in dieser Stadt – und wird diesen Platz auch behalten.“