12. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2012 | 15. Heshvan 5773

Markant

Rabbiner Joel Berger hat viel zu viel zu tun, um an den Ruhestand zu denken

Wer dem Amtstitel von Rabbiner Joel Berger, „Landesrabbiner a.D.“, Glauben schenkt, lässt sich, zumindest in einem wesentlichen Punkt, in die Irre führen. Dass Berger ehemaliger Landesrabbiner von Württemberg ist, trifft zwar zu. Zu behaupten, er sei „außer Diensten“, wäre aber grundverkehrt. Der Rabbiner, der in seinem Geburtsland Ungarn auch Jura, Geschichte und Pädagogik studiert und einen Doktortitel erworben hat, hat zwar im letzten Monat seinen 75. Geburtstag gefeiert, doch ist das für ihn noch lange kein Grund, kürzer zu treten. Unzählige Vorträge nehmen ihn ebenso in Anspruch wie mehrere regelmäßige Radiosendungen. Beim Mitteldeutschen Rundfunk ist Berger bereits seit zwei Jahrzehnten Woche für Woche in der Sendung „Schabbat Schalom“ zu hören, und auch im Südwestrundfunk und Radio Bremen ist er ein häufiger Gast. Indessen stellt all das sowie seine Tätigkeit als Kurator der jüdischen Kulturwochen in Stuttgart nur einen Teil seines Arbeitsspektrums dar.
Ein weiterer zentraler Punkt ist die religiöse Betreuung jüdischer Gäste, darunter vieler aus der Ex-UdSSR zugewanderter Senioren, im Hotel „Eden Park“ in Bad Kissingen. Durchschnittlich zwei Wochenenden im Monat verbringen Rabbiner Berger und seine Frau Noemi in dem von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) betriebenen Hotel. Nicht zum Ausruhen, sondern um Lehrveranstaltungen durchzuführen und das jüdische Wissen der Zuwanderer zu bereichern. Rabbiner Berger leitet auch G-ttesdienste. An jüdischen Feiertagen ist er ebenfalls in Bad Kissingen im Dienst, beispielsweise zu Pessach, um den Seder zu leiten. Bei Seminaren der ZWST in Bad Sobernheim erläutert er auch die Bedeutung von Bikkur Cholim (Krankenbesuche und Krankenbetreuung) sowie Chewra Kaddischa (Bestattungsgesellschaft) für die jüdische Gemeinschaft.
Seine nicht enden wollende Umtriebigkeit weiß der Schriftgelehrte, der seit Ende der sechziger Jahre mit einer nur kurzen Unterbrechung in Deutschland tätig ist, überzeugend zu begründen. Etwa mit dem Wunsch, zur besseren Integration von Zuwanderern, aber auch zum Dialog mit der nichtjüdischen Umwelt beizutragen. Kürzlich trat in einem Geschäft ein Mann an ihn heran und strahlte: „Ich habe Sie an der Stimme erkannt. Sie sind der Rabbiner aus dem Radio.“ Der unter zwei Diktaturen groß gewordene Berger – als Kind war er Verfolgungen durch die mit Hitler verbündeten ungarischen Faschisten ausgesetzt, anschließend lebte er bis zu seiner Flucht 1968 aus Ungarn im „real existierenden Sozialismus“ – weiß um die Bedeutung des offenen Dialogs und der Wissensvermittlung für die demokratische Gesellschaft und engagiert sich auch deshalb gern in diesem Bereich. All das sind zweifelsohne wichtige Gründe zum Weitermachen.
Es gibt aber auch eine weitere, nicht minder gewichtige Ursache für Bergers anhaltend hektischen Unruhestand: Die Gabe des Nichtstuns ist ihm einfach nicht gegebenen. „Ob mein Mann weniger arbeitet als zu der Zeit, zu der er Landesrabbiner war?“, denkt Rebbetzin Noemi Berger nach. „Nein. Er reist nur noch mehr.“ Das stimmt: Von den Zwängen der formalen Amtsausübung befreit, kann der Rabbiner häufiger die zahlreichen Einladungen annehmen, die ihm ins Haus flattern.
Allerdings haben die Bergers auch viele Gäste bei sich zu Hause: Familie und Freunde, aber auch Projektpartner, Journalisten oder einfach jüdische Gäste aus dem Ausland, die koscher essen wollen. Die Stuttgarter Wohnung des Ehepaars könnte man aber auch für die Nebenstelle einer Bibliothek halten: Vor lauter Büchern platzt sie aus allen Nähten. Und das ist nicht alles. Für diejenigen Bücher und Arbeitsunterlagen, die nicht ins traute Heim passen, hat der Rabbiner eine zweite Wohnung angemietet.
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