12. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2012 | 16. Kislew 5773

Gedenken und Zuversicht

Auszüge aus der Rede von Dr. Dieter Graumann zum Gedenken an die „Reichskristallnacht“

Am 8. November hielt der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, in der Frankfurter Paulskirche eine Rede aus Anlass der Gedenkfeier zur „Reichskristallnacht“ von 1938. In seiner Rede ging der Zentralratspräsident auf die Bedeutung des Gedenkens und des Erinnerns an die Pogromnacht sowie auf den heutigen Aufbau jüdischen Lebens in der Bundesrepublik ein. Nachfolgend veröffentlicht die „Zukunft“ Auszüge aus Dr. Graumanns Rede.
Die Reichspogromnacht war weder Anfang noch Höhepunkt der Judenverfolgung in der Nazi-Zeit. Sie war aber eine Explosion von Enthemmung. Bloße Zahlen sprechen hier aber gar nicht die richtige Sprache. Denn die offiziellen Zahlen, lange und oft genannt, über die damals Getöteten und die zerstörten Synagogen sind inzwischen längst als haltlos festgestellt worden. Die wahren Zahlen liegen wesentlich höher – ohne dass man sie heute noch genau beziffern könnte.
Die Splitter von Glas und der Ausbruch von finsterer Feindseligkeit haben damals die Gefühle der Juden in diesem Land zerschmettert und Löcher und Explosionen in ihrer Seele ausgelöst. Schließlich wusste spätestens von da an jeder Jude, so sehr deutsch er sich wähnte und auch fühlen wollte: Hier hatte der schiere Judenhass die Macht übernommen, und zwar kein anonymer, abstrakter Hass, sondern hier bahnte sich der Hass von vielen Deutschen seinen bösartigen Weg. So viele einzelne Menschen in Deutschland haben damals so viel an individueller Schuld auf sich geladen.
Die Bilder der brennenden Synagogen von damals tragen wir bis heute immerzu in unseren Herzen. Wir waren zwar nicht dabei, als die Synagogen brannten, wohl aber brennen diese Bilder immer in uns. Wir werden immer erinnern wollen, weil wir nicht vergessen sollen. Und wir werden nicht vergessen dürfen, gerade um es heute gemeinsam besser machen zu können. Das bleibt Aufgabe und Auftrag von uns allen zusammen.
Die Judenfeindschaft mag verschiedene Quellen haben. Aber immer und ausnahmslos bleibt sie Menschenfeindlichkeit pur und absolut unentschuldbar. Und auf jeden Fall gilt: Dass heutzutage das Wort „Jude“ auf deutschen Schulhöfen und auf deutschen Sportplätzen als Schimpfwort benutzt wird – das ist ein himmelschreiender Skandal. Ist es denn wieder soweit, dass man sein Judentum in Deutschland besser verstecken soll, wie einige inzwischen meinen? Sind wir denn wirklich wieder soweit, dass das bloße „Jude-Sein“ alleine sogar schon als „Provokation“ empfunden wird? Alleine dass überhaupt so gedacht werden kann, müsste eigentlich doch alle Menschen im Land sofort elektrisieren und alarmieren – und tut es freilich kaum.
Allen, die aber nun gleich generell und prinzipiell jüdisches Leben hier in Zweifel ziehen, etwa im Ausland, sage ich: Jüdisches Leben hier ist sicher. Und bleibt sicher. Und muss natürlich auch gesichert werden. Das ist eine Aufgabe für die Behörden hier und für die gesamte Gesellschaft. Unterdessen lassen wir uns nicht beirren. Wir bauen unser neues Judentum in Deutschland nun auf mit den Hoffnungen und Chancen und Ambitionen, die uns inspirieren und befeuern.
Meine tiefe Zuversicht schöpfe ich auch aus unserer besonderen Geschichte. Uns Juden gibt es schon so lange, wir können wahrlich eine ununterbrochene Rekord-Geschichte aufweisen. So oft hat man doch schon versucht, uns Juden zu vernichten. Keineswegs erst in der Nazi-Zeit. Auch schon viel früher. Zweimal wurde unser Tempel in Jerusalem zerstört. In beiden Fällen dachten die Zerstörer, dass sie so das Judentum und die Juden für alle Zeit vernichtet hätten. Und heute, 2.000 und sogar 2.600 Jahre später – wo sind denn die Zerstörer von damals? Die alten Babylonier und die alten Römer? Verschwunden und oft fast vergessen in den vergilbten Annalen der Geschichtsbücher. Aber wir Juden – wir sind immer noch da! Diese singuläre historische Kontinuität gibt uns auch heute Stolz und Substanz und Stärke. Sie gibt uns Rückhalt und die Kraft zum Überleben.