12. Jahrgang Nr. 9 / 28. September 2012 | 12. Tischri 5773

Klare Worte

Bei der Gedenkfeier für die Opfer des Münchener Olympia-Massakers übte der Zentralratspräsident scharfe Kritik an den Sportfunktionären

Von Heinz-Peter Katlewski

„Ich habe mich nicht mit der Kälte, mit dem Versagen, mit dem Schock und dem Schmerz von damals abgefunden. Ich werde es nie tun.“ Das erklärte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, am 5. September 2012 in seiner Rede bei der Gedenkveranstaltung für die von palästinensischen Terroristen ermordeten 13 israelischen Athleten bei den Olympischen Spielen in München. Am damaligen Fliegerhorst Fürstenfeldbruck in Oberbayern endete am 5. September 1972 der Versuch von Bundesgrenzschutz und Polizei, die Geiseln zu befreien, in einem Blutbad, dem neun als Geisel genommene Sportler und ein Polizist zum Opfer fielen. Zwei Israelis waren bereits zuvor von den Terroristen ermordet worden.
Neben Dr. Graumann gehörten zu den Rednern die Präsidentin der Israelischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. h.c. Charlotte Knob­loch, der Bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer, der stellvertretende Premierminister Israels, Minister Silvan Schalom, Bundesinnenminister Dr. Hans-Peter Friedrich und der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude.
Dr. Graumann verweigerte sich bewusst einer diplomatischen Diktion. Besonders schlimm, kritisierte er, sei die lässige Schnoddrigkeit gewesen, mit der die Sportfunktionäre damals mit den Ereignissen umgegangen seien. Dass diese Olympischen Spiele zunächst ungerührt weitergegangen seien, obwohl die Israelis bereits von den Attentätern gefesselt und zwei von ihnen ermordet worden waren, werde er niemals vergessen. Die Sportfunktionäre hätten sich diesem Geschehen gegenüber eiskalt gezeigt.
Das Fazit der Rede des damaligen Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Avery Brundage, „The Games must go on“ (Die Spiele müssen weitergehen), war von dem damals 22 Jahre alten Graumann so verstanden worden: „Who cares, that the Jews are gone!“ (Wen kümmert es, dass die Juden hinüber sind). Tatsächlich habe Brundage hinsichtlich der jüdischen Sportler schon bei den Spielen 1936 in Berlin eine zwielichtige Rolle gespielt, so Dr. Graumann. Von seinen Vorwürfen nahm er auch den damaligen Präsidenten des deutschen Nationalen Olympischen Komitees, Willi Daume, nicht aus. Auch diesem habe es an Wärme, Herzlichkeit und Mitgefühl gemangelt. Wichtig sei Daume allein gewesen, dass der Sport funktionierte.
Ankie Spitzer, die Witwe des damals ermordeten israelischen Fechttrainers André Spitzer, ging bei der Gedenkveranstaltung auf die Weigerung des Internationalen Olympischen Komitees ein, bei den Olympischen Spielen 2012 in London eine Gedenkminute für die Opfer des Massakers einzulegen. In ihrem Wortbeitrag in Fürstenfeldbruck erklärte sie: „Sie waren keine Touristen, sie waren Mitglieder der olympischen Familie!“
Der Gedenkfeier war ein interreligiöser Gottesdienst vorausgegangen, an dem Stefan Reimers, der örtliche Dekan der Evangelisch-Lutherischen Kirche, Albert Bauernfeind, der Dekan der Katholischen Kirche in Fürstenfeldbruck, Arie Folger, Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern, sowie Musiker der Kirchen und der jüdischen Gemeinde mitwirkten.