12. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2012 | 15. Heshvan 5773

Judentum tut gut

Zentralratspräsident Dr. Dieter Graumann stellte in München sein Buch vor

Von Rozsika Farkas

Im Foyer des Jüdischen Museums in München drängen sich am 6. Oktober die Besucher schon zeitig, beziehen Interessierte, die keine Karte mehr bekommen haben, Warteposition. In dunklem Anzug und weißem Hemd mit offenem Kragen steht Dieter Graumann da, umringt von Freunden und sichtlich guter Stimmung.
„Judentum tut gut“ lautet Graumanns Credo, das er auch an diesem Tag verkündet. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland ist nach München gekommen, um sein neues Buch vorzustellen. „Nachgeboren – vorbelastet?“ heißt es und ist im Münchner Kösel-Verlag erschienen. Zu der Lesung haben der Verlag, das Jüdische Museum, Rachel Salamanders Literaturhandlung – sie befindet sich gleich im Foyer des Museums –, B’nai B’rith mit Präsidentin Anita Kaminski sowie die Evangelische Stadtakademie und ihre Leiterin Jutta Höcht-Stöhr eingeladen.
Graumann ist seit zwei Jahren Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist aber schon seit Langem im jüdischen Leben engagiert. Auch das Buch geht viel weiter in der Zeit zurück. Es ist aber auch ein Manifest. Graumann will die positiven Seiten des Judentums sichtbar machen. Nicht mehr „chronisch melancholisch oder schaurig traurig“ soll es zugehen. Das neue Bild der jüdischen Gemeinschaft sieht er „positiv und licht statt trist und düster“, „heiter und frisch und lebensfroh“. Das Judentum, betont der Zentralratspräsident, habe viel zu bieten, schon seit langer Zeit und nicht nur für Juden. „Das Judentum“, sagt Graumann „hat die ganze Welt mit moralischer Grundsubstanz versorgt“.
Aber auch tagesaktuell sei die jüdische Gemeinschaft in Deutschland wegen ihrer Integrationsarbeit für die Gesellschaft als Ganzes von Interesse. „Unsere Gemeinden“, erklärt Graumann, „bestehen zu neunzig Prozent aus Neuzugewanderten. Andere reden von Integration, wir leben sie. Und können sie vorleben.“
Er erzählt von der spannenden Konfrontation mit völlig anderen Sichtweisen, die die Zuwanderer mitbringen. „Die Juden aus Russland, aus der ehemaligen Sowjetunion, fühlen sich nicht als Opfer, sondern als Sieger. Sie haben gegen Hitler gekämpft und gewonnen! Ihnen bedeutet der 9. Mai mehr als der 9. November.“
Graumann liest in zwei Etappen, dazwischen beantwortet er Fragen von Rachel Salamander. Wie es zu seinem Engagement kam? Auslöser war das Fassbinder-Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“, dessen Aufführung Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Frankfurt 1985 wegen antisemitischen Inhalts durch eine Bühnenbesetzung verhindert hatten. „Das Stück“, sagt Graumann auch heute mit Überzeugung, „konnten wir nicht hinnehmen.“
Es kommen auch Fragen aus dem Pub­likum. Zum Beispiel, was Frankfurt so besonders mache. Die Antwort: „Bubis, der alle integriert hat, auch den Liberalen mit ihrem egalitären Minjan Raum gegeben hat.“ Was bedeute es, wenn die Holocaust-Generation nicht mehr da sei? „Das Erinnern wird schwächer, das Gedenken aber stärker.“ Während der Lesung wird auch geklärt, was es mit Graumanns für einen Juden doch recht ungewöhnlichen urdeutschen Vornamen auf sich hat: Den haben ihm seine Eltern bei der Einschulung verpasst, damit er – bis dahin David – nicht sofort als Jude erkennbar sei.
Graumann wünscht sich, dass Juden sowohl in der Selbst- wie auch in der Außenwahrnehmung endlich aus der Opferrolle herauskämen. Dass der Holocaust zu sehr in den Hintergrund rücken werde, fürchtet er nicht. „Uns gibt es seit viertausend Jahren, da werden wir nicht nach siebzig Jahren die Shoah, unsere größte Katastrophe, vergessen.“ Eher sorgt er sich, dass der Holocaust zu einer Ersatzreligion werden könnte. Wenn aber die Öffentlichkeit gar nicht bereit sei, ihre Wahrnehmung zu modifizieren, fragt die Gastgeberin. Graumann räumt ein, dass etwa die Presse stets darauf aus sei, „Empörung abzurufen“. Aber: „Wir müssen zeigen, was wir positiv zu bieten haben.“
Immer wieder liest und spricht er mit Wärme und Dankbarkeit von Ignaz Bubis, seinem Mentor. „Er war zuletzt resigniert“, sagt Rachel Salamander. Aber zu Unrecht, entgegnet Dieter Graumann. „Bubis hat sich selbst unterschätzt. Er hat viel bewegt.“