12. Jahrgang Nr. 9 / 28. September 2012 | 12. Tischri 5773

General, Gouverneur, Gentleman

Indiens berühmtester Jude, Jacob Jacob, blickt auf eine phänomenale Laufbahn zurück

Seinen Geburtstag feierte Jacob Jacob in diesem Sommer weitab vom Auge der Öffentlichkeit. Er blieb allein in seiner bescheidenen Wohnung in New Delhi und ließ sich einen von der jüdischen Konditorei „Nachum’s“ im fast anderthalbtausend Kilometer entfernten Kalkutta gemachten Geburtstagskuchen schmecken. Mit 89 zog es Jacob vor, nicht mehr ins Rampenlicht zu treten.
Freilich: Rampenlicht und Ruhm sind dem wohl bekanntesten Juden Indiens nicht fremd. Jacob Faraj Rafael Jacob, wie er mit vollem Namen heißt, wurde 1923 in Kalkutta geboren. Seine Familie war im 18. Jahrhundert aus Bagdad nach Indien ausgewandert. Jacob wuchs in einem religiösen jüdischen Zuhause auf. Allzu viel Frömmigkeit färbte nicht auf ihn ab, doch glaubte er an Gott, kannte einen Teil der Gebete und war er von jeher ein stolzer Jude. Mit achtzehn Jahren trat er in die damals unter britischem Befehl stehende indische Armee ein, um gegen Nazi-Deutschland zu kämpfen. „Während meine Brüder in Europa ermordet wurden“, sollte er später erklären, „konnte ich doch nicht ruhig in Indien bleiben.“ Mit seiner Artillerieeinheit wurde er 1943 nach Nordafrika abkommandiert, um am Kampf gegen Erwin Rommels Afrikakorps teilzunehmen. Dazu kam es dann jedoch nicht: Als Jacob und seine Kameraden am Ziel ankamen, waren die Kampfhandlungen auf diesem Kriegsschauplatz beendet. Den Schlachtenlärm des Zweiten Weltkrieges lernte Jacob dennoch kennen: Zwischen 1943 und 1945 kämpfte er in Fernost gegen Hitlers japanische Verbündete.
1948 erlangte Indien die Unabhängigkeit. Jacob blieb im Militär und kletterte dank seiner überragenden Fähigkeiten schnell auf der Rangleiter nach oben. Auf dem Höhepunkt seiner Militärlaufbahn war er Generalleutnant. Sein Judentum war dabei kein Hindernis. „Auf Antisemitismus“, erklärte er im August dieses Jahres gegenüber der Nachrichtenagentur Jewish Telegraphic Agency, „bin ich nur bei Briten in ihrer Armee gestoßen. In Indien gibt es das nicht.“
Jacob spezialisierte sich auf Artillerie- und Raketenkriegsführung. Sein berühmtester Sieg aber wurde im sogenannten Bangladesh-Krieg im Jahr 1971 nicht mit schweren Waffen, sondern mit Nerven aus Stahl und einem gehörigen Stück Chuzpe erzielt. Damals war der jüdische General Stabschef des indischen Wehrbezirks Ost. In dieser Eigenschaft kämpfte er gegen pakistanische Truppen in Ost-Pakistan – aus dem infolge des Krieges Bangladesh wurde. Nach zwei Wochen, in denen Jacob seine Truppen zu beeindruckenden Erfolgen geführt hatte, schlug ihm der pakistanische General Amir Abdullah Khan Niazi Verhandlungen über einen Waffenstillstand vor. Unbewaffnet flog Jacob über die Front und unterbreitete dem gegnerischen Kommandeur ein Ultimatum: Kapitulation oder eine indische Großoffensive.
Während Niazi die ihm eingeräumte Bedenkzeit von einer halben Stunde nutzte, wartete Jacob auf der Veranda – nach außen hin der vollkommen beherrschte, pfeifenrauchende Gentleman, nach innen aber bis zum Äußersten angespannt. Was Niazi nämlich nicht wusste: Den 90.000 Mann der pakistanischen Truppen standen zu jenem Zeitpunkt nur 3.000 indische Soldaten gegenüber. In diesen dreißig Minuten besann sich Jacob dann doch auf die Religion und sprach das Schma Jisrael. Der Bluff gelang, die pakistanischen Truppen des Ostens begaben sich in indische Kriegsgefangenschaft.
In einer Gesamtwürdigung von Jacobs Karriere pries ihn der spätere israelische Generalstabschef Motta Gur mit den Worten: „Ihre Leistung gehört ohne Zweifel zu den besten der modernen Kriegführung.“ Nach Beendigung seiner Militärlaufbahn 1978 versuchte sich Jacob im Geschäftsleben, wurde dann aber zum Gouverneur des indischen Bundesstaates Goa und anschließend des strategisch wichtigen Bundestaates Punjab ernannt. Auf beiden Posten hat er sich glänzend bewährt.
Jacob baute ein persönliches Verhältnis zu Israel auf und spielte auch eine wichtige Rolle bei der Aufnahme offizieller Beziehungen zwischen Indien und Israel 1992. Über Details schweigt er sich – ganz Offizier und Gentleman – aus, doch schrieb ihm Schimon Peres, heute Israels Staatspräsident: „Ich brauche die Bedeutung, die Israel den Beziehungen zu Indien beimisst, nicht zu betonen, und ich will Ihnen meine Anerkennung für Ihre Unterstützung aussprechen.“ Einem bloßen Statisten schreibt man solche Briefe nicht. Jacob hat Israel mehrmals besucht. Den silbernen Hochzeitsgurt, den Schmuck seiner Mutter und seine eigene Uniform hat er israelischen Museen geschenkt, wobei er aber betont: „Ich bin durch und durch Inder. Hier habe ich mein ganzes Leben lang gedient, und hier will ich sterben.“
Im persönlichen Leben war das Glück Jacob weniger hold. Er habe, erklärt er, zwei Frauen geliebt, doch habe keine auf ihn warten wollen. Er blieb Junggeselle. Heute ist es um „Indiens Spitzenjuden“, wie er genannt wird, einsam geworden. Seine Brüder und seine Freunde sind nicht mehr am Leben. Der Großteil der jüdischen Gemeinde von Kalkutta ist nach Israel ausgewandert. Und doch bleibt der alte General unbeugsam. In einem Interview mit JTA zitiert er aus einem seiner Lieblingsgedichte, „Invictus“ von William Ernest Henley: „Ich bin der Meister meines Schicksals: Ich bin der Käpt’n meiner Seele.“
JTA/zu