12. Jahrgang Nr. 9 / 28. September 2012 | 12. Tischri 5773

„Was ich immer schon wissen wollte ...“

Glossar mit Begriffen des Judentums – von Rabbiner Dr. Joel Berger

GENISA (hebräisch):

Das Wort Genisa entstammt der hebräischen Wortwurzel „gns“, was „versteckt“, „das Versteckte“ bedeutet. Ab dem Mittelalter wurde „Genisa“ als Substantiv die Bezeichnung für einen Ort, an dem abgenutzte Handschriften und Bücher aufbewahrt wurden. Wegen der besonderen Hochachtung gegenüber kultischen religiösen Handschriften, gedruckten Büchern oder ihren einzelnen Blättern wie auch gegenüber Kultgeräten – auch wenn sie nicht mehr brauchbar waren – hüteten sich gesetzestreue Juden, diese einfach fortzuwerfen. Deshalb wurden diese Gegenstände Dinge in einem dafür vorgesehenen, geeigneten Raum verborgen, bis man die zerschlissenen Bücher und nicht mehr nutzbaren Kultgeräte an einer Ecke des jüdischen Friedhofes in einer besonderen Zeremonie beerdigte.
Die bekannteste Genisa-Sammlung ist die sogenannte Kairoer Genisa. Eigentlich wurde sie in einer Ortschaft bei Kairo, Fostat, entdeckt. Aus der ehemaligen Synagoge des Ortes war im Laufe der Zeit eine koptische Kirche geworden. Die Juden hatten zuvor vergessen, die alten Handschriften zu beerdigen. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde aus dem Gebäude wieder eine Synagoge, dabei kamen die wertvollen Handschriften aus dem 9. bis 13. Jahrhundert ans Tageslicht. Die „Kairoer Genisa“ wurde von Salomon Schechter in Cambridge erschlossen. Heute werden Teile dieser Genisa in vielen Handschriftensammlungen der Welt – unter anderem in St. Petersburg, Budapest und Cambridge – aufbewahrt. In Deutschland sind aus einigen alten Synagogen, zum Beispiel in Hechingen und Veitshöchheim, Genisa-Sammlungen bekannt.