12. Jahrgang Nr. 12 / 17. Dezember 2012 | 4. Tewet 5773

Pflicht des Herzens

Der Zentralrat der Juden in Deutschland schließt sich dem internationalen Mitzvah Day an

In jeder Sprache gibt es Wörter, die wegen ihrer an den jeweiligen Kulturkreis gebundenen Bedeutung nur schwer zu übersetzen sind. Zu solchen Wörtern zählt das hebräische Wort „Mitzwa“, auch in der englischen Transliteration, „Mitzvah“, bekannt. Wörtlich übersetzt heißt Mitzwa „Befehl“, „Anweisung“. Im religiösen Zusammenhang wird es als „Gebot“ übersetzt, obwohl die 613 Mitzwot der Tora auch Verbote umfassen. Eine Mitzwa ist aber auch eine gute Tat. „S’is a Mitzwe“, sagt man auf Jiddisch, selbst dann, wenn ein Mitmensch nicht mehr als eine nette Geste, ein freundliches Wort oder ein wenig Interesse an seinem Wohlergehen braucht.
In jedem Fall aber ist eine Mitzwa kein Ausdruck optionaler Herzensgüte, sondern eine moralische Schuld. Daran knüpft der sogenannte Mitzvah Day an – ein in der jüdischen Welt zunehmend verbreiteter Aktionstag, mit dem sich jüdische Gemeinden zu ihrer moralischen Verpflichtung für das Gemeinwohl bekennen. Vor sieben Jahren wurde in Großbritannien der Mitzvah Day International ins Leben gerufen – ein Tag, an dem Juden in verschiedenen Ländern zu gleicher Zeit gemeinnützige Aktionen durchführen.
Im Jahr 2012 hat der Zentralrat der Juden in Deutschland die Mitzvah-Day-Initiative in Zusammenarbeit mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und Mitzvah Day International sich zu eigen gemacht. Genauer gesagt: ab 2012, denn es soll sich um eine jährlich wiederkehrende Aktion handeln.
„Sich für andere Menschen einzusetzen, soziale und solidarische Verantwortung zu übernehmen, das gehört nun einmal zu unserem Glauben wie der Schabbat und die Kippa“, erklärte der Präsident des Zentralrats, Dr. Dieter Graumann. „Wir wollen diese wunderschöne Seite des Judentums besonders herausstellen. Deshalb“, betonte Dr. Graumann, „will der Zentralrat der Juden in Deutschland den Mitzvah Day deutschlandweit einführen.“
Gesagt – getan: In Berlin veranstaltete der Zentralrat für Teilnehmer aus 15 jüdischen Gemeinden ein Einführungsseminar über die Grundlagen sozialen Handelns im Judentum. Professor Doron Kiesel von der Fachhochschule Erfurt, Rabbiner Julian-Chaim Soussan und Rabbiner Jonah Sievers sprachen über die jüdischen Werte Gerechtigkeit, Wohltätigkeit und Tikkun Olam (Verbesserung der Welt). Danach berichtete Sally Styles, internationale Koordinatorin von Mitzvah Day International, über die bei den Aktionstagen in Großbritannien gemachten Erfahrungen.
Am darauffolgenden Tag fanden sich die Teilnehmer – im Alter von 18 bis 70 Jahren – an den verschiedenen Aktionsstandorten ein, um den Worten Taten folgen zu lassen. Eine vierköpfige Gruppe pflanzte in der Gartenarbeitsschule Wedding Bäume, richtete Bienenstöcke ein und stellte Vogelfutter her. Zwei Gruppen waren am Berliner Lietzensee tätig: eine im Seniorenzentrum der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und die andere in der Suppenküche der Evangelischen Kirchengemeinde am Lietzensee.
In Köln wurde der Mitzvah Day von der liberalen Gemeinde Gescher Lamassoret ausgerichtet. Im Gemeindesaal über der Kellersynagoge in Köln-Riehl wurden Lebensmittelspenden und Kinderbücher eingesammelt – mitgebracht von Gemeindemitgliedern und deren Freunden. Die Lebensmittelspenden wurden direkt an die „Kölner Tafel“ weitergeleitet, einen gemeinnützigen Verein, der im Kölner Stadtgebiet Lebensmittel an Einrichtungen für bedürftige Menschen verteilt. Die Bücher kamen einer Sprachförderschule zugute. In München führte die Gemeinde Beth Shalom bereits ihren dritten Mitzvah Day durch. In diesem Jahr kochten die Teilnehmer in der bayerischen Hauptstadt Mahlzeiten für Patientenwohnungen der Aids-Hilfe und gestalteten einen Nachmittag in einem Seniorenheim.
Nach dem gelungenen Auftakt 2012 wird im nächsten Jahr eine größere Zahl von Aktionen erwartet. Der Zentralrat plant ein weiteres Projekt in Berlin. Die Berliner Jüdische Gemeinde hat mehrere Aktionen angekündigt. Die Gemeinden von Emmendingen, Fulda und mehrere Gemeinden des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden von Niedersachsen sind ebenfalls entschlossen, im kommenden Jahr dabei zu sein. Auch andere Gemeinden haben Interesse bekundet. Indessen muss der Mitzvah Day nicht auf Gemeinden begrenzt bleiben. Jüdische Schulen und andere Einrichtungen können sich ebenso wie jüdische Organisationen beteiligen. Unter dem Motto „Mach mit“ hat der Zentralrat der Juden in Deutschland alle Interessierten aufgefordert, am nächsten Mitzvah Day Deutschland, dem 17. November 2013, teilzunehmen.
zu