12. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2012 | 15. Heshvan 5773

Kinder dunkler Jahre

Rostocker Geschichtsprojekt lässt jüdische Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges und des Holocausts aus der Ex-UdSSR zu Wort kommen

Mit der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion sind zahlreiche Juden nach Deutschland gekommen, die die Zeit des Zweiten Weltkriegs auf dem Gebiet der UdSSR erlebt haben: Menschen, die jene dunkle Zeit aus einer besonders schrecklichen Perspektive erleben mussten. Diese Perspektive aufzuzeigen, ist das Anliegen eines bemerkenswerten Buchprojekts in Rostock. Unter dem Titel „Die letzten Zeugen des Krieges und des Holocaust“ gaben die Jüdische Gemeinde der Stadt und die Rostocker Geschichtswerkstatt eine Sammlung von Berichten von Zeitzeugen heraus, die die Jahre 1941 bis 1945 als Kinder erlebt hatten. Das Projekt wurde vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Rostock und dem Vorstandsvorsitzenden Juri Rosov, vom Landesverband Jüdischer Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern, der Zweigstelle Mecklenburg-Vorpommern der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern unterstützt. Für das Heft wurden Zuwanderinnen und Zuwanderer befragt, die heute in Schwerin und Rostock leben. Die fachliche Projektleitung lag bei dem Historiker Professor Arkadi Tsfasman, Mitglied der Jüdischen Gemeinde Rostock und selbst einer der Autoren.
In dem auf Deutsch und Russisch veröffentlichten, 116 Seiten starken Heft kommen achtzehn Zeitzeugen zu Wort. In ihren Berichten über das Leben unter deutscher Besatzung, über die Blockade von Leningrad und über die Flucht ins Innere der Sowjetunion zeichnen sie die Jahre von Krieg und Verfolgung aus der Sicht der Kinder nach, die sie damals waren. Sie beschreiben die Atmosphäre des Grauens, der Verzweiflung, des Hungers und der Todesangst. Oft sind es scheinbar kleine Details des Alltagslebens, die Einblicke in das Leid der Menschen ermöglichen. So etwa, wenn die zu Kriegsbeginn fünfjährige Klara Kats schildert, wie sie sich in einem Bauernhaus auf dem Ofen vor dem ukrainischen Dorfvorsteher versteckte. „Es war sehr heiß, aber ich konnte es aushalten“, berichtet sie. Auf der Flucht in eine andere Stadt begann das Mädchen zu weinen. Darüber schreibt Klara Kats: „Mama bat mich, nicht zu weinen. Mein Weinen hätte unseren Aufenthalt verraten können.“ So schnell wurden die Kinder erwachsen, um zu überleben. Details der Verfolgung, der Kollaboration durch örtliche Bewohner, aber auch – nicht sehr häufige – Fälle von Hilfe werden in dem Buch geschildert.
Mit dem Tod wurden die Kinder frühzeitig vertraut. Die Autoren erzählen von der Ermordung ihrer Familienangehörigen durch die Nazis oder ihre Kollaborateure, dem Tod durch Hunger und Krankheiten im belagerten Leningrad. „Morgens, als wir aufstanden“, schreibt Zinaida Reynberg, die als Kind die Leningrader Blockade überlebte, „blieb Mutter liegen. Ich ging zu ihr, sie war ganz kalt. Mama war tot.“
Manchmal konnte sich das Schicksal aber auch noch unter schrecklichsten Umständen ein ironisches Lächeln nicht verkneifen. So berichtet Igor Lachchenko über Leningrad: „Der Ofen wurde mit Büchern beheizt, zumeist mit ‚marxistisch-leninistischer Literatur‘.“ Igors Vater war 1935 aus der Partei ausgeschlossen worden, doch blieben ihm die einschlägigen Bücher, die sich während der Blockade als nützliches Heizmaterial erwiesen.
Der Großteil der Berichte ist der Flucht vor den anrückenden deutschen Truppen gewidmet, den Gefahren der Flucht und der Not der Existenz im fernen Hinterland. Die Rede ist von auseinandergerissenen Familien, von Vätern, die an der Front fielen, und von in besetzten Gebieten verbliebenen Familienangehörigen, die von den Besatzern ermordet wurden.
Das Buchprojekt ist umso wichtiger, weil die Zeitzeugen heute allesamt in Mecklenburg-Vorpommern leben. Damit wird die Zeit der Verfolgung heutigen Angehörigen der nichtjüdischen Umgebung auf eine persönliche Weise und auf Augenhöhe nähergebracht. Bürgernahe Vermittlung geschichtlichen Wissens ist ein erklärtes Ziel der Geschichtswerkstatt Rostock, eines von engagierten Bürgern betriebenen Vereins.
Das Buch vermittelt aber nicht nur Wissen, sondern spricht auch Emotionen an, ohne die ein auch nur annäherndes Verständnis jener Schreckensjahre nicht möglich ist. Bewegend ist in diesem Zusammenhang der Wunsch, den Vladimir Shklyar, zu Kriegsbeginn aus dem weißrussischen Gomel an die russisch-kasachische Grenze evakuiert, zum Abschluss seines Berichts artikuliert: „Mögen die Leser dieser Zeilen glücklicher leben dürfen!“
zu

Zeitgeschichte regional, Mitteilungen aus Mecklenburg Vorpommern, Sonderheft Nr. 5: Die letzten Zeugen des Krieges und des Holocaust.
Jüdische Migrantinnen und Migranten aus Mecklenburg-Vorpommern erinnern sich an ihre Kindheit in der UdSSR während des Zweiten Weltkrieges. Geschichtswerkstatt Rostock e.V., Kröpeliner Tor, 18055 Rostock, www.geschichtswerkstatt-rostock.de,
ISSN 1434-1794, ISBN 978-3-86436-026-8