12. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2012 | 15. Heshvan 5773

Bitteres Schicksal

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bedeutete die Emigration aus Europa für Tausende jüdischer Frauen den Zwang zur Prostitution

Von Carsten Dippel

In der Zeit vor und nach 1900 verließen vier Millionen Juden Europa, hauptsächlich Osteuropa, um ihr Glück jenseits des Ozeans zu suchen. Historisch gesehen war diese Emigration eine Erfolgsgeschichte. Durch Fleiß, Mut und Lernfähigkeit konnten sich die meisten Auswanderer hocharbeiten. Indessen hatte die Auswanderung auch ihre Schattenseiten. Einem besonders bitteren, bisher wenig erforschten Kapitel der Massenemigration ist die gegenwärtig im Berliner Centrum Judaicum laufende Ausstellung „Der Gelbe Schein. Mädchenhandel 1860 bis 1930“ gewidmet. Die gemeinsam mit dem Auswandererhaus Bremerhaven durchgeführte Ausstellung erzählt von jüdischen Mädchen und Frauen, die auf der Suche nach einer neuen Chance im Leben kein trautes Heim fanden, sondern zur Prostitution gezwungen wurden. Zehntausende erlitten dieses Schicksal.
Ihre Geschichten wurden bislang kaum erzählt. Geblieben sind ein paar blasse Spuren. Hinweise in Polizeidokumenten, hier und da eine Tagebuchnotiz, eine Zeitungsnotiz, ein Briefwechsel, amtlicher Schriftverkehr. In Jahre langen Recherchen haben Ausstellungskuratorin Irene Stratenwerth und ihre Mitarbeiter nach Informationen gesucht, die vom Leben dieser Mädchen und jungen Frauen erzählen – und von den Männern und Frauen, die mit ihnen Geld verdienten.
Der Begriff „Der Gelbe Schein“ stammt nicht aus der Neuen Welt. Vielmehr wurde so das amtliche Zeugnis genannt, mit dem sich Prostituierte ab 1851 im zaristischen Russland ausweisen mussten. Zweimal pro Woche hatten sich Frauen einer medizinischen Untersuchung zu unterziehen. Blaue und rote Stempel gaben über den Gesundheitszustand Auskunft. Für russische Jüdinnen hatte der „gelbe Schein“ dennoch auch eine ungeahnte Kehrseite: Er ermöglichte ihnen den Zutritt zu den großen Städten wie Moskau oder St. Petersburg, die für Juden aus dem Ansiedlungsrayon tabu waren.
Den eigenen Körper zu verkaufen, war für viele junge Frauen auch in Übersee die einzige Überlebensmöglichkeit. Manchmal hatten sie bereits in der alten Heimat als Prostituierte gearbeitet. Oft aber wurden sie mit falschen Versprechungen in die Neue Welt gelockt. Etwa die damals siebzehnjährige Rosa aus Czernowitz. „Was willst du hier?“, fragte sie eines Tages ein fremder Mann. „Komm’ mit mir! In Amerika wartet ein Mann auf dich. Du wirst heiraten, Kinder bekommen und glücklich sein.“ Rosa glaubte dem Versprechen des Vermittlers. Schweren Herzens unterzeichnete der Vater eine vorgefertigte Heiratsurkunde. Mazel Tov gab er seiner Tochter mit auf den Weg. Er sollte sie nie wiedersehen. Rosa erreichte tatsächlich Amerika. Doch statt in den Armen eines lieben Ehemannes landete sie im Bordell. Die blanke Not, die im jüdischen Stettl herrschte, wussten Mädchenhändler geschickt auszunutzen. Etwa Karl Rock aus Czernowitz oder Leib Greif aus Drohobycz. Sie lockten mit dem Versprechen, in Buenos Aires, New York oder Santiago de Chile warte ein treusorgender Ehemann.
Rachel Weinreb aus Stobnice suchte eine Stellung als Dienstmagd in Krakau. Sie landete in den Armen eines gewissen Samuel Schornstein, der sie gegen ihren Willen ehelichte. Mithilfe der Polizei konnte sich die junge Frau aus dessen Fängen befreien, kehrte aber nicht zu ihren Eltern zurück. Vielmehr fand sich ihr Name im Januar 1907 auf der Passagierliste eines Auswandererschiffes nach Amerika.
Das Sex-Gewerbe blühte überall dort, wo der Überschuss an männlichen Arbeitskräften einen Mangel an Frauen schuf. Ein einträgliches Geschäft in den schnell wachsenden Einwandererstädten rund um den Globus. Von Bombay und Buenos Aires über Rio de Janeiro und Shanghai bis nach New York. Lazar Schwarz betrieb ein Bordell in Buenos Aires. War er „geschäftlich“ in Europa, stieg er im vornehmen Hotel Kummer in Wien ab. In dem Grenzgebiet zwischen Preußen, Russland und Österreich-Ungarn war Schwarz als Rotlichtgröße bekannt. Er hatte Helfershelfer, die in den Straßen Warschaus, Czernowitz’ oder Lembergs junge Mädchen anwarben. Es waren weitverzweigte Netzwerke. Nicht selten waren auch Ehefrauen, einst selbst als Prostituierte angeworben, beteiligt. 1896 verhaftete die Wiener Polizei eine Mascha Fischer. In ihrem Gefolge waren sechs Mädchen aus polnischen Dörfern. Sie hießen zum Beispiel Cuvie Weinscher und Reisel Weismann, kaum volljährig.
Für die Familien der Betroffenen war der Abstieg der Töchter in die Prostitution eine Tragödie. Die Eltern waren meistens arme, gottesfürchtige Leute, die ihren Kindern keine Perspektive bieten konnten. Dass ihre Töchter ihren Körper an fremde Männer verkauften, lag weit jenseits aller Vorstellungen einer frommen jüdischen Familie. So zerrissen die Familienbande, oft für immer. In den Augen ihrer Eltern galten sie als gefallene Mädchen, als unrein. Doch nicht nur deshalb wurde in der jüdischen Gemeinschaft vielfach geschwiegen. Es war auch die Angst, antisemitischer Propaganda Nahrung zu geben. So wurde das Thema in ein Schweigen gehüllt, unter dem der Schmerz umso stärker war.