12. Jahrgang Nr. 9 / 28. September 2012 | 12. Tischri 5773

Jetzt erst recht: zu noch mehr Stärke!

Wir dürfen die Anfeindungen nicht ignorieren, doch steht jüdisches Leben in Deutschland auf festem Fundament

Zukunft 12. Jahrgang Nr. 9
Zukunft 12. Jahrgang Nr. 9
Von Dieter Graumann

Wenn wir auf die letzten Wochen und Monate zurückblicken, beschleicht uns als Juden in diesem Land ein merkwürdiges Gefühl. Der brutale Straßenüberfall auf Rabbiner Daniel Alter in Berlin hat uns alle erschüttert. Niederträchtige Gewalttäter, die auf einen Menschen einschlagen, nur weil dieser Jude ist. Die Tochter des Rabbiners, die mit dem Tod bedroht wird. Nur wenige Tage später Schimpftiraden gegen jüdische Schülerinnen. Juden, die sich mit der Kippa nicht mehr auf die Straße wagen. Das auch noch vor dem Hintergrund einer noch immer laufenden, in großen Teilen giftigen, auch von antijüdischen Ressentiments geprägten Beschneidungs­debatte. Es ist nur allzu verständlich, dass uns all das Sorgen macht und wir alle schockiert sind von der Kälte und besessenen Bevormundung, die uns nun allzu oft entgegenschlägt.
Bei einigen kommen jetzt sogar Zweifel über die Zukunft jüdischen Lebens in diesem Lande auf. Ich kann diese Gefühle zwar sehr gut verstehen, doch bin ich selbst fest davon überzeugt, dass das neue jüdische Leben, das wir in Deutschland gerade kraftvoll, kreativ und entschlossen aufbauen, nicht nur von Dauer, sondern auch von Erfolg geprägt sein wird. In den beiden letzten Jahrzehnten haben wir gemeinsam doch schon ein festes Fundament aufgebaut: neue und viel größere Gemeinden, Schulen, Synagogen, Rabbinerseminare, Bildungseinrichtungen und so vieles andere mehr. Auf diesem Fundament wird das jüdische Leben selbstbewusst, pluralistisch, stark und munter auch in den kommenden Generationen seinen festen Platz in der deutschen Gesellschaft wie in der jüdischen Welt einnehmen. Wir lassen uns von einer kleinen Minderheit gewaltbereiter Verbrecher, von wütenden Antisemiten und von solchen, die uns gerade absichtlich und kalt missverstehen wollen, nicht abschrecken.
Ein Judentum in Hinterzimmern wollen wir nicht, ganz im Gegenteil: Ob es nun um das öffentliche Tragen unserer Glaubenssymbole oder die Fortsetzung unserer Gebote und Traditionen geht – unsere jüdische Lebensweise werden wir uns nicht von anderen vorschreiben lassen. Wir sind eine starke jüdische Gemeinschaft, die vor der Gewalt nicht kapitulieren wird und die sich nicht einschüchtern lässt. Vergessen dürfen wir nicht, dass wir auch viele Freunde haben, die uns dabei doch immer wieder zur Seite stehen.
Sicherlich darf die Gesellschaft solche Übergriffe aber nicht bagatellisieren, und es ist an allen in der Gesellschaft, hier stärker und entschlossen gegen Antisemitismus, von welcher Seite er auch immer kommen mag, vorzugehen. Gerade der aktuelle Angriff zeigt auch, wie wichtig es ist, dass die muslimischen Gemeinschaften resoluter gegen den Antisemitismus in den eigenen Reihen vorgehen. Worte der Anteilnahme sind bestimmt gut gemeint, aber keineswegs ausreichend. Hier muss ein noch viel größerer Einsatz gegen diesen Menschenhass gezeigt und konkret umgesetzt werden. Religionsunterschiede als Grund für Gewalt und Hetze zu nutzen – das darf nicht mehr geduldet werden. Ohne ein aufrichtiges, verstärktes Engagement nach innen wird ein offenes und tolerantes Miteinander bestimmt nicht gelingen können.
Wir hoffen, dass die deutsche Gesellschaft als Ganzes diese Probleme anpackt und dass sich viele Menschen dieser Aufgabe zuwenden. Wir wollen dabei hoffen, dass eine umfassende Erziehung zu mehr Toleranz, gerade und vor allem unter der Jugend, endlich Wirklichkeit wird – zum Nutzen aller.
Hier zählt der Einsatz aller Köpfe und Herzen. Eins ist aber sicher: Wir, die jüdische Gemeinschaft, werden weiterhin, und jetzt sogar noch umso stärker, voller Herzblut und Leidenschaft unsere neue positive jüdische Zukunft in Deutschland aufbauen. Wir werden jetzt nicht plötzlich in Resignation, Frustration und Selbstaufgabe verfallen. Wir lassen uns ganz gewiss nicht unterkriegen – wer auf etwas anderes hofft, der muss ewig darauf warten.

Dr. Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland