12. Jahrgang Nr. 12 / 17. Dezember 2012 | 4. Tewet 5773

Stets modern

Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland setzt sich für bewusstes jüdisches Leben nach den Traditionen ein

Von Heinz-Peter Katlewski

Bald zehn Jahre ist die ORD, die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland, alt: Elf Rabbiner gründeten sie am 27. April 2003 in Frankfurt am Main. Heute hat sie 45 Mitglieder. Von diesen amtieren 34 als Gemeinderabbiner. Die weiteren üben spezielle Aufgaben in der Jugend- oder Bildungsarbeit aus oder sind als Assistenten eines Gemeinderabbiners tätig. Vorstandsmitglieder sind gegenwärtig die Rabbiner Avichai Apel (Dortmund), Zsolt Balla (Leipzig) und Aharon Ran Vernikovsky (Düsseldorf). Sitz ist traditionell die Synagogengemeinde zu Köln.
Die Zahl der ORD-Mitglieder wird sich in den kommenden Jahren noch erhöhen. Schon jetzt sind acht von ihnen „Eigengewächse“ – sie haben ihr Studium beim 2005 gegründeten orthodoxen „Rabbinerseminar zu Berlin“ absolviert. Voraussetzung für die Mitgliedschaft ist eine Ordination durch eine der Talmudhochschulen, die von orthodoxen Instanzen international anerkannt sind.
Bis 2003 gab es für Rabbiner aller Strömungen ein gemeinsames Dach: die Deutsche Rabbinerkonferenz. Diese war eher ein Konsultationsorgan, von dem wegen seiner Heterogenität keine gemeinsamen religionsgesetzlichen Entscheidungen erwartet wurden. Die von nichtorthodoxen Mitgliedern gewünschte Aufnahme von Rabbinerinnen machte selbst diese Konstruktion aus orthodoxer Sicht nicht mehr möglich.
Hauptaufgabe der ORD ist es, die Arbeit ihrer Mitglieder zu unterstützen. So entwickelt sie zum Beispiel Lehr- und Lernmaterialien für die Gemeindepraxis. Zu aktuellen Themen erscheint drei Mal im Jahr in Deutsch und Russisch das „ORD-Magazin“. Ziel ist es, sagt der Kölner Gemeinderabbiner Jaron Engelmayer – und Vorstandsmitglied, bis er im November für diesen Posten nicht mehr kandidierte –, den Gemeindemitgliedern „greifbar zu machen, dass es nicht schwierig ist, als bewusster Jude auch nach den Traditionen zu leben – jeder so wie er kann.“
Die prominenteste Publikation der ORD ist ein Taschenbuch: „Rabbi, ist das koscher?“ In vier Sprachen (Deutsch, Englisch, Russisch, Hebräisch) informiert es über Lebensmittel, die in Deutschland im Handel erhältlich sind und als koscher gelten können. In den Reihen der ORD gibt es Experten, die auf der Basis des in rund 3.000 Jahren entwickelten jüdischen Religionsgesetzes, der Halacha, zu bestimmen vermögen, welche Produkte religiös erlaubt sind und welche nicht. Den Ursprung dafür finden sie in der Tora. Zum Beispiel werden im 11. Kapitel des 3. Buchs Mose koschere Tiere von solchen unterschieden, die es nicht sind. Der Talmud und andere Schriften der Tradition haben diese Texte weiter ausgedeutet. So ist ein komplexes Regelwerk entstanden, das die Rabbiner heute anwenden. Unter der Leitung von Rabbiner Tuvia Hod-Hochwald bestimmt die ORD, welche in Deutschland im Handel erhältlichen Waren in die Koscher-Liste aufgenommen werden können.
Eine weitere bedeutende Publikation und Dienstleistung für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist der neu erschienene Siddur „Schomer Jisrael“, der alle Schabbatgebete von Schabbatbeginn freitagabends bis zum Schabbatende mit Hawdalah inklusive vieler Schabbatlieder, Kiddusch und den Tischgebeten ins Deutsche übersetzt und transliteriert, sodass jeder Nutzer in der Lage ist, dem Gottesdienst zu folgen oder die Riten zu Hause gemäß der jüdischen Tradition auszuführen.
Zwei- bis dreimal im Jahr kommen alle ORD-Rabbiner zu Mitgliederversammlungen zusammen. Diese dienen dem Informationsaustausch und werden durch Seminare ergänzt, die sich mit besonderen Problemen beschäftigen, etwa der Familienplanung. Dazu werden Experten geladen. Rabbiner Menachem Burstein zum Beispiel, Gründer des israelischen Puah-Instituts, vermittelte den in Deutschland amtierenden Kollegen seine Perspektive zum jüdischen Familienrecht, insbesondere zu halachisch erlaubten und verbotenen Wegen, Kinderwünsche durch künstliche Befruchtung zu erfüllen. Bei anderer Gelegenheit erläuterte Pinchas Goldschmidt, der Oberrabbiner von Moskau und seit Juli 2009 auch Präsident der Konferenz europäischer Rabbiner (CER), woran sich die Echtheit von Dokumenten erkennen lässt, die als Nachweis der Zugehörigkeit zum Judentum vorgelegt werden.
„Wer ist Jude?“ ist ein zentrales Thema, mit dem Rabbiner zu tun haben, wenn Zugereiste Aufnahmeanträge in Gemeinden stellen. Geht die Zugehörigkeit zum Judentum nicht eindeutig aus den eingereichten Unterlagen hervor, muss ein Birur Jahadut, eine Statusprüfung, vorgenommen werden. Zum Teil müssen die Betroffenen einen Gijur, einen formellen Übertritt ins Judentum ins Auge fassen. Das gilt auch für Kinder von Zuwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, deren Väter im Sinne der Halacha zwar als Juden gelten, deren Mütter aber keine Jüdinnen sind.
Zuständig dafür ist nicht allein der Ortsrabbiner, sondern ein Rabbinergericht, ein Beit Din. Menschen, die aufgrund des sowjetischen Nationalitätenrechts glauben jüdisch zu sein, sollen die Türen ins Judentum offen stehen. Allerdings müssen sie trotzdem ein erhebliches Maß an Engagement und Lernbereitschaft mit sich bringen, damit der Gijur-Prozess zu einem erfolgreichen Ende geführt werden kann. Ein Beit Din beschäftigt sich darüber hinaus auch mit religiösen Scheidungen (Gittin) und gelegentlich sogar mit zivilen Rechtsfällen, den Dinej Tora, vorausgesetzt, die beteiligten Parteien wünschen ein religiöses Gericht, um ihren Streit im Rahmen eines Schiedsverfahrens zu klären.
Das Beit Din der ORD besteht aus zwei Dajanim (rabbinische Richter), die aus Israel von Oberrabbiner Schlomo Mosche Amar entsandt werden, und einem Ortsrabbiner aus Deutschland. Drei Gründe nennt Rabbiner Engelmayer für diese Lösung: Erstens seien die jüdischen Gemeinden in Deutschland stark nach Israel orientiert. Zweitens habe in Deutschland bislang kein Rabbiner die langjährige Zusatzausbildung absolviert, die ein Dajan im orthodoxen Judentum benötigt. Schließlich seien alle Handlungen dieses Beit Din weltweit gültig. In einer Erklärung vom 27. November 2011 (1. Kislev 5772) betonte Oberrabbiner Amar, dass allein das Rabbinatsgericht der ORD von ihm anerkannt und autorisiert sei.
http://www.ordonline.de