12. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2012 | 16. Kislew 5773

Jüdischer Patriot?

Rabbiner Shmuley Boteachs „Kosher Jesus“ ist ein interessantes Buch mit unrealistischem Ausklang

Shmuley Boteach ist ein etwas unorthodoxer orthodoxer Rabbiner. Der Zögling der Chabad-Bewegung war ein persönlicher Freund der Pop-Legende Michael Jackson, ist ebenso TV-Moderator wie Ansprechpartner für die Medien und hat sich in diesem Jahr sogar – erfolglos – als republikanischer Kandidat für den US-Kongress beworben. Vom angesehenen Time-Magazin wurde er mehrmals als einer der einflussreichsten amerikanischen Rabbiner genannt. Am bekanntesten ist er aber als Autor von Büchern, und zwar solchen, die man nicht unbedingt mit einem strenggläubigen jüdischen Schriftgelehrten in Verbindung bringen würde: „Koscherer Sex“, beispielsweise oder auch „Koscherer Ehebruch“. Dass er bei seinen rabbinischen Kollegen schon mal schief angesehen wird, nimmt Boteach in Kauf.
Sein jüngstes Werk, „Kosher Jesus“, packt ein Thema an, an dem sich bereits eine Reihe illustrer jüdischer Forscher versucht hat, das Boteach aber nicht nur aus historischer und philosophischer, sondern nachdrücklich auch aus halachischer Perspektive zu beleuchten versucht: Jesus aus Nazareth aus jüdischer Sicht. Dabei stellt Boteach zwei Hauptthesen auf. Die erste besagt, dass Jesus ein glühender jüdischer Patriot war, die zweite lautet, dass Jesus Juden und Christen nicht zu spalten braucht.
Nach Boteachs Überzeugung hat Jesus nicht gegen die Halacha verstoßen. Selbst der Anspruch, Messias zu sein, sei damals kein Grund für Verdammung gewesen. So habe ein Jahrhundert später kein Geringerer als Rabbi Akiva – einer der Väter des rabbinischen Judentums – Schimon Bar-Kochba, den Befehlshaber des antirömischen Aufstands, als den Messias anerkannt. Ebenso wenig, betont Boteach, kann Jesus durch die ihm im Neuen Testament zugeschriebenen Wunder als gesetzestreuer Jude disqualifiziert werden. So etwa sei die Verwandlung von Wasser in Wein vom Wesen her mit der in der Tora geschilderten Verwandlung des Nilwassers in Blut verwandt. Zudem sei zu bedenken, dass diese Erzählung möglicherweise lange nach Jesus' Tod von Nichtjuden hineinredigiert wurde, um seine vom Christentum postulierte Göttlichkeit hervorzuheben. Auch die Brotvermehrung und das Gehen auf dem Wasser knüpften in gewissem Sinne an Erzählungen aus dem Tanach an. Schließlich stünden die nach dem Neuen Testament von Jesus vollbrachten Wunderheilungen, so Boteach, durchaus in der rabbinischen Tradition der Ära des Zweiten Tempels.
Jesus sei ein im pharisäischen Judentum verankerter Rabbiner gewesen, der Israel von der verhassten römischen Besatzung zu befreien suchte. In diesem Sinne habe er sich denn auch als Messias definiert. Man müsse ihn deshalb als einen nationalreligiösen Führer auffassen. Er sei denn auch aus diesem Grunde von den Römern zum Tode verurteilt worden. Von einem wie auch immer gearteten Versuch Jesus', eine neue, universelle Religion zu gründen, könne keine Rede sein.
Erst mit Paulus, dem Begründer des Christentums, habe die historische Umdeutung und damit auch Verfälschung der Gestalt Jesus' eingesetzt. Boteach hält Paulus übrigens für einen Hochstapler. Dessen Behauptung, ein ehemaliger Pharisäer gewesen zu sein, werde durch seine mangelhaften Kenntnisse des Hebräischen Lügen gestraft.
In die von Christen umgeschriebene Geschichte, so Boteach, wurden starke antisemitische Elemente aufgenommen und Jesus' Bindung an sein Volk geleugnet. Damit konnte der Weg für die Akzeptanz der neuen Religion durch Nichtjuden geebnet werden. Auch wurde die römische Besatzungsmacht, die in Judäa mit unvorstellbarer Grausamkeit regiert hatte, weitgehend weißgewaschen. In den Evangelien wurden die Römer – an der historischen Realität vorbei – als seltsam passiv, ja zum Teil sogar als mit Jesus sympathisierend dargestellt. Das deutet Boteach als einen Beschwichtigungsversuch gegenüber dem Römischen Reich.
Der Rabbiner analysiert aber nicht nur die Geschichte, er hat auch Rat für die Gegenwart parat. Seinen jüdischen Glaubensbrüdern und -schwestern empfiehlt er, Jesus als den Juden zu akzeptieren, der er war – seinem Volk und seiner Religion ergeben –, ohne seine vom Christentum postulierte Göttlichkeit anzuerkennen. Christen wiederum, glaubt Boteach, brauchen die Grundsätze ihres Glaubens keineswegs aufzugeben, um auch ihrerseits in Jesus den frommen Juden zu sehen, dessen Anliegen die Erlösung des jüdischen Volkes war.
An dieser Stelle freilich wird die Frage nach der Realisierbarkeit solcher Ratschläge fällig. Können Christen ihren Glauben an den universellen, von Gott zu allen Menschen gesandten Jesus aufgeben, ohne wesentliche Abstriche an ihrer Religion zu machen? Können Juden, selbst wenn sie die halachische und historische Analyse des Buchs akzeptieren, ignorieren, dass das jüdische Volk unter Berufung auf Jesus Jahrtausende lang verfolgt wurde?
Natürlich müssen solche Schwierigkeiten Juden und Christen keineswegs an einem fruchtbaren Dialog, der ja auch schon lange läuft, hindern. Dennoch: Eine Änderung der theologischen, emotionalen und historischen Perspektive „im Expressverfahren“ wird trotz der interessanten Lektüre, die Boteachs Werk bietet, kaum möglich sein.
wst