12. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2012 | 16. Kislew 5773

Tradition und Management

Das „Jewish Life Leaders“-Programm der Lauder Foundation stärkt vor allem kleine Gemeinden

Von Olaf Glöckner

Modernes, lebendiges Judentum braucht intakte Gemeinden vor Ort. Was aber, wenn es zwar eigene Wände, einen Betraum, vielleicht auch eine koschere Küche, aber kein Fachpersonal gibt? Viele der mehr als einhundert jüdischen Gemeinden in Deutschland sind aus Haushaltsgründen oft nicht imstande, Rabbiner, Kantoren oder auch nur einen Religionslehrer zu beschäftigen. Besonders schmerzlich trifft dies Gemeinden, die an der geographischen Peripherie liegen, über geringe Mitgliederzahlen verfügen und häufig noch damit ringen, einen angemessenen Wissensfundus an jüdischer Religion und Tradition zu vermitteln. Hier kann der Gemeindealltag einem regelrechten „Überlebenskampf“ gleichkommen – sei es bei der Absicherung des auch nur wöchentlichen Minjans, beim Organisieren der Feiertage oder bei der Rekrutierung ehrenamtlicher Helfer.
Rabbiner Josh Spinner und Rabbiner Shaul Nekrich vom Lauder Yeshurun Zentrum Berlin, einer Einrichtung der Ronald S. Lauder Foundation, entwickelten schon vor Jahren Pläne, den kleineren, unterfinanzierten Gemeinden mit alternativen Mitteln zu Hilfe zu kommen. 2009 eröffneten sie das Kurs-Programm „Jewish Life Leaders“ (JLL) genau für diese Zielgruppe. „Vielen Gemeinden im Osten, aber auch in den alten Bundesländern fehlt noch fundiertes Wissen über Tora und Talmud und über die Praxis der jüdischen Tradition im Alltag. Wenn niemand vor Ort ist, der es ihnen vermitteln kann, entstehen echte Notlagen“, vermerkt Rabbiner Nekrich. „Das ist nicht die Schuld der Mitglieder und erst recht nicht der Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, die unter dem Kommunismus systematisch von ihren Wurzeln entfremdet wurden. Doch was damals zerstört wurde, bauen wir hier und heute wieder auf.“
Die jährlichen „Jewish Life Leaders“-Kurse bringen Frauen und Männer im Alter von 30 bis 65 Jahren monatlich für einige Tage bei Lauder Yeshurun in Berlin zusammen. Das Angebot ist vielfältig und praxisorientiert. Es reicht von Hebräisch-Unterricht, Tora- und Talmudeinheiten über Liturgie, jüdische Musik bis hin zu Rhetorik, Öffentlichkeitsarbeit, Projekt- und Konfliktmanagement. Viele Kursteilnehmer sind begeistert und wollen gern weitere Seminare „draufsatteln“: „Ich habe jetzt viel klarere Vorstellungen, was es bedeutet, Jude zu sein“, resümiert beispielsweise Mark Goldmann aus Osnabrück. Und Larissa Grinblat aus Worms, die in diesem Sommer ihren Abschluss gemacht hat, erklärt im Namen der ganzen Kursgruppe: „Wir sind voller Dankbarkeit für die herzliche Atmosphäre und für so viel neues und auch praktisches Wissen. Das wollen wir nun natürlich anwenden und ausprobieren.“
Bei ihrer Rückkehr in die Gemeinden sind die Absolventen deutlich besser gerüstet, um Gottesdienste zu leiten, Vorstandsarbeit und Verwaltung zu bewältigen, Gemeindetage zu organisieren oder auch an die Einrichtung einer Sonntagsschule, eines Frauenvereins oder einer Chewra Kadischa zu gehen. Zudem schafft der Kurs bei vielen mehr Sicherheit im Umgang mit lokalen Medien, bei öffentlichen Auftritten und im Kontakt mit Kommunalverwaltungen. Wichtigstes Ziel bleibt aber, den inneren Zusammenhalt in den Gemeinden und die Identität ihrer Mitglieder zu stärken. „Hier bei Lauder Yeshurun lernen die Kursbesucher, dass die jüdische Tradition lebt und kein Überbleibsel aus alten Tagen ist“, bekräftigt Rabbiner Nekrich. „Die Tora gilt uns als eine verlässliche Autorität, und von hier lässt sich sehr viel für die Gestaltung des Gemeindelebens ableiten.“
Zum Grundprinzip im „Jewish Life Leaders“-Programm gehört es, den Absolventen auch später noch Beratungs- und Begleitungsangebote zu unterbreiten. Im Rahmen des Machbaren zählt dazu auch direkte Unterstützung vor Ort. „Mit Osnabrück und anderen Gemeinden planen wir als nächsten Schritt lokale Tagesseminare, damit das Gelernte vertieft und noch in weit größere Interessentenkreise gestreut werden kann“, so Mikhail Tanaev, der in diesen Tagen Rabbiner Shaul Nekrich als Programmdirektor ablöst. Der 27-Jährige kam mit seiner Familie 1998 aus Sankt Petersburg nach Dresden, wo er vor Jahren auch beim Aufbau des gemeindeeigenen Jugendzentrums geholfen hat. Über das Torazentrum Leipzig fand er zu Lauder Yeshurun, seit 2007 studiert er an der Lauder-Jeschiwa „Beis Zion“ in Berlin-Mitte. Parallel zum Engagement bei Lauder Yeshurun studiert der junge Mann Rechtswissenschaften an der Fernuniversität Hagen. „Ich bin froh über das Vertrauen und die enorme Herausforderung, solch ein Programm zu koordinieren“, sagt Mikhail Tanaev. „Es ist für mich eine einmalige Chance, bei der Stärkung der Gemeinden und beim Aufbau professioneller Strukturen zu helfen. Aber keine Frage, ich werde wohl Lehrender und Lernender zugleich sein.“
Mittlerweile ist das Interesse an den „Jewish Life Leaders“-Kursen so stark angewachsen, dass das Programm eine systematische Erweiterung benötigt. In diesem Herbst ist parallel zum etablierten JLL-Kurs für Neueinsteiger auch ein Lehrgang für Fortgeschrittene, Advanced Jewish Life Leaders, eröffnet worden. „Wir wollen nicht nur neue Teilnehmer mit Interesse an aktiver Gemeindearbeit gewinnen“, erläutert Mikhail Tanaev, „auch vormalige Absolventen sollen die Chance bekommen, ihr Wissen und ihre Kompetenzen zu vervollkommnen. In den Fortgeschrittenen-Kursen werden zudem verstärkt jüdische Geschichte, Kultur und professionelles Projektmanagement angeboten.“
Mittlerweile hat der Zentralrat der Juden in Deutschland das JLL-Programm offiziell übernommen. Dies ermöglicht einen noch besseren, unkomplizierten Zugang zu den lokalen Gemeinden. Gleichzeitig wird damit die Möglichkeit geschaffen, das Lehrpersonal aufzustocken und zusätzliche Fachexperten einzuladen. „50 Frauen und Männer aus 25 lokalen Gemeinden wurden in den letzten Jahren schon erreicht.“ Tanaev ist guter Dinge und erklärt: „Das ist ein guter Anfang, und es motiviert zu mehr.“
Anfragen zum „Jewish Life Leaders“-Programm: jll@zentralratdjuden.de