12. Jahrgang Nr. 9 / 28. September 2012 | 12. Tischri 5773

Mit anderen Worten

Jüdische Tora-Übersetzungen sind keine theologischen Schriften, aber dennoch seit über zwei Jahrtausenden wichtig

Von Annette M. Boeckler

In halachischer Hinsicht ist die Tora – wie der ganze Tanach – nur auf Hebräisch gültig. Von der talmudischen Ära bis heute bildet das hebräische Original unserer heiligen Schrift die Grundlage für Auslegung, Debatte und gelegentlichen Streit unter Rabbinern, Wissenschaftlern und interessierten Laien. Auch die Tora-Lesung am Schabbat, am Montag und Donnerstag sowie an Fest- und Fasttagen findet im Gottesdienst traditionell auf Hebräisch statt.
Dennoch übersetzen auch Juden die Tora oder den ganzen Tanach, also die hebräische Bibel, und zwar schon seit mehr als zweitausend Jahren. Auch wenn den Übersetzungen in religiöser Hinsicht keine gleichwertige Bedeutung zukommt, so waren unsere Vorfahren Pragmatiker. Da das Hebräische schon früh in der jüdischen Geschichte nicht mehr Umgangssprache der Juden war, wurde die Bibel übersetzt, damit alle Gläubigen und nicht nur die gelehrteren unter ihnen den hebräischen Text nachvollziehen, ihn besser verstehen und über ihn diskutieren konnten.
Die ersten jüdischen Übersetzungen erfolgten ab dem 3. Jahrhundert vor der Zeitenwende ins Griechische (die Septuaginta) und ins Aramäische. Aramäisch war die Umgangssprache der Juden im persischen Reich ab dem 5. Jahrhundert vor der Zeitenwende. Wir wissen, dass die Tora damals in kleinen Abschnitten auf Hebräisch gelesen und diese anschließend sofort ins Aramäische übersetzt und erklärt wurden. Die schriftliche Fixierung dieser Übersetzungen, „Targumim“ genannt, begann wahrscheinlich im 2. Jahrhundert nach der Zeitenwende.
Im 10. Jahrhundert übertrug der große Schriftgelehrte Saadja Gaon die Tora und andere Teile des Tanach ins Arabische. Im christlich regierten Westeuropa spielten Übersetzungen während des Mittelalters keine Rolle – ähnlich wie auch im Christentum dieser Zeit in dieser Gegend. Im 11. Jahrhundert übersetzte der große Exeget Raschi (Rabbi Schlomo ben Jitzchak) in seinem Kommentar zwar immer wieder einzelne Wörter ins Altfranzösische, es gab jedoch keine vollständige Bibelübersetzung. Raschis Übersetzung einzelner Wörter diente lediglich dazu, ihren jeweiligen Sinn verständlich zu machen. Juden in Westeuropa hatten eine Tradition des gemeinsamen Lernens der hebräischen Texte. Man legte Wert darauf, die Knaben früh das Hebräische zu lehren, um Tora, Mischna und andere Schriften sowie die Gebete zu verstehen.
Diejenigen, die vom Lernen ausgeschlossen waren, waren Frauen – für sie wurden daher später Übersetzungen ins Jiddische geschaffen. Die seit dem 13. Jahrhundert verbreiteten Übersetzungen einzelner Teile des Tanach ins Jiddische wollten jedoch keine wörtlichen Übersetzungen sein, sondern unterhalten. Sie schmückten den Text aus, boten ihn in Reimen und zeigten den Einfluss des mittelalterlichen Minnesangs. Die berühmteste jiddische Übersetzung der gesamten Bibel ist der Tseno Ureno (aschkenasische Aussprache von Tz’ena u‘R‘ena, hebräisch „komm und sieh“), Lublin 1616. Der Titel ist ein Zitat aus dem Hohenlied (Schir ha-Schirim 3,11).
Erst im Zeitalter der Aufklärung (18. Jahrhundert) entstanden auch in Westeuropa vollständige Übersetzungen der Tora in die Sprachen einzelner Länder. Die erste war das Werk des Philosophen Moses Mendelssohn, der die Tora ins Deutsche übertrug. Der Anlass für die Schaffung einer Übersetzung ins Hochdeutsche war jedoch nicht, den Inhalt der Tora verständlich zu machen, sondern Juden ein Lehrbuch für gutes Hochdeutsch zu bieten und ihnen die Kultur ihrer Umgebung näherzubringen. Um das zu erleichtern, schrieb Mendelssohn seine Übersetzung in hebräischen Lettern nieder, konnten doch die meisten Juden damals die deutsche Schrift nicht lesen, sondern nur die hebräischen Buchstaben, mit denen Jiddisch geschrieben wurde. Erst 1815 erschien die Mendelssohn-Übersetzung auch in deutschen Lettern. Mendelssohns Übersetzungsideen basierten auf Mendelssohn Midraschim (jüdischen Legenden) und mittelalterlichen jüdischen Kommentaren. Er führte die Bezeichnung „der Ewige“ für den nicht übersetzbaren Gottesnamen ein. Mendelssohn schuf ein stilistisch gutes Deutsch. Er imitierte hebräische Poesie durch einen ähnlichen deutschen Sprachstil und hebräische Prosa durch guten deutschen Erzählstil.
Die Bibelübersetzungen nach Mendelssohn spiegeln unterschiedliche Meinungen zu der Frage wider, ob man beim Übersetzen eher dem Hebräischen oder aber dem Deutschen höheres Gewicht beimessen soll. Mendelssohn hatte nur die Tora, die Psalmen und einige wenige andere poetische Texte der Bibel übersetzt. Die erste Übersetzung des gesamten Tanach gab 1837 Professor Leopold Zunz heraus, die Übersetzer waren Michael Sachs, Julius Fürst und Heymann Arnheim. Zunz selbst übersetzte die Bücher der Chronik. Diese Übersetzung übernahm etliche Übersetzungsideen Mendelssohns, nahm aber stärkere Rücksicht auf den hebräischen Satzbau und schuf einen schlechten, zum Teil fehlerhaften deutschen Text. Weil die Zunz-Übersetzung aber den gesamten Tanach umfasst, ist sie bis heute in jüdischen Gemeinden in Deutschland sehr beliebt.
Samson Raphael Hirsch, der als der Begründer der modernen Orthodoxie gilt, schuf für seinen deutschen Tora-Kommentar in den Jahren 1867 bis 1873 auch eine Tora-Übersetzung, die heute in einer revidierten Textversion vor allem in schweizerischen Gemeinden benutzt wird: Chumasch Schma Kolenu (Basel 2007). Den Gottesnamen übersetzte Hirsch mit „Haschem“ („der Name“), die traditionelle jüdische Art, den Namen Gottes außerhalb des Gottesdienstes zu umschreiben.
Die Übersetzung mit der stärksten Betonung des hebräischen Stils zu Lasten des Deutschen ist diejenige der Philosophen Martin Buber und Franz Rosenzweig (1925–1929). Sie versuchten, das Hebräische im Deutschen nachzuahmen. Sie schufen daher etliche neue deutsche Wörter, die man zum Teil nur verstehen kann, wenn man Hebräisch kann. Für den hebräischen Ausdruck „schiw‘at jamim“ erfanden Buber/Rosenzweig zum Beispiel das neue deutsche Wort „Tagsiebent“ (zum Beispiel in Gen 8,10) und ahmten damit die hebräische Weise nach, den Genitiv in Form eines zusammengesetzten Wortes zu bilden. Statt Monat heißt es „Neuung“ (zum Beispiel Gen 8,5). Dies zeigt, dass das hebräische Wort „chodesch“ (Monat) etwas mit der Wurzel „chadasch“ (neu, erneuern) zu tun hat, was das deutsche Wort „Monat“ nicht zum Ausdruck bringen kann. Buber/Rosenzweig übersetzten den Namen Gottes mit dem in Versalien geschriebenen Personalpronomen (ER, IHN), basierend auf Bubers Philosophie, der zufolge Gott das persönliche Gegenüber in einer Begegnung ist. Die Übersetzung missachtet vollkommen die deutsche Grammatik und Lexikographie, aber imitiert in hoch künstlerischer Weise den hebräischen Sprachstil.
Die letzte jüdische Bibelübersetzung in Deutschland entstand zwischen 1935 und 1937 und war ein Übersetzungsprojekt der Berliner jüdischen Gemeinde, an dem verschiedene Berliner Wissenschaftler und Rabbiner beteiligt waren. Der He­rausgeber, Harry Torczyner (später Naftali Herz Tur-Sinai), war zu dieser Zeit Dozent an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin. Diese Übersetzung ist bemüht, am Satzbau und Erzählstil des Hebräischen festzuhalten, doch anders als bei Buber/Rosenzweig wird gleichzeitig auch der deutschen Sprache Rechnung getragen. Der hebräische Sprachstil wird im Deutschen nachgeahmt, poetische Texte werden zum Teil sogar rythmisch nachempfunden, jedoch in sprachlich korrektem Deutsch. Viele bekannte Wissenschaftler und Rabbiner lieferten die Übersetzungen, Tur-Sinai bearbeitete deren Texte in den fünfziger Jahren, so dass am Ende ein einheitlich wirkendes Werk entstand.
Zunz, Hirsch, Buber/Rosenzweig und Tur-Sinai sind nur vier Beispiele aus der großen Vielfalt jüdischer Bibelübersetzungen ins Deutsche nach der allerersten von Moses Mendelssohn. Allerdings gerieten die meisten anderen Werke trotz ihrer zum Teil überragenden Qualität in Vergessenheit.
Der erste Teil einer christlichen Bibel entspricht im Großen und Ganzen dem jüdischen Tanach. Allerdings wäre die Nutzung christlicher Übersetzungen für Juden problematisch. Zum einen ist die Reihenfolge des christlichen Alten Testaments anders als die des Tanach. Sie richtet sich nicht nach der liturgischen Anordnung von Tora, Propheten und Schriften, sondern folgt dem historischen Ablauf: von der Urgeschichte bis zum letzten Propheten, deren letzter dann zum Neuen Testament überleitet. Katholische Bibeln enthalten außerdem einige zusätzliche Bücher wie die Makkabäerbücher oder Jesus Sirach.
Auch ist die Rolle der Übersetzung anders. Es ist wichtig zu wissen, dass im Christentum – von Anfang an – eine Übersetzung das Original verdrängt hat. Die ersten Christen studierten die griechische Septuaginta und schufen später Übersetzungen ins Syrische, Lateinische – zum Teil nicht aus dem Hebräischen, sondern aus dem Griechischen – und in andere Sprachen des Christentums; seit der Reformation (16. Jahrhundert) auch in abendländische Umgangssprachen. Im Christentum soll eine Übersetzung nicht Wörter des Originals erklären oder helfen, das Original zu verstehen, sondern sie soll den Inhalt als Ganzes verständlich machen. Daher kann eine christliche Übersetzung relativ frei sein, solange sie den Grundgedanken des Textes vermittelt. Christliche Übersetzer spielen nicht mit der Grammatik der Wörter, wie ihre jüdischen „Kollegen“ es tun. Es gibt zum Beispiel unterschiedliche Wörter für „töten“ im Hebräischen. Das Wort „harag“ bedeutet töten in ganz allgemeinem Sinn, „ratzach“ bedeutet, einen Menschen zu ermorden. In den „Zehn Geboten“ (Asseret ha-Dibrot) heißt es: „Lo tirzach“. Christliche Übersetzungen übersetzen dies in der Regel mit „Du sollst nicht töten“. In jüdischen Übersetzungen heißt es dagegen: „Du sollst nicht morden“ (Zunz, Tur-Sinai, Hirsch) oder „Morde nicht“ (Buber/Rosenzweig). Dieser Unterschied liefert seit Jahrhunderten einen theologischen Streitpunkt zwischen den beiden Religionen.
An anderen Stellen gibt es unterschiedliche, jedoch sehr alte Übersetzungstraditionen. Am Ende von Psalm 23 heißt es auf Hebräisch „we-schawti“. Christliche Übersetzungen spiegeln hier eine lange christliche Übersetzungstradition wider: „Ich werde bleiben im Hause des Herrn“ oder „Ich werden wohnen ...“. Die Verbform wird von der Wurzel „jaschaw“ (wohnen) abgeleitet. Jüdische Übersetzungen aber deuten sie von „schuw“, also „umkehren“: „Ich kehre heim ins Haus des Ewigen“ (Tur-Sinai) oder „Ich kehre zurück“ (Zunz). Dies entspricht dem jüdischen Brauch, diesen Psalm bei Beerdigungen und am Schabbatnachmittag zu zitieren. Es geht um die Zuversicht, zur Quelle des Lebens (Gott) zurückkehren zu können.
Andere Stellen wurden für das Herausbilden der christlichen Tradition wichtig. Wenn es eine Doppeldeutigkeit gab, wurden christliche Übersetzungen daher im Sinne des christlichen Dogmas entschieden. In Jesaja 7,14 zum Beispiel steht das hebräische Wort „alma“. Es kann einerseits „junges Mädchen“, anderseits auch „Jungfrau“ bedeuten. Die meisten christlichen Übersetzungen haben hier „Siehe, eine Jungfrau wird schwanger werden“ formuliert, denn dieser Vers wurde in der christlichen Tradition als Hinweis auf die Jungfrau Maria gedeutet. Jüdische Übersetzungen aber haben „Siehe, das junge Weib wird schwanger“ (Zunz, ähnlich Tur-Sinai) gewählt. Sprachlich ist beides möglich.
Es ist also spannend, verschiedene Übersetzungen miteinander zu vergleichen. Wo es Unterschiede gibt, lohnt es sich zu erforschen, woher diese Unterschiede stammen. Jede Übersetzung will das Original zugänglich und verständlich machen, jede Übersetzung aber folgt ihren eigenen Prämissen und Zielen. Letztlich dürfte deutlich geworden sein: Übersetzungen sind wichtig und interessant, aber nichts kann das Hebräische ersetzen. Wer wirklich verstehen will, was die Tora lehrt, der muss sie auf Hebräisch lesen.

Dr. Annette M. Boeckler ist Leiterin der Bibliothek sowie Dozentin für jüdische Bibelauslegung und jüdische Liturgie am Leo Baeck College in London