Rede von Michael Grünberg

Rede von Michael Grünberg, Vorstand des Bundes Traditioneller Juden in Deutschland und Kuratoriumsmitglied des Rabbinerseminars zu Berlin, anlässlich der Ordinierungsfeier des Rabbinerseminars zu Berlin am 13. September 2012 in Köln

Es gilt das gesprochene Wort! – Sendesperrfrist: Donnerstag, 13.09.2012, 12.30 Uhr MESZ

Ich werde heute weder über die Vergangenheit, noch über die Zukunft reden (Pause),

es ist vielmehr die Gegenwart, auf die ich Ihre Aufmerksamkeit richten möchte, meine verehrten Damen und Herren.

Eine Gegenwart des jüdischen Lebens, welches es, meines Erachtens, seinesgleichen seit 1945 in Deutschland nie gegeben hat.

Eine Gegenwart, in der die jüdischen Gemeinden wieder beginnen aufzublühen.

Eine Gegenwart, die wahrscheinlich ohne das Rabbinerseminar zu Berlin so unmöglich gewesen wäre und wir deshalb stolz sein müssen eine solche traditionell-orthodoxe Rabbinerausbildung in Deutschland zu haben.

Doch was genau haben das Rabbinerseminar, dessen Studenten und Absolventen in der kurzen Zeit von fünf Jahren für das jüdische Leben in Deutschland geleistet?

Die Gemeinden, in denen die Absolventen amtieren, begannen binnen kürzester Zeit mit dem Ausbau des jüdischen Erziehungssystems: Jüdische Kindergruppen bzw. Kindergärten, in denen die jüdischen Werte und Traditionen spielerisch erlernt werden, sind entstanden und sanfte Kinderstimmen, die das Schma Israel und Ma Nischtana singen, können in den Gemeinden wieder vernommen werden. Auch stehen jüdische Schulen auf der Aggenda und es wird nicht lange dauern bis die Kindergartenkinder zu echten jüdischen Schülern aufwachsen.

Lernprogramme für jüdische Jugendliche und Studenten fördern den intellektuellen Diskurs und Fragen zum Judentum und zur jüdischen Identität, die diese junge Generation hat, haben bei den Absolventen des Rabbinerseminars ein offenes Ohr gefunden. Wir alle kennen doch die hitzigen Debatten unserer Jugend, wenn es um die Selbstfindung und Identifikation mit dem eigenen Judentum geht. Fragen über Fragen, die am Ende vieler Diskussion meist unbeantwortet blieben können nun aufgegriffen werden. Die Anzahl der Teilnehmer an Seminaren, Lernwocheneden und Fortbildungen in Kooperation mit dem Rabbinerseminar wachsen jährlich.

Die Synagoge und deren Räumlichkeiten, und das nicht nur am Schabbat, wurden mit neuem Leben gefüllt, das Gebet wird den Betern in ihrer Sprache verständlicher gemacht und von hochinteressanten Gedanken zum Wochenabschnitt begleitet.

Familiencentren mit Programmen für die gesamte Familie, vom Urgroßvater und Urgroßmutter bis zum Urenkel und Urenkelin öffnen ihre Pforten. Die jüdische Gemeinde wird zu einem Mittelpunkt des jüdischen Gemeindelebens erhoben, so dass sich unsere Wünsche beginnen zu erfüllen.

Nehmen wir doch die Jüdische Gemeinde Leipzig mit Rabbiner Balla als Beispiel. Leipzig war vor der Shoah eine der bedeutendsten Gemeinden in Deutschland. Man versuchte zur DDR Zeit die Gemeinde am Leben zu erhalten damit der letzte Funke des jüdischen Lebens nicht gänzlich erlischt. Doch wie hat sich das Gemeindeleben in den letzten fünf Jahren geändert?

Es gibt:

- Einen Jüdischen Kindergarten

- Schacharit, Mincha und Maariv jeden Tag

- Wöchentliche Schiurim für Jugendliche, u.a. die Gruppe Morascha

- Ein Stundentenprogramm am Universitäts Campus der Uni Leipzig

- Den Koscheren Bäcker, die Mikveh und das hervorragende Kulturprogramm im Ariovitsch-Haus braucht man nicht extra zu erwähnen

Ganz im Geiste des Hildesheimer Rabbinerseminars, welches vor dem 2. Weltkrieg mit aller Kraft versuchte das deutsche Judentum vor der Assimilation zu bewahren, tritt in Deutschland für das traditionelle Judentum ausschließlich das Rabbinerseminar zu Berlin an seine verantwortungsvolle Stelle.

Durch die Harmonie von traditioneller Tora ganz im Sinne des klassischen Jeschivastudiums und anerkannter akademischer Bildung, u.a.in Kooperation mit der Fachhochschule in Erfurt und der Humbolduniversität, wird durch das Rabbinerseminar zu Berlin eine moderne Orthodoxie geschaffen, die für die Bedürfnisse der Gemeinden genau abgestimmt ist.

Wahrlich hat jede Denomination im Judentum, sowohl die liberale als auch die orthodoxe, ihren eigenen Weg die jüdische Zukunft in Deutschland zu fördern und zu sichern.

Mit Rabbiner Hirsch und Rabbiner Hildesheimer begann im 19.Jhr eine neue Interpretation des traditionellen Judentums in Deutschland ohne die Rahmen des jüdischen Gesetzes verändern zu müssen, jedoch abgestimmt auf alle Gemeindemitglieder, Männer und Frauen unabhängig vom Grad ihrer Religiosität.

Im 21. Jhr. wird dieses mit dem gleichnamigen Rabbiner-Seminar zu Berlin fortgesetzt, ebenfalls für alle Gemeindemitglieder, Männer und Frauen, unabhängig vom Grad ihrer Religiosität.

Meine verehrten Damen und Herren, schauen wir uns doch die Gegenwart an. Trotz all der Schwierigkeiten, die von außen auf das jüdische Leben wirken und dieses Schwächen wollen, haben wir mit dem Rabbinerseminar zu Berlin eine Instutition vor uns, die von innen das jüdische Leben stärken will.

Mit derselben Zielsetzung wird das Rabbinerseminar von mehreren Organisationen aktiv unterstützt, darunter auch vom Btj, dem Bund traditioneller Juden in Deutschland.

Auch wir vom btj versuchen in unserer Arbeit vor allem mittlere und kleinere Gemeinden in Deutschland zu stärken und diese im Ausbau einer jüdischen Infrastruktur zu unterstützen.

Doch all dies wäre ohne den Segen G-ttes und die enorme finanzielle und ideelle Unterstützung des Zentralrats der Juden in Deutschland nicht möglich.

Die heutigen Absolventen Daniel, Ruven, Jonathan und Naftali beginnen ihre verantwortungsbewusste und wichtige Aufgabe, und wir alle, meine verehrten Damen und Herren, sind Zeugen dieses für das deutsche Judentum historischen Prozesses, nämlich die Renaissance des jüdischen Lebens in Deutschland in der Gegenwart!