Grußwort von Dr. Guido Westerwelle,

Grußwort des Bundesministers des Auswärtigen, Dr. Guido Westerwelle, MdB, zur Ordination von Rabbinern in Köln am 13. September 2012

- Es gilt das gesprochene Wort -

Sehr geehrter Herr Lehrer, verehrte Repräsentanten und Mitglieder der Synagogengemeinde Köln,

lieber Ron Lauder,

sehr geehrter Herr Graumann,

sehr geehrte Herren Rabbiner Burk, Ehrentreu und Engelmayer,

Herr Bürgermeister Bartsch,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

sehr geehrte Herren Rabbiner Fabian, Konits, Konnik und Surovtsev,

Hier in Köln nahm das jüdische Leben in Deutschland seinen Anfang. Die jüdische Gemeinde Köln ist die erste urkundlich erwähnte jüdische Gemeinde außerhalb des Mittelmeerraums. Der erste Nachweis entstammt dem Jahr 321 nach Christus. Jüdisches Leben in Deutschland ist älter als deutsche Staatlichkeit selbst.

In der Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges hat Deutschland großes Leid über die Welt gebracht. Juden wurden systematisch verfolgt und ermordet. Kaum eine jüdische Familie, die nicht Ermordung und Vertreibung erlitten hat. Musste der Zivilisationsbruch der Shoah nicht nach menschlichem Ermessen das Ende jüdischen Lebens in Deutschland auf alle Zeiten bedeuten?

Mit aufrichtiger Dankbarkeit und mit großer Freude sehen wir daher heute, dass sich immer mehr Juden wieder für ein Leben in Deutschland entscheiden. Wir erleben ein wachsendes, lebendiges, jüdisches Kultur- und Geistesleben in Deutschland:

Über 100.000 aktive Gemeindemitglieder in über 100 jüdischen Gemeinden leben heute in Deutschland. Wir freuen uns über die Wiedereinweihung und den Neubau von Synagogen und Gemeindezentren und über die Ordination von Rabbinern.

Sehr geehrte neue Rabbiner,

Sie sind in Israel, Weissrussland, der Ukraine und den USA geboren. Sie leben seit Jahren in Deutschland, sind zum Teil hier aufgewachsen und haben hier studiert. Nach Ihrer Ordination werden Sie in Deutschland arbeiten, als Grundpfeiler jüdischer Gemeinden. Das ist eine sehr schöne und sicherlich auch fordernde Aufgabe für Sie persönlich. Uns allen ist es ein starkes Zeichen für gedeihendes jüdisches Leben in Deutschland.

Wir wollen blühendes jüdisches Leben in Deutschland. Dazu gehört, dass es hierzulande möglich sein muss, jüdische Traditionen ohne Rechtsunsicherheit zu leben. Religionsfreiheit und religiöse Traditionen sind in Deutschland geschützt und werden weiter geschützt sein. Wer in Deutschland Beschneidungen von Jungen untersagt, untersagt jüdisches Leben in Deutschland.

Das ist das eine, was in großer Klarheit in der Debatte um das Urteil des Kölner Landgerichts zu Beschneidungen von Jungen zu sagen ist.

Das andere ist, wie diese Debatte geführt wurde. Und welche Wirkung sie entfaltet hat in den jüdischen Gemeinden hier in Deutschland, bei den Muslimen und weltweit, ausdrücklich nicht nur in Israel.

Die Unkenntnis, die in mancher Wortmeldung zum Vorschein kam, war verstörend. Die Beschneidung von Jungen mit der Verstümmelung von Mädchen gleichzusetzen, ist abwegig.

Empört bin ich über den brutalen Angriff auf Rabbi Alter und seine Tochter. Dass ein solcher Akt der Gewalt gegen jüdische Bürger mitten in unserer Hauptstadt möglich war, schmerzt uns alle sehr.

Der deutsche Rechtsstaat wird mit ganzer Härte gegen antisemitische, fremdenfeindliche und rechtsradikale Straftaten vorgehen.

Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit haben keinen Platz in Deutschland.

Deutschland weiß um seine Verantwortung im Inland und in der Welt. Wir schweigen nicht, wenn die Existenz Israels in Frage gezogen wird. Eine atomare Bewaffnung des Iran ist für uns nicht akzeptabel.

Anrede,

Paul Spiegel hat seine Erinnerungen mit dem Titel überschrieben „Wieder zu Hause?" Er hat ein Fragezeichen an das Satzende gesetzt. Keinen Punkt, erst recht kein Ausrufungszeichen.

Um dieses Fragezeichen geht es mir. Wir führen keine medizinische oder juristische Debatte. Es geht um die Frage, ob Deutschland Heimat von Juden ist.

Wir wollen blühendes jüdisches Leben in Deutschland. Wir wollen, dass Juden in Deutschland zu Hause sind und sich hier zuhause fühlen. Wir wollen jüdische Familien nicht als geschützte Minderheit, wir wollen sie in der Mitte unserer Gesellschaft.

Gesellschaftliche Toleranz, kulturelle Vielfalt und religiöse Pluralität sind kein gönnerhaftes Geschenk an andere, sondern das größte Geschenk an sich selbst.

Deutschland ist ein weltoffenes und tolerantes Land mit einer offenen, pluralistischen und demokratischen Gesellschaft. Eine offene Gesellschaft fordert aktive und wachsame Bürgerinnen und Bürger. Und die haben wir in Deutschland.

Anrede,

Den heute hier Ordinierten wünsche ich eine segensreiche Tätigkeit für ihre verantwortungsvollen Aufgaben. Ihnen und uns allen darf ich schon heute ein glückliches, gesundes und erfolgreiches Jahr wünschen. Shana Tova! Ich danke Ihnen.