12. Jahrgang Nr. 9 / 28. September 2012 | 12. Tischri 5773

Die Juden vom Gelben Fluss

In der chinesischen Metropole Kaifeng blühte Jahrhunderte lang jüdisches Leben

Von Anna Xiulan Zeeck

Der Gelbe Fluss ist eines der Wahrzeichen Chinas und gilt als eine Wiege der chinesischen Zivilisation. Zu den vielen Geschichten, die über den fünfeinhalbtausend Kilometer langen Strom zu erzählen sind, gehört auch die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Kaifeng – heute eine wichtige Metropole in Zentralchina. Laut der Inschrift auf einer 1489 errichteten Stele bildete den Anfang des jüdischen Lebens in Kaifeng eine Gruppe von 70 Familien aus 17 Stämmen mit etwa 500 Personen, die Ende des 10. oder Anfang des 11. Jahrhunderts in der Stadt eintraf. Vermutlich kamen sie über die Seidenstraße aus Buchara in Persien, denn ihre Liturgien waren im Buchara-Dialekt verfasst.
In Kaifeng – damals Hauptstadt und mit mehr als einer Million Einwohnern eine der größten und reichsten Städte der Welt – wurden die Juden freundlich aufgenommen, genossen Rechtsgleichheit und gehörten bald zur wohlhabenden Kaufmannsklasse. 1163 kauften sie ein Grundstück im Zentrum der Stadt und erhielten die Erlaubnis, dort eine Synagoge zu bauen. Im Jahr 1279 errichteten Mongolen die Yuan-Dynastie in China. Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurden von den neuen Herrschern als Finanzberater und Steuerbeamte eingestellt oder dienten in der Armee.
Die wirkliche goldene Ära der jüdischen Gemeinde lag aber in der Zeit der folgenden Ming-Dynastie (1368 – 1644). Dank der Wiedereinführung des kaiserlichen Prüfungssystems für Beamte hatten auch die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Zugang zu hohen staatlichen Positionen. Aus den Inschriften eines im Jahr 1489 im Hof der Synagoge errichteten steinernen Monuments ist erkennbar, dass mehr als zwanzig Gemeindemitglieder kaiserliche Prüfungen bestanden und die entsprechenden Titel erhalten hatten. Vierzehn dienten als Offiziere am kaiserlichen Hof oder beim Militär, vier waren amtliche Ärzte, von denen einer Leibarzt des Prinzen war. Juden waren auch kaiserliche Minister und Gesandte. Jetzt noch kann man in den archivierten alten Verzeichnissen lokaler Behörden bedeutende Persönlichkeiten jüdischen Namens finden. Bemerkenswert ist auch, dass dem Leibarzt des Prinzen wegen seiner hervorragenden Dienste vom Kaiser ein chinesischer Name als Auszeichnung verliehen wurde.
In dieser Zeit reisten die jüdischen Kaufleute auch in benachbarte Länder. In religiösen Angelegenheiten unterhielt die Gemeinde Kontakte mit Juden in anderen Städten. Es gab kleine jüdische Gemeinden in Ningxia, Ningbo und Yangzhou, doch war die Kaifenger Gemeinde mit 500 Familien beziehungsweise 4.000 Mitgliedern das religiöse Zentrum. Die Lebendigkeit ihres religiösen Lebens spiegelt sich auch in der aufwändigen Pflege der Synagoge wider. Während der Ming-Dynastie wurde sie sechsmal umgebaut und renoviert. In Europa wurde die Existenz der jüdischen Gemeinde von Kaifeng erst 1605 durch den Jesuiten Matteo Ricci bekannt.
Mit dem Jahr 1642 endete die „Goldene Ära“. Kaifeng wurde Monate lang von Rebellen belagert. Der Jude Guangtien, später der „Held von Kaifeng“ genannt, verteidigte an der Spitze von zehntausend Mann die Stadt. Dann aber wurde der Deich des Gelben Flusses geöffnet, um die Belagerung zu beenden. Die Folgen waren verheerend: Kaifeng versank in den Fluten. Nachdem bei der Belagerung bereits jeder fünfte Einwohner verhungert war, ertranken die meisten der verbliebenen Menschen in den Fluten. Die jüdische Gemeinschaft schrumpfte auf 200 Familien.
Fast zeitgleich endete die Ming-Dynastie und wurde 1644 von der Qing-Dynastie der Mandschu abgelöst. Im Gegensatz zu den Ming-Kaisern waren die Mandschu-Herrscher anderen ethnischen Gruppen gegenüber feindlich gesinnt. Hinzu kam, dass sich das wirtschaftliche Zentrum des Landes zu den Küstenregionen verschob. Kaifeng verlor seine wirtschaftliche Bedeutung und sank auf den Rang einer Provinzstadt herab.
Anfangs konnte sich die jüdische Gemeinde dennoch etwas erholen. Sie restaurierte und kopierte in Jahre langer Mühe die vom Wasser beschädigte Tora-Rolle und errichtete 1663 in der noch weitgehend zerstörten Stadt eine neue Synagoge. In eine weitere Stele wurden 1.663 Texte eingemeißelt, die heute ein kostbares Dokument der Geschichte der Juden von Kaifeng sind. Anfang des 18. Jahrhunderts berichtete der Jesuit Gonzani von einer kleinen, aber blühenden jüdischen Gemeinde, die den Sabbat und die jüdischen Feste achtete und ihre Söhne von klein auf die hebräische Schrift und Sprache erlernen ließ.
1725 verbannte der Kaiser alle christlichen Missionare aus China. Die jüdische Gemeinde verlor dadurch ihren letzten Zugang zu Informationen aus dem Ausland und war isolierter als je zuvor. Aufstände, Hungersnöte und Naturkatastrophen zerstörten die Kontinuität des religiösen Lebens. 1810 starb der letzte Rabbiner und damit der Letzte aus der Gemeinde, der noch Hebräisch konnte. Als sich 1857 eine Rebellenarmee Kaifeng näherte, flohen die meisten Einwohner, auch die Juden. Viele von ihnen kehrten nie zurück. Durch eine erneute Überschwemmung im Jahr 1860 wurde die Synagoge völlig zerstört und nicht wieder aufgebaut. Damit war auch das Ende des religiösen Lebens der Kaifenger Juden eingeläutet. An die großartige Gemeinde erinnert heute nur noch ein jüdisches Museum in Kaifeng.
Dennoch gibt es auch heute noch Einwohner Kaifengs, die sich zu jüdischer Identität bekennen. 1980 konnten sich 263 Familien und 638 Einzelpersonen in Kaifeng auf ihre jüdischen Vorfahren besinnen und hielten noch an einigen jüdischen Traditionen fest, wie die chinesischen Wissenschaftler Zhang Qianhong und Li Jingwen an den Tag brachten. In jüngster Zeit besuchten Gruppen junger Kaifenger mit Hilfe der israelischen Organisation „Schawei Israel“ (Rückkehrer Israels) Israel. Sie lebten und arbeiteten dort in einem Kibbuz, um das Wissen über die jüdischen religiösen Riten und Gebräuche wieder zu erwerben und in ihre Heimat zurücktragen.