07.01.2013

"Schauderhaft und schrecklich"

Interview mit Dr. Dieter Graumann | Focus, 07.01.2013

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, kritisiert die Israel-Artikel von "Freitag"-Chef Jakob Augstein heftig. Zu den weltweit schlimmsten Antisemiten zählt er ihn dennoch nicht

Herr Graumann, das Simon Wiesenthal Center (SWC) hat einen Deutschen in die Top-Ten-Liste der Antisemiten weltweit gehieft. Gehört Jakob Augstein tatsächlich in eine Reihe mit den Muslimbrüdern und Irans Herrscher Ahmadinedschad?
Ich schätze das Simon Wiesenthal Center sehr, aber mit diesem Ranking stimme ich gar nicht überein. Und zwar keinesfalls aus Fürsorge für Herrn Augstein, sondern weil ich meine, dass die anderen auf der Liste, auch die widerlichen Naziparteien in unseren europäischen Partnerländern Ungarn und Griechenland, damit unzulässig verharmlost werden.

Aber kein Freispruch für den umtriebigen Journalisten?
Nein, ich finde die Israel-Artikel von Herrn Augstein allesamt schauderhaft, scheußlich und schrecklich. Er schreibt mit dem Fingerspitzengefühl eines Bulldozers und hat offensichtlich eine Obsession mit Israel. Er ist nicht nur israelkritisch, sondern transportiert auch ein völlig undifferenziertes und verfälschtes Bild des jüdischen Staates. Außerdem schürt er fahrlässig antijüdische Ressentiments und fördert sie auf eine Weise, die einfach verantwortungslos ist.

Augstein kritisiert vornehmlich die Politik Israels. Ist das schon Antisemitismus?
Nein, natürlich darf man die israelische Politik kritisieren, das passiert am schärfsten in Israel selbst und ist absolut in Ordnung, solange die Kritik einigermaßen sachlich bleibt. Herr Augstein hat ja schöne Beispiele geliefert, die von einer sachlichen Argumentation um Lichtjahre abweichen: Beim U-Boot-Geschäft schrieb er: "Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen."
Da werden ganz bestimmte Klischees bedient - das der jüdischen Weltverschwörung sowie das vermeintliche Profitieren von der Schoa. An anderer Stelle schrieb er, die Regierung Netanjahu führe die ganze Welt "am Gängelband des Kriegsgesangs". Ich könnte das auch so übersetzen: Die Israelis sind unser Unglück.

Meint Jakob Augstein gar nicht die Politik Israels, wenn er gegen sie polemisiert?
Es gibt bestimmt Menschen, die Israel sagen und "die Juden" meinen. Das ist der camouflierte Antisemitismus, der sich der Israel-Hetze bedient, aber den würde ich Augstein gar nicht unterstellen. Er macht Stimmung und reitet auf einer Welle von Populismus. Wenn man hierzulande fragt, wer gefährdet den Weltfrieden, rangiert Israel leider oft in der Gesellschaft von Nordkorea und Iran, was rational einfach nicht zu erklären ist. Augstein trägt mit seinen Kolumnen definitiv zu dieser antiisraelischen Atmosphäre bei.

Erkennen Sie eine häufig beklagte anti-jüdische Grundeinstellung in linken Kreisen?
Das ist mir zu pauschal. Der stärkste Antisemitismus in Deutschland kommt noch immer von Rechtsradikalen und Neonazis. Ein Faschist muss einfach die Juden hassen, das ist deren Corporate Identity. Aber auch auf der linken Seite haben wir inzwischen durchaus Menschen, die Israel beschimpfen, aber doch auf "die Juden" zielen.

Der Publizist Henryk M. Broder galt dem SWC wegen seiner Ausfälle gegen Augstein als eine Art Kronzeuge. Nervt Sie der jüdische Unruhestifter mitunter?
Broder ist doch eine Nummer für sich. Er ist kein wissenschaftlicher Analytiker, sondern ein begnadeter Polemiker. Er haut auf die Pauke, manchmal auch daneben. Aber selbst dann ist er noch immer geistreich. Mich hat er auch schon in Grund und Boden kritisiert. Ich hab's überlebt. Und trotzdem halte ich ihn für den Karl Kraus unserer Tage. Der lag auch oft ganz schief, aber seine Sottisen werden noch heute genüsslich zitiert.