12. Jahrgang Nr. 11 / 30. November 2012 | 16. Kislew 5773

Mit neuer Kraft

Die Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland tagte in Frankfurt / Historischer Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel

Zukunft 12. Jahrgang Nr. 11
Zukunft 12. Jahrgang Nr. 11

Die jährliche Tagung der Ratsversammlung hat bereits eine lange Geschichte – zur Routine erstarrt ist sie dennoch nicht. Jedes Jahr stehen beim Zusammentreffen des obersten beschlussfassenden Gremiums des Zentralrats der Juden in Deutschland nicht nur wichtige Entscheidungen an, die auf demokratischem Wege getroffen werden müssen. Die Versammlung dient auch als Bühne für eine Aussprache über die Entwicklung des Zentralrats und der jüdischen Gemeinschaft als Ganzes, über Erfolge, Probleme und Pläne für die Zukunft. Daher ist das Jahrestreffen nicht nur Pflicht, sondern auch ein Ereignis, auf das man mit Spannung warten darf.
Bei der diesjährigen Tagung, die am 25. November in Frankfurt am Main stattfand, traf dies in besonderem Maße zu – und zwar nicht nur wegen des historischen Auftritts von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, bei dem es sich um den ersten Kanzlerbesuch bei einer Ratsversammlung handelte. Vielmehr ließ die Ratsversammlung auch das Jahr 2012 Revue passieren: ein Jahr des Umbruchs und des Aufbruchs ebenso wie ein Jahr großer Herausforderungen.
Im Jahr 2012, erklärte der Präsident des Zentralrats, Dr. Dieter Graumann, konnte der Zentralrat dank der ab diesem Jahr erfolgten Erhöhung der ihm durch den Staatsvertrag mit der Bundesregierung gewährten Mittel eine Reihe von Vorhaben in die Wege leiten, mit denen sein Leistungsangebot erheblich ausgebaut werde. Nicht zuletzt wurde mit dem nach mehrjähriger Pause veranstalteten Gemeindetag ein wichtiges Forum für den Austausch und den Dialog unter den jüdischen Gemeinden wiederbelebt. Eine weitere Initiative des Zentralrats war der im ablaufenden Jahr anberaumte Runde Tisch, bei dem über 30 jüdische Organisationen aus ganz Deutschland zu einem gemeinsamen Treffen mit dem Zentralrat in Berlin eingeladen wurden. Der Zentralrat, betonte sein Präsident, verstehe sich als das Zuhause aller jüdischen Einrichtungen in Deutschland und wolle die innerjüdische Kommunikation weiter verstärken. Deshalb sei eine neue, vom Zentralrat betreute Kommunikationsplattform geschaffen worden, über die alle jüdischen Organisationen in Verbindung zueinander treten könnten.
Auch die vom Zentralrat vor Jahresfrist angekündigte Bildungsoffensive, so Dr. Graumann, nehme inzwischen konkrete Züge an. Bald werde in Berlin die Akademie des Zentralrats ins Leben gerufen. Sie solle als Bildungswerk dienen.
Zugleich werde die Jugendarbeit verstärkt. Unter anderem baue der Zentralrat die Betreuung junger Erwachsener aus, habe aber auch den jüdischen Gesangswettbewerb Jewrovision übernommen. Mit rund 800 Teilnehmern handelt es sich bei Jewrovision um die größte jüdische Veranstaltung in Deutschland.
Gemeinsam mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland fördert der Zentralrat das „Taglit“-Programm, das jungen Juden Kennenlern-Reisen nach Israel ermöglicht. Die Bindung der jungen Generation an Israel zu stärken, bezeichnete Dr. Graumann als eine wichtige und angesichts der „kühlen Distanz“, die nicht wenige junge Juden gegenüber Israel an den Tag legten, auch vordringliche Aufgabe.
Der Zentralratspräsident betonte, eine Stärkung des Zentralrats und seiner Arbeit, wie sie dank der Aufstockung der Etatmittel möglich geworden sei, wirke sich zum Wohl der gesamten jüdischen Gemeinschaft aus. Das gelte auch für die immer stärker ausgeprägte Präsenz des Zentralrats in den Neuen Medien. Im Jahr 2012 habe sich die Zahl der Internetnutzer, die den Zentralrat auf diesem Wege besuchten, verzehnfacht.
Dr. Graumann ging auch auf die Problemsituationen ein, denen sich die jüdische Gemeinschaft im Jahr 2012 gegenübersah. Breiten Raum in seinen Ausführungen nahm die Beschneidungsdebatte ein. Er rief die jüdische Gemeinschaft auf, in dieser so grundwichtigen Frage Einigkeit zu zeigen. Bei aller Kritik an den antijüdischen Vorurteilen, die während der Beschneidungsdebatte zum Ausdruck kamen, würdigte der Zentralratspräsident die schnelle Reaktion der deutschen Politik, die mit dem geplanten Beschneidungsgesetz – und zwar gegen weitverbreitete Stimmungen der Öffentlichkeit – die Brit Mila auf eine gesicherte Rechtsgrundlage stelle. Der Zentralratspräsident brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, das Gesetz könne Anfang 2013 in Kraft treten.
Vertreter der beiden Rabbinerkonferenzen, Rabbiner Dr. Henry Brandt für die Allgemeine Rabbinerkonferenz und Rabbiner Julian Chaim Soussan für die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland, richteten Grußworte an die Ratsdelegierten. Der israelische Botschafter, Jakov Hadas-Handelsmann, dankte dem Zentralrat für dessen Unterstützung und für das Israel entgegengebrachte Verständnis.
Nach Abschluss der Beratungen und der Bestätigung des Haushalts für 2013 stand der Besuch von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel auf dem Programm. Die Regierungschefin wurde von den Ratsdelegierten mit lautem Beifall empfangen. „Sie haben gesehen, mit welcher Herzlichkeit Sie begrüßt wurden. Jemand von uns“ – gemeint waren Amtsträger des Zentralrats – „wurde hier noch nie so begrüßt“, erklärte Dr. Graumann lächelnd der Besucherin. Der Zentralratspräsident würdigte mit warmen Worten Merkels Engagement für die jüdische Gemeinschaft und für Toleranz.
Ihrerseits ging die Regierungschefin in ihrer wiederholt vom Beifall der Delegierten unterbrochenen und zum Abschluss mit einer stehenden Ovation gewürdigten Ansprache auf eine Reihe politischer und moralischer Fragen ein. „Ich freue mich, dass es wieder ein lebendiges jüdisches Leben in Deutschland gibt“, erklärte sie im Anschluss an die Aussprache vor der Presse. Sie beklagte das große Maß an Antisemitismus in Deutschland. „Es bringt uns alle dazu darüber nachzudenken, was es heißt, Toleranz gegenüber der Religion zu zeigen.“ Mit Blick auf Israel betonte sie das Recht eines jeden Staates auf Selbstverteidigung.
Im Gespräch mit der „Zukunft“ bezeichnete Dr. Graumann den Besuch der Kanzlerin als äußerst positiv. Gerade nach der im letzten Sommer entstandenen Verunsicherung sei die Begegnung mit ihr für die Ratsdelegierten und für die jüdische Gemeinschaft insgesamt besonders wichtig gewesen.
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