12. Jahrgang Nr. 12 / 17. Dezember 2012 | 4. Tewet 5773

Tiefe Gräben

In der Israelitischen Kultusgemeinde Wien geht es nach der Vorstandwahl turbulent zu

Von Alexia Weiss

Der Wahlkampf in der Israelitischen Kultusgemeinde Wien war heftig. Bereits Monate vor dem für November angesetzten Urnengang hatte sich der Wiener Psychoanalytiker Martin Engelberg mit der von ihm neu gegründeten Liste Chaj – Jüdisches Leben als Herausforderer des amtierenden Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, Oskar Deutsch, und dessen Fraktion Atid präsentiert.
Die von nichtjüdischen Medien zum Zweikampf zwischen Deutsch und Engelberg hochstilisierte Wahl ging schließlich jedoch für beide Fraktionen weniger erfolgreich aus als von diesen erhofft: Atid, bisher mit zehn Mandaten stärkste Fraktion, behielt zwar diese Position, büßte aber drei Sitze ein. Chaj schaffte den Einzug, aber lediglich mit drei Mandaten. Insgesamt zählt der Vorstand 24 Mitglieder.
Zulegen konnten dagegen die bucharischen Juden – bisher fünf, nun sechs Sitze – sowie die georgischen Juden, die statt bisher eines Mandats nun über zwei verfügen. Bei beiden Gruppen handelt es sich um Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die seit den 1970er-Jahren nach Österreich gelangten und nun teilweise schon in der dritten Generation dort leben. Die „Bucharen“, wie sie kurz genannt werden, kamen aus Ländern wie Tadschikistan, Kirgisistan und Usbekistan. Sie nutzten die Möglichkeit, um über Wien nach Israel auszuwandern. Ähnliches gilt für die georgischen Juden. Angehörige beider Gruppen, die sich in Israel nicht einleben konnten, kamen schließlich nach Wien zurück. Sie werden dem sefardischen Teil des Judentums zugerechnet.
Der Anteil dieser Gruppe an der Mitgliederzahl der Wiener Gemeinde wächst. Man lebt traditioneller, heiratet früher, bekommt mehr Kinder. Zudem studieren viele der aschkenasischen nichtreligiösen jungen Menschen lieber im Ausland als in Wien. Orthodoxe Familien wiederum schicken ihre Kinder schon im Teenager-Alter an Jeschiwot in Israel, in England oder in den USA. Dies schmälert die Zahl der Aschkenasen. Insofern spiegelt der Zugewinn der von Sefarden besetzten Vorstandssitze die tatsächliche Stärke dieser Gruppe innerhalb der Gemeinde wider.
Sowohl Deutsch als auch Engelberg bemühten sich dennoch, das Ergebnis in ein für sie positives Licht zu rücken: Engelberg betonte: „Wir sind stolz auf unser Ergebnis – wir sind vom Stand weg auf drei Mandate gekommen.“ Deutsch wiederum sprach von einer Bestätigung des Wählers für die Arbeit der IKG-Spitze, die schon in der zu Ende gegangenen Legislaturperiode aus einer Koalition von Atid mit den bucharischen Juden bestanden hatte.
Im Endergebnis hat Deutsch ein Bündnis von sechs der insgesamt acht vertretenen Fraktionen um sich versammelt – und das auffallend rasch, allerdings auch nicht überraschend, denn die Koalitionsvereinbarungen zwischen Atid und den anderen Parteien waren teilweise schon vor der Wahl geschlossen worden. Neben Atid umfasst das Bündnis auch die sefardischen Gruppierungen, die orthodoxen Fraktionen – Block religiöser Juden und Khal Israel – sowie den Bund sozialdemokratischer Juden – Avoda. Gemeinsam hat diese Koalition 19 Sitze. Josef Sarikov von der bucharischen Fraktion und Dezoni Dawaraschwili von der georgischen Gruppe wurden in der konstituierenden Sitzung des IKG-Vorstands Ende November als Vizepräsidenten gewählt.
Nur fünf Mandatsträger sind daher der Opposition zuzurechnen. Neben den drei Chaj-Vertretern sind dies die beiden Abgeordneten der ebenfalls neuen Partei Initiative Respekt. Anders als Engelberg trug diese Gruppe mit der Journalistin Sonia Feiger an der Spitze allerdings die Wahl Oskar Deutschs zum IKG-Präsidenten mit. Im Gegenzug erhielt sie Sitze in allen Kommissionen der IKG und den Vorsitz der Sozialkommission. Engelberg ging hier dagegen weitgehend leer aus.
Der Wahlkampf war hinter und vor den Kulissen heftig geführt worden. Vor der Wahl wurde getuschelt, Engelberg habe angeblich versucht, Mandatsträger anderer Fraktionen durch Finanzierungszusagen für Projekte für sich zu gewinnen. Einige Tage nach der konstituierenden Sitzung waren diese Behauptungen endgültig das Thema Nummer eins in der Wiener Gemeinde.
Wie es hieß, stammte das von Engelberg zugesagte Geld von Ronald Lauder, dem Präsidenten des Jüdischen Weltkongresses. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe wies Lauder entschieden zurück. Dennoch gab Deutsch dem Vernehmen nach eine Weisung an das Sicherheitspersonal der IKG, Lauder keine IKG-Institution in Wien betreten zu lassen. Offiziell wollte sich Deutsch dazu aber nicht äußern, da Sicherheitsthemen immer im nichtöffentlichen Teil der Sitzungen besprochen werden. So sieht sich Gemeindepräsident Deutsch einem Konflikt mit Lauder ebenso wie einem Streit mit dem Oppositionellen Engelberg gegenüber. Die Gräben sind tief. Man darf auf die neue Amtsperiode des Kultusvorstands gespannt sein.