12. Jahrgang Nr. 12 / 17. Dezember 2012 | 4. Tewet 5773

Neue Wege

Die Allgemeine Rabbinerkonferenz ist für Auslegungen der Tora mit neuen Methoden offen

Von Heinz-Peter Katlewski

Kaschrut, das seien nicht nur Speisegesetze, erläutert ein Positionspapier der ARK, der Allgemeinen Rabbinerkonferenz. Bei koscherer Ernährung gehe es um mehr als um erlaubte Speisen oder korrekte Zubereitung. „Es handelt sich um die ganze jüdische Philosophie und Ethik des Essens“, heißt es dort, und es berühre „den Kern jüdischer Identität – auch für diejenigen, die sich nicht an Kaschrut“ hielten.
Die ARK ist – neben der ORD, der Orthodoxen Rabbinerkonferenz – eines der beiden Rabbiner-Gremien, die vom Zentralrat der Juden in Deutschland anerkannt und unterstützt werden. Sie vereinigt die nicht-orthodoxen Rabbiner in Deutschland. Ihnen ist gemeinsam, die Tora als Grundlage des Judentums nicht nur mit Mitteln zu deuten, die die Gelehrten von der Antike bis zur frühen Neuzeit entwickelt haben, sondern auch die Methoden zeitgenössischer Wissenschaften zu nutzen. Dafür ist das Kaschrut-Dokument ein bemerkenswertes Beispiel, das in Zukunft um weitere ergänzt werden soll.
Aufgenommen werden Rabbiner, die ein wissenschaftliches Studium für dieses Amt absolviert haben. Sie müssen ordnungsgemäß ordiniert worden sein und Gemeinden oder Studiengemeinschaften betreuen – Einheitsgemeinden, Gemeinden der „Union progressiver Juden in Deutschland“ oder Einrichtungen der Rabbinerausbildung, betont der Vorsitzende der ARK und Augsburger Gemeinderabbiner Dr. Henry G. Brandt.
Die ARK konstituierte sich am 3. Februar 2005 in Braunschweig mit 11 Mitgliedern, heute sind es 25. 19 von ihnen betreuen jüdische Gemeinden, manche auch mehrere. 9 der Rabbiner haben ihre akademische und praktische Ausbildung bereits in Deutschland am 1999 gegründeten Abraham Geiger Kolleg der Universität Potsdam absolviert. Stellvertretende Vorsitzende der ARK sind die Bamberger Rabbinerin Dr. Antje Yael Deusel und der niedersächsische Landesrabbiner Jonah Sievers aus Braunschweig.
Wie weit das Spektrum der ARK reicht, wird durch die Namen der Rabbiner deutlich, die die Kaschrut-Erklärung verfasst haben: Dr. Daniel Katz empfing die Smicha im auch als konservativ bezeichneten Masorti-Judentum. Dr. Tom Kučera erhielt sie vom Abraham Geiger Kolleg und Elisa Klap­heck wurde durch das „Aleph Rabbinic Program“ der „Jewish Renewal“-Bewegung ordiniert. Allerdings ordnen sich nicht alle Mitglieder einer dieser religiösen Richtungen zu, manche bezeichnen sich als „nicht-orthodox“ oder einfach nur als „jüdisch“. Rabbiner Brandt legt Wert darauf, dass es gegenwärtig keine definierten Strömungen innerhalb der Allgemeinen Rabbinerkonferenz gebe. Gleichwohl seien Heterogenität und spirituelle Vielfalt durchaus kennzeichnend.
Im Kaschrut-Papier sieht Elisa Klap­heck, Rabbinerin des Egalitären Minjans der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main, den ersten gelungenen Versuch, die Bandbreite der verschiedenen Strömungen auf eine gemeinsame Grundlage zu stellen. Im Kern gehe es bei koscherer Ernährung darum, Verantwortung gegenüber Gott und der Schöpfung zu üben, „auch gegenüber den anderen Lebewesen und Lebensarten“. Es ist eher ein ethisch-philosophisches Konzept – keines unumstößlicher Weisungen. Die jüdischen Speisetraditionen werden in einem Sieben-Stufen-Modell als etwas historisch Gewachsenes vorgestellt.
„Öko-Kaschrut“ ist das plakative Wort für eine Alternative zu einer ausschließlich traditionellen, am jüdischen Religionsgesetz orientierten koscheren Ernährung. Nicht nur die Tora und eine Jahrtausende alte Tradition böten dafür Kriterien, sondern auch neue Erkenntnisse über gesunde und ökologisch verantwortliche Ernährung. Was jeweils höher zu bewerten sei, dazu könnten Rabbiner zwar Empfehlungen abgeben, außerhalb der Synagoge aber müsse jeder selber entscheiden. Von jedem werde daher „die ständige und reflektierte Beschäftigung mit diesem Thema“ erwartet.
Da aus den Gemeinden zu einer Vielzahl von Themen – nicht nur Kaschrut – halachischer Rat erbeten werde, hat die ARK ein Responsa-Komitee gegründet, dem neben Jonah Sievers, Elisa Klap­heck sowie dem liberalen Münchner Rabbiner Tom Kucera auch die Berliner Gemeinderabbinerin Gesa Ederberg angehört, die in Deutschland die Masorti-Bewegung vertritt.
Eindeutig entscheiden müssen Rabbiner, wenn Konversionskandidaten zum Judentum übertreten wollen, wenn der jüdische Status unklar ist oder Scheidungen, Gittin, nach jüdischer Tradition verlangt werden. Dafür hat die ARK einen Beit Din ins Leben gerufen, ein aus drei Mitgliedern zusammengesetztes rabbinisches Gericht. Zwei von ihnen haben langjährige Erfahrung mit dieser Aufgabe, ein weiterer Kollege wird hinzugebeten. Den Vorsitz als „Aw Beit Din“ führt zurzeit Rabbiner Brandt: „Die allermeisten unserer Fälle sind Gijur-Fälle, also Übertritte.“
Viele dieser Kandidaten sind Kinder jüdischer Väter und nichtjüdischer Mütter aus der ehemaligen Sowjetunion. Die traditionelle Halacha akzeptiert jedoch nur Kinder jüdischer Mütter als geborene Juden. Auch das Beit Din der ARK folgt dieser Linie. Indessen wird sogenannten patrilinearen Juden der Gijur leichter gemacht. Auch sie müssen lernen, aber nicht so viel wie Menschen ohne jüdischen Hintergrund. Von ihnen wird vor allem erwartet, dass sie ihren Willen nach Zugehörigkeit zum Judentum praktisch deutlich machen, etwa durch den Besuch von Gottesdiensten und die Mitarbeit in einer Gemeinde. Männer müssen sich beschneiden lassen.
Alle Konversions-Kandidaten werden darauf hingewiesen, dass ihr Übertritt zwar im gesamten nichtorthodoxen Judentum und auch vor den nichtreligiösen staatlichen Behörden in Israel Bestand hat, nicht aber vor den orthodoxen Instanzen, die in familienrechtlichen und Personenstandsfragen relevant sind. Bevor sie vor das Beit Din der ARK treten, müssen die Kandidaten nachweisen, dass sie in einer jüdischen Gemeinde Aufnahme finden würden. Tatsächlich stellen offenbar viele Gemeinden in Deutschland, die selbst keinen liberalen Rabbiner haben, solche Bescheinigungen aus.
Allerdings wird kein Konversionswunsch automatisch positiv beschieden. „Wir sind offen für jeden, und wir erwarten von einem Kandidaten nichts Unangemessenes“, glaubt Rabbiner Brandt. „Auch am Geld wird es nicht scheitern, aber so, wie er bis zum letzten Moment einen Rückzieher machen kann, behalten wir uns bis zum letzten Moment vor zu sagen ‚Tut uns leid, wir passen nicht zusammen‘.“
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