12. Jahrgang Nr. 10 / 31. Oktober 2012 | 15. Heshvan 5773

Große Aufgabe – große Chance

In seinem Buch „Nachgeboren – vorbelastet?“ zeichnet Dr. Dieter Graumann seinen persönlichen Werdegang nach und schildert das jüdische Leben in Deutschland

Im Oktober ist im Münchener Kösel-Verlag das Buch „Nachgeboren – vorbelastet?“ von Dr. Dieter Graumann erschienen. In dem Buch gewährt der Präsident des Zentralrats einen Einblick in seinen persönlichen Werdegang, beginnend mit seiner Kindheit in einer Familie von Holocaust-Überlebenden.
Weitere Schwerpunkte des Buches sind Dr. Graumanns Engagement in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main und beim Sportverein Makkabi. Ferner setzt sich der Zentralratspräsident mit dem Aufbau jüdischen Lebens in Deutschland nach der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion, mit dem Verhältnis zu den christlichen Kirchen, dem Holocaust-Gedenken und dem Antisemitismus auseinander. Ein besonderes Kapitel ist Israel gewidmet. Mit Nachdruck betont der Autor die starken, positiven geistigen und moralischen Grundlagen des Judentums und gibt sich über die Zukunft des Judentums in Deutschland – so lautet auch der Untertitel des Buches – zuversichtlich.
Nachfolgend drucken wir, leicht gekürzt, das Vorwort des Buchs ab. Darin erläutert der Zentralratspräsident die Gründe, aus denen er zur Übernahme der anspruchsvollen Aufgabe bereit war, und beschreibt die Ziele, deren Erreichung er in seinem Amt voranbringen will.


Am 28. November 2010 wurde ich zum Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland gewählt. Als es so weit war, musste ich kräftig Luft holen. Denn damit war ursprünglich nicht unbedingt zu rechnen gewesen. Es waren nun gut 15 Jahre vergangen, seitdem ich mich in die „jüdische Politik“ begeben hatte. Auch wenn Ignatz Bubis, der mich überhaupt erst in die Politik brachte, gelegentlich sagte, ich würde sicher einmal einer seiner Nachfolger, und mir Paul Spiegel, mit dem ich glänzend zusammenarbeitete, dies häufig prophezeite und auch Charlotte Knobloch, die starke Frau des Zentralrats, mir Ähnliches voraussagte – ich selbst nahm dies niemals wirklich ernst.
Schließlich aber bin ich doch Präsident geworden, hatte mich doch dazu durchgerungen, allen Nachteilen und gewichtigen Gegenargumenten zum Trotz. Die diversen Risiken, die mir dabei vorausgesagt wurden, habe ich niemals gescheut. Hier halte ich es mit Ernst Bloch, der schrieb: „Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.“ Denn vor allem sehe ich hier die gewaltige Chance, etwas ganz besonders Sinnvolles zu tun und zu erreichen, gerade für die Menschen, die mir so sehr am Herzen liegen, und für den Aufbau einer ganz neuen jüdischen Gemeinschaft mit einer vollkommen frischen, neu zu gestaltenden Perspektive.
Von Anfang an nahm ich mir deshalb fest vor, nicht nur einfach Präsident sein zu wollen, sondern dabei wirklich etwas Neues zu bewegen. Denn ich spürte: Die jüdische Gemeinschaft hier verträgt und braucht eine Brise frischen Wind. Das soll gewiss kein tobender Taifun sein. Aber doch die möglichst geglückte Kombination und Komposition von Kontinuität und Wandel, von seriöser Fortführung und von frischer Fantasie.
„Nachgeboren“ bin ich selbst mit Sicherheit in kalendarischem Sinn: nach der Shoah geboren. Das lässt sich schwer leugnen. Und „vorbelastet“ bin ich ganz gewiss auch. Denn, wie alle meine Freunde und Schicksalsgenossen der zweiten Generation, trage ich in mir für alle Zeit die Traumatisierungen, die unsere Eltern, gequält an Leib und Seele, von der Shoah davongetragen haben. Gerade deshalb weiß ich, wie schwer wir selbst an diesen Verletzungen der Seele tragen, wie sehr wir selbst darunter leiden. Und gerade deshalb will ich, dass es bei unseren Kindern ganz anders sein möge. Vergessen? Niemals. Aber sich auch nicht immerzu von der Vergangenheit dominieren lassen. Das ist sicher für niemanden gut, am allerwenigsten für uns selbst.
Aus genau diesen Gründen habe ich mir für die Zeit meiner Präsidentschaft so viel vorgenommen. Warum sich bücken, wenn man nach den Sternen greifen will? Was ich erreichen will, von Anfang an, ist daher ein richtiggehender Mentalitätswechsel, eine Perspektivänderung: nicht nur Vergangenheit, sondern Vergangenheit plus viel mehr Zukunft. Zum angestrebten Akzentwechsel gehört deshalb auch: gestalten statt meckern, inspirieren statt nur immer kritisieren. Auf der anderen Seite müssen wir uns aber doch mit Leidenschaft engagieren, wo wir gefordert sind: Und tatsächlich ergaben sich schon in den ersten beiden Jahren meiner Amtszeit vielfältige Anlässe, bei denen wir uns wieder kritisch zu Wort zu melden hatten.
Aber wenn es um unsere Kernbereiche geht, müssen wir uns einfach kämpferisch engagieren. Ohne uns in irgendeiner Weise überheben zu wollen, bleibt doch die Frage: Wer, wenn nicht wir, soll denn warnen? Zum Beispiel, wenn es um antisemitische Ansätze erst in der Linkspartei, später in der neuen Piratenpartei geht, wenn es sich um das längst überfällige NPD-Verbot handelt, wenn die Morde des Rechtsterrors in Deutschland sprachlich verharmlosend als „Döner-Morde“ tituliert werden, wenn ein plötzlich durch und durch „grässliches“ Gedicht erscheint oder wenn es darum geht, dem hochkriminellen Horror-Regime in Teheran mit viel mehr Entschlossenheit entgegenzutreten. Ich stelle fest: Auf die wache und kritische Stimme des Zentralrats der Juden, kann die deutsche Öffentlichkeit offenbar noch lange nicht verzichten.
Zum Akzentwechsel gehört auch mein fester Vorsatz, das Judentum künftig moderner, frischer und vor allem positiv zu positionieren – in der öffentlichen Wahrnehmung, aber auch in unserer eigenen Selbsteinschätzung. Also: positiv und licht statt trist und düster. Denn viel zu wenig sind leider die großen, immensen Schätze des Judentums bekannt, erstaunlicherweise auch uns selbst. Mein Instinkt sagt mir: Wir müssen zeigen, dass das Judentum ganz anders ist, als es sich in den Köpfen zu vieler Menschen hierzulande festgesetzt hat. Eben gerade nicht primär traurig und dunkel und dauerkritisch, sondern sehr wohl heiter und frisch und lebensfroh. Und vor allem darf man das Judentum, das ist meine tiefe Überzeugung, gerade nicht nur auf die Leidensgeschichte und auf den Kampf gegen den Judenhass reduzieren – so wichtig das alles mit Sicherheit immer bleiben wird –, weil es tatsächlich doch so viel mehr bedeutet: nämlich eine ganze Galaxie von Wissen und von Werten, eine gewaltige moralische Dimension, von der so viele noch heute zehren (nicht zuletzt das Christentum), aber auch eine Infusion von Sinn und Substanz und gehaltvoller Überlieferung und darüber hinaus so viele Traditionen. Das alles und noch vieles mehr wird nun weitergetragen in einer unglaublich langen Kette von mehr als hundert Generationen. Ein solcher Tradierungsprozess ist tatsächlich einzigartig, und es treibt mich persönlich auch sehr stark an, dass wir diese kostbare Kette weiterknüpfen.
Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist ein wunderbares Beispiel dafür: Geprägt durch die starke Zuwanderung von jüdischen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion in den vergangenen 20 Jahren, haben wir heute eine ganz besondere Zusammensetzung der jüdischen Gemeinschaft. Unsere neuen Mitglieder, die mittlerweile rund 90 Prozent unserer Gemeinschaft ausmachen, sind für uns ein wirkliches Glück und ein Segen. Wir sind dafür jeden Tag unendlich dankbar. Sie stärken und bereichern uns und geben uns so eine ganz neue Zukunft und Perspektive. Und wir wollen nun gerade in Deutschland, gerade allen Katastrophen der Vergangenheit zum Trotz und gegen die Gesetze der Wahrscheinlichkeit, jetzt eine neue und vor allem auch positive jüdische Gemeinschaft aufbauen, deren Zukunft im Grunde ein Wunder ist. Aber Wunder sind für uns keine Kuriosität, sondern fast schon jüdische Spezialität.