12. Jahrgang Nr. 9 / 28. September 2012 | 12. Tischri 5773

Freiheit und Verantwortung

Die jüdische Gemeinde Erfurt weihte ihre Synagoge bereits vor 60 Jahren ein, jetzt kann sie sie auch mit Leben füllen

Von Birgit Kummer

„Es ist ein großes Geschenk, mit dem niemand gerechnet hat: dass jüdisches Leben in Deutschland wieder als Ganzes funktioniert.“ Das sagte der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer, im Jüdischen Kulturzentrum in Erfurt. Kramer war einer der zahlreichen Gäste, mit denen die Jüdische Landesgemeinde Thüringen ein ganz besonderes Jubiläum beging: die 60. Wiederkehr der Einweihung der Neuen Synagoge in Erfurt. Mehrere Thüringer Minister, Politiker aller Parteien, die evangelische Bischöfin Ilse Junkermann und der katholische Bischof Joachim Wanke sowie Vertreter zahlreicher Institutionen waren der Einladung gefolgt.
Wie kam es, dass in Erfurt der erste und einzige mit staatlicher Unterstützung der DDR-Behörden errichtete Synagogen-Neubau entstand? Die Neue Synagoge entstand auf den Mauern des prachtvollen Kuppelbaus, der bis 1938 an dieser Stelle gestanden hatte und in der „Reichskristallnacht“ zerstört worden war. Nach Kriegsende hier wieder eine Synagoge zu bauen, war leichter gesagt als getan, obwohl die jüdische Gemeinde Thüringens nach 1945 relativ rasch auf 700 Mitglieder angewachsen war.
Der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein erinnerte bei der Jubiläumsfeier an die schwierigen Umstände der Bauplanung. Zwei Entwürfe lehnten die DDR-Behörden ab, erst der dritte Vorschlag wurde akzeptiert. Das Gebäude sollte als Synagoge kaum wahrnehmbar sein, es musste sich in die umgebenden Baufluchten einpassen. Trotzdem: Am 31. August 1952 wurde die Synagoge eingeweiht.
Nun gab es ein neues Gotteshaus, doch die Schar der in Thüringen lebenden Juden wurde kleiner. Zwei Drittel der Mitglieder flohen infolge antijüdischer Repressionen durch das DDR-Regime. „Danach waren es noch 140 Mitglieder“, sagt Wolfgang Nossen, der Vorstandsvorsitzende der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, „und zur Wende nur noch 26.“ Erst mit den jüdischen Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion stiegen die Zahlen wieder an. Heute hat die Landesgemeinde 840 Mitglieder, allein 500 von ihnen leben in der Landeshauptstadt Erfurt. Seit zwei Jahren hat die Gemeinde einen Rabbiner. Er habe sich zu DDR-Zeiten nicht vorstellen können, dass Synagoge und jüdisches Gemeindezentrum wieder zu einem öffentlich wahrnehmbaren Ort jüdischen Lebens würden, sagte Wolfgang Nossen in seiner Festansprache.
Stephan J. Kramer hatte dazu einige Ergänzungen: „So eine Gemeinde führt sich nicht von allein“, sagte er. „Sie ist kein Selbstläufer, sie funktioniert nur, wenn man sich kümmert.“ Deshalb gebühre Wolfgang Nossen, dessen Stellvertreter Reinhard Schramm und dem engagierten jungen Rabbiner Konstantin Pal großer Dank. Solch eine Gemeinde sei nicht nur eine soziale Station, sie sei Heimat und sie sei ein Ort der Kultur. „Es ist auch nicht selbstverständlich, dass Land und Stadt die Gemeinde nicht als Fremdkörper wahrnehmen, sondern als gleichberechtigten Teil“, betonte der Generalsekretär des Zentralrats.
In Erfurt gibt es ein vielfältiges jüdisches Leben mit religiösen Feiertagen, mit Kultur- und Sprachkurs-Angeboten und vielen Aktivitäten, nicht zuletzt den Kulturtagen. Immer dichter geknüpft wird das Netzwerk jüdischen Lebens. Das in Stein und Papier erhaltene jüdische Erbe sorgt für Aufmerksamkeit weit über Thüringen hinaus. Innerhalb weniger Jahre wurden die Alte Synagoge, die Mikwe, das Steinerne Haus, hebräische Handschriften und ein wertvoller jüdischer Schatz aus dem Mittelalter entdeckt und restauriert. Weitere Ausgrabungen laufen.
Jetzt bewirbt sich Erfurt mit diesen Stätten für das UNESCO-Weltkulturerbe. Und die jüdische Gemeinde schaut nach vorn. Der Entwicklungsprozess werde mehr als eine Generation umfassen, glaubt Wolfgang Nossen, der bis Dezember 2012 sein Amt als Vorstandsvorsitzender der Landesgemeinde ausüben wird. Dann sind Neuwahlen. Laut Nossen gibt es mehrere Kandidaten. Er selbst wünscht sich, dass sich die Gemeinde noch mehr nach außen öffnet und dass es gelingt, bei immer mehr Zugewanderten die religiösen Wurzeln aufzuspüren und zu stärken. Das Judentum zu leben, darum gehe es. „Nicht nur die jüdische Geburtsurkunde haben, auch Jude sein“, erläutert er.