20.11.2012

„Es geht um einen Überlebenskampf“

Interview mit Dr. Dieter Graumann | Süddeutsche Zeitung, 20.11.2012

Zentralrats-Chef Dieter Graumann über die Gewalt in Nahost und die deutsche Reaktion

SZ: Herr Graumann, wie geht es Ihnen, wenn Sie die Bilder aus Israel und dem Gazastreifen sehen?

Graumann: Ich zittere mit den Menschen in Israel. Ich wünsche für alle in der Region, dass der Alptraum bald zuende geht.

Das Fernsehen zeigt Hamas-Raketen, die meist abgefangen werden – und die Wucht der israelischen Angriffe, bei denen viele Unbeteiligte sterben. Wird der asymmetrische Krieg nicht zum moralischen Problem für Israel?
Asymmetrisch ist doch vor allem die Moral in dieser Auseinandersetzung. Die Hamas missbraucht zynisch Kinder, Frauen, Zivilisten als Schutzschilde. Sie versucht, die Zahl der Opfer zu maximieren.

Wo endet das Recht auf Selbstverteidigung – beim Einsatz von Bodentruppen?
Nein. Israel ist das einzige Land der Welt, dessen Existenz bestritten wird – es geht auch um einen Überlebenskampf. Wobei ich persönlich sehr hoffe, dass es nicht zum Einsatz von Bodentruppen kommt.

Wird der Krieg das israelisch-deutsche Verhältnis ändern?
Nein. Regierung wie Opposition sagen: Die Gewalt geht von der Hamas aus. Die Hamas aber ist eine Terrorfiliale des iranischen Regimes. Kanada hat die diplomatischen Beziehungen zu Teheran abgebrochen. Wie schön wäre es, wenn Deutschland dem folgen würde!

In der deutschen Öffentlichkeit ist das schwer zu vermitteln. Dort herrscht das Bild: Netanjahu will wiedergewählt werden, die Hamas ihre Macht sichern. Die Leute wenden sich mit Grausen.
Wie kann man so etwas in einem Satz verbinden! Die Hamas ist eine totalitäre Organisation, sie foltert, unterdrückt das Volk. In Israel kommen Politiker durch Wahlen an die Macht, nicht durch Gewalt. Es stehen israelische Demokratie und Despotie gegenüber. Deutschland und Israel verbindet eine Wertegemeinschaft, niemals aber Deutschland und die Hamas.

Warum ist das so schwer zu vermitteln?
Da gibt es das Vorurteil: überlegene Israelis kämpfen gegen schwache Palästinenser. Bei mancher Kritik mag die Geschichte eine Rolle spielen. Die deutschen Verbrechen wiegen in mancher, verschrobener Wahrnehmung nicht so schwer, wenn die Juden auch „Verbrechen" begehen.

Den Juden in Deutschland wird vorgeworfen: Ihr verteidigt Israel unkritisch.
Die Wahrheit ist: Die jüdische Gemeinschaft kann nicht neutral sein. Unsere Herzen sind bei Israel, auch wenn wir jedes zivile Opfer bedauern. Gerade junge Leute erzählen mir, wie sehr sie mit dieser Haltung auf Ablehnung stoßen.

Wo endet die legitime Kritik an Israel, wo beginnt der Antisemitismus?
Joschka Fischer hat gesagt, dort, wo die Sätze beginnen: „Man wird doch wohl noch sagen dürfen..."

INTERVIEW: M. DROBINSKI