Rede von Rabbiner Jaron Engelmayer

Rabbiner Jaron Engelmayer, Gemeinderabbiner Synagogen-Gemeinde Köln und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerskonferenz Deutschlands
Rede anlässlich der Ordinationsfeier des Rabbinerseminars zu Berlin 2012

12.September 2012 in Köln – Es gilt das gesprochene Wort, Sperrfrist: 12.30 Uhr

Kvod haRabbanim, sehr geehrte Damen und Herren in der Reihenfolge, in der Sie bereits begrüßt wurden,

frisch, engagiert und motiviert, wünscht sich Zentralratspräsident Herr Dr. Graumann das Judentum in Deutschland, und genau dem Bild kommen wir mit dem heutigen Tage wieder ein Stück näher! Zum dritten Mal werden im Deutschland der Nachkriegszeit orthodoxe Rabbiner, Absolventen des Hildesheimer Rabbinerseminar zu Berlin, ordiniert, dieses Mal gleich vier, um, wie schon ihre Vorgänger, erfolgreich in den jüdischen Gemeinden in Deutschland ihre Tätigkeit aufzunehmen und frischen Wind zu bringen.

Es ist uns eine besondere Freude und Ehre, daß diese Ordinationsfeier in Köln stattfindet! Diese Freude ist auch wohlbegründet: Einerseits wird hier der jüngste diesjährige Absolvent und vielleicht zurzeit jüngste amtierende Rabbiner in Deutschland, Naftolie Surovzev, in der nachgewiesen ältesten Gemeinde Deutschlands und nördlich der Alpen seine erste Stelle als Assistenzrabbiner antreten. Darauf freue ich mich persönlich ganz besonders und hoffe, an die guten Erfahrungen mit seinem Vorgänger (Rabbiner Radbil, welcher zu den ersten Absolventen des Rabbinerseminars gehörte und nun erfolgreich seine Karriere in Freiburg als Gemeinderabbiner fortsetzt,) anzuknüpfen. Andererseits darf Köln auch Stolz sein auf seine rabbinische Vergangenheit, waren hier doch höchst bedeutende Gelehrte beheimatet! Vor 600 Jahren lebte hier der berühmte Rabbeinu Ascher, auch bekannt als Rosch, während ca. 30 Jahren, bevor er nach Spanien auswanderte. Sein ebenso berühmter Sohn Rabbi Jaakow ben Ascher, bekannt als der „Tur", wurde hier in Kölner geboren, ist also ein richtiger Kölscher Jung, auch wenn er sein großes Werk „Arbaa Turim", einer der Grundwerke für die rabbinischen Studien, doch nicht mit kölschem Dialekt, sondern in der Heiligen Sprache der Gelehrten verfasste.

Es handelt sich um mehr als blosse Symbolik, daß in der ältesten Gemeinde mit besagter Vergangenheit zukunftsweisend die neue Generation der Rabbiner ordiniert wird. Es ist vielmehr ein Zeichen, ein Zeichen auch für die heutige Situation in der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, welche sich seit ihrer Gründung vor knapp 10 Jahren nicht nur vervierfacht, sondern auch enorm verjüngt hat, durch Zuwachs vieler verhältnismässig junger Rabbiner. Dies ist insofern besonders erfreulich, da sich aus dieser Mischung eine schöne Harmonie ergibt von frischer Kraft und langer Erfahrung, in gegenseitigem Respekt. Ganz im Zeichen des nahenden Rosch Haschanah-Festes wollen wir dabei das Gute aus dem vergangenen Jahr und dem Bisherigen mit neuen Ansätzen und Ideen versehen und für das kommende Jahr, für die Zukunft, rüsten und stärken.

Darum geht es auch im Wesentlichen bei der heutigen Zeremonie, der Ordination, oder auf Hebräisch: „Smicha". Von der Zeit unseres großen Propheten und Überbringers der Torah Mosche Rabbenu über knapp zwei Jahrtausende hinweg wurde mit dem Akt der „Smicha" jeweils der Schüler vom Lehrer als offizieller Lehrmeister und Träger der Traditionskette der schriftlichen und mündlichen Lehre autorisiert, wodurch der Schüler von nun an den Titel „Rabbi" tragen durfte. An diese Tradition knüpfen wir heute an und freuen uns, daß weitere vier Torahgelehrte in diese mit großer Verantwortung und Verpflichtung verbundene Würde in die Reihe der orthodoxen Rabbiner aufgenommen werden!

Die Zahl der amtierenden Rabbiner und mit ihnen die ORD sind im steten Wachstum begriffen. Mit dem heutigen Zuwachs verzeichnen wir weit über 40 Mitglieder, welche für ca. 70 Prozent der jüdischen Gemeindemitglieder in Deutschland formell zuständig sind. Dies führt zu mehreren Schlussfolgerungen:

Die erste Schlussfolgerung ist, die Gelegenheit zu nutzen und denjenigen zu danken, welche maßgeblich an dieser Entwicklung mitbeteiligt sind - dem Zentralrat der Juden in Deutschland unter der Federführung seines Präsidenten Herrn Dr. Graumann und der Jeschiwas Bes Zion und dem Hildesheimer Rabbinerseminar zu Berlin!

Die zweite Schlussfolgerung ist, die genannten Zahlen auszuwerten und festzustellen, daß immer noch Raum vorhanden ist für viele weitere Rabbiner, da einerseits auch gut 40 Rabbiner für ca. 70`000 Gemeindemitglieder bei weitem nicht ausreichen, und andererseits unter den restlichen ca. 30 Prozent es noch viele Gemeinden gibt, welche aus verschiedenen Gründen wenigstens formell nicht von einem Rabbiner religiös geführt werden. Deswegen freuen wir uns schon jetzt auf weitere Absolventen und weiteren Zuwachs.

Die dritte Schlußfolgerung ist, daß die orthodoxen Rabbiner religiös repräsentativ sind für die Einheitsgemeinden in Deutschland, welche sich in ihrer überwiegenden Mehrheit für eine orthodoxe Führung entscheiden. Auch wenn selber nicht unbedingt konsequent nach orthodoxen Maßstäben lebend, identifizieren und sympathisieren dennoch die meisten unserer Gemeindemitglieder mit dem der Tradition verpflichteten orthodoxen Judentum und wollen dies weiterhin als mainstream des deutschen Judentums sehen. Für uns orthodoxe Rabbiner heißt dies, für alle da zu sein, für jeden Rabbiner zu sein, egal, welcher Denkweise und Lebensart – jedes jüdische Mitglied in unseren Gemeinden hat Anrecht auf volle rabbinische Betreuung!

Die Anwesenheit des Bundesaußenministers Herr Dr. Westerwelle ist uns ein klares und starkes Zeichen, wie wichtig Ihnen, sehr geehrter Herr Minister, und der deutschen Bundespolitik jüdisches Leben, religiöses jüdisches Leben, in Deutschland ist, denn genau dies kommt mit der heutigen Ordinationsfeier einmal mehr zum Ausdruck! Dieses Zeichen ist uns gerade in der derzeitigen Situation besonders wertvoll, nach Monaten zermürbender Debatten und Diskussionen rund um das Thema Beschneidung, welche bisweilen auch eine ganz andere Sprache sprechen, ebenso wertvoll wie Ihre eindeutige Stellungnahme zu Beginn der Debatte, als Sie einen Imageschaden für Deutschland befürchteten. Wir orthodoxen Rabbiner können in dieser Hinsicht Einiges bewirken: Durch beste internationale Kontakte und Vernetzung mit Rabbinern weltweit, wie etwa mit den anderen Ländern Europas über die Europäische Rabbinerkonferenz, nach Israel bis zum Oberrabbinat, und mittlerweile auch verstärkt nach Amerika zur Rabbinical Conference of America, können und wollen wir das Image jüdischen Lebens in Deutschland in seiner ganzen erfreulichen Entwicklung und Lebendigkeit positiv nach außen in die Welt transportieren und hoffen, daß dieses Anliegen nicht weiter von Debatten wie derzeit über die Beschneidung überschattet werden.

Zum Abschluss wenden wir uns an die vier Absolventen, die Herren Rabbiner Fabian, Konnik, Konits und Surovzev: Wir, die ORD, heißt Euch herzlich willkommen in unseren Reihen, wünschen Euch stets wohlüberlegte und gute Entscheidungen für Eure Gemeinden, ein offenes Ohr und ein offenes Herz für Eure Gemeindemitglieder und segnen Euch mit den Worten Mosches an seinen Nachfolger Jehoschua, als dieser von seinem Lehrer die Smicha und die Autorisierung erhielt: „chasak weemaz" – „sei stark und fest"! „Wihi Haschem imachem" – „möge der Ewige mit euch sein". Von ganzem Herzen Masal tov!