12. Jahrgang Nr. 12 / 17. Dezember 2012 | 4. Tewet 5773

Dankbarkeit und Gedenken

Die neue Ulmer Synagoge wurde feierlich eröffnet

In Ulm versammelt: Rabbiner Shneur Trebnik, Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Anette Schavan, Bundespräsident Joachim Gauck, Zentralratspräsident Dr. Dieter Graumann (im Bild v.l.n.r.) | Foto: dpa
In Ulm versammelt: Rabbiner Shneur Trebnik, Bundesbildungsministerin Prof. Dr. Anette Schavan, Bundespräsident Joachim Gauck, Zentralratspräsident Dr. Dieter Graumann (im Bild v.l.n.r.) | Foto: dpa

Von Brigitte Jähnigen

Die Donau-Stadt Ulm hat wieder eine Synagoge. 74 Jahre nach der Zerstörung der alten Synagoge wurde am 2. Dezember 2012, dem 18. Kislew 5773, die neue Ulmer Synagoge im Beisein des Bundespräsidenten Joachim Gauck, des Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, sowie des Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, eröffnet. Dem Festakt ging der feierliche Umzug der Tora-Rollen voraus.
Der Synagogenbau am Weinhof nach Plänen der Kölner Architektin Professor Susanne Gross beherbergt in seinem 17 Meter hohen Kubus einen Gebetsraum, einen Gemeindesaal, einen Jugendraum, eine Bibliothek, einen Kindergarten und eine Mikwa. Der Neubau gehört zur Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) und dient jüdischen Gläubigen aus Ulm sowie aus Ost-Württemberg und dem angrenzenden Alt-Schwaben als Ort der Zusammenkunft. Zur IRGW zählen knapp 3.300 Mitglieder, ihr Hauptsitz ist Stuttgart. 1952 war der Neubau der Stuttgarter Synagoge eingeweiht worden, der Ulmer Neubau ist die zweite Synagoge der IRGW.
An diesem Tag, an dem viel von Dankbarkeit die Rede war, sagte Joachim Gauck: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie dankbar ich dafür bin, dass jüdisches Leben, dass jüdische Menschen nach all diesem Schrecken und all diesem himmelschreienden Unrecht wieder in Deutschland Heimat gefunden haben.“ Mit seinen Worten erinnerte der Bundespräsident an die Nacht vom 9. zum 10. November 1938, als auch die Ulmer Synagoge – nur wenige Gehminuten vom heutigen Neubau entfernt – brannte. „Wir wissen es alle, damals sollte es nicht nur keine Gotteshäuser mehr geben, es sollte keine Juden mehr geben“, so Gauck. In seiner Ansprache ging der Bundespräsident auch auf die Beschneidungsdebatte ein. „Da haben sich echte, aufgeklärte Sorge um Kindeswohl und körperliche Unversehrtheit mit einem Vulgärrationalismus gemischt, in dem antisemitische und antimuslimische Einstellungen sichtbar wurden. Das ist schlimm und hat mich erschreckt“, sagte das Staatsoberhaupt.
Von judenfeindlichen Beiträgen zur Beschneidungsdebatte „in jeder Dimension und Schärfe“ sprach auch Dr. Graumann. „Diese Beiträge haben meine schlimmsten Alpträume übertroffen“, so der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Umso mehr sei der Tag, an dem mit der Eröffnung der Ulmer Synagoge ein neues Licht des Judentums entzündet werde, ein Bekenntnis zur Zukunft. Auch wenn es nicht alle Rabbiner gern hörten, modernes Judentum sei flirrende, temperamentvolle Kommunikation. Die düstere Vergangenheit sei trotzdem nicht vergessen. „Die Schoa brennt in unseren Herzen“, so der Zentralratspräsident .
Sichtlich bewegt war auch Winfried Kretschmann nach Ulm gekommen. „Das hätte vor Jahrzehnten niemand für möglich gehalten, dass in Ulm wieder eine Synagoge stehen würde“, so der Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Kretschmann erinnerte an die durch die Schoa ausgelöschte Ulmer Gemeinde, zu der auch die Familie Albert Einsteins gehört habe. „Wir sind heute hier, damit jüdisches Leben nie mehr im Stich gelassen wird“, so Kretschmann. Leider habe der religiöse Imperativ für viele Menschen keine Relevanz mehr. Beifall bekam Winfried Kretschmann, als er betonte: „Wir sind ein säkularer, aber kein laizistischer Staat, und dabei soll es auch bleiben.“
Der Ulmer Rabbiner Shneur Trebnik erinnerte an den Mai 2000, als er mit seiner kleinen Familie aus Israel ins Schwabenland gekommen sei. „Kaum eine Hoffnung“, habe er gehabt, einen Minjan zusammenzubekommen. „Heute kommen zum Schabbat 50 Leute, und feiertags sind es 200“, sagte der Rabbiner.
„Jüdisches Leben ist zu uns zurückgekehrt“, freute sich auch Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner. Der Ulmer Gemeinderat habe dem Synagogen-Neubau einstimmig zugestimmt, betonte er. Keine Selbstverständlichkeit ist das neue Gemeindezentrum für Barbara Traub. „Unser heutiger Festtag ist nur dadurch möglich geworden, dass nach dem Fall des Eisernen Vorhangs jüdischen Menschen eine Zuwanderung nach Deutschland ermöglicht wurde“, sagte die Vorstandssprecherin der IRGW.
An der Feier nahmen auch Gerhard und Gabriele Moos teil. Die Geschwister hatten 1938 Ulm verlassen. Gerhard war als 16-Jähriger vor seiner Flucht nach den USA in Dachau interniert gewesen; seine Schwester Gabriele hatte ihre Heimatstadt mit einem der Kindertransporte verlassen. Am 2. Dezember 2012 kehrten sie zurück. Sie gingen mit den Tora-Rollen den Weg vom Judenhof über die Neue Mitte Ulms bis hinein in die Synagoge. Gerhard Moos wurde nicht müde, immer und immer wieder zu sagen, was wohl die meisten der 20 eingeladenen ehemaligen Ulmer Bürger mit ihren Familien und Begleitern aus den USA, England, Israel und Lateinamerika dachten: „Ich kann es nicht fassen.“
Für die Opfer der Schoa zündete der Landesrabbiner der IRGW, Netanel Wurmser, eine symbolische Kerze an. Er erinnerte sehr nachdenklich daran, dass schon bei der Eröffnung der alten Synagoge 1873 von Freude und Dankbarkeit die Rede gewesen sei.
Harmonisch fügt sich der Baukörper des neuen Gemeindezentrums in das Stadtbild Ulms in der Neuen Mitte ein. Die Tür zur Synagoge zeigt in ihrer Himmelsrichtung nach Jerusalem. 600 einzelne Fenster bilden zusammen das „Jerusalem-Fenster“. Es öffnet den Raum hin zur Stadt und schenkt den Betenden Licht. Für die kleine Ulmer Gemeinde hat der Alltag begonnen.

Zukunft 12. Jahrgang Nr. 12
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