Rede von Ronald S. Lauder

Rede von Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, anlässlich der Ordinationsfeier des Rabbinerseminars zu Berlin 2012

13. September 2012 in Köln – Es gilt das gesprochene Wort, Sperrfrist: 12.30 Uhr

Liebe Rabbiner,

Herr Minister Dr. Westerwelle,

Herr Dr. Graumann,

Herr Dr. Skoblo,

Liebe Freunde,

Für uns Juden, die wir seit Jahrtausenden in der ganzen Welt verstreut leben, ist die Gemeinde ein wichtiger Ort. Hier findet ein großer Teil unseres sozialen und familiären Lebens statt.

Damit eine Gemeinde gut funktionieren kann, braucht es viele aktive Mitglieder. Und es braucht auch gute Rabbiner.

Deutschland war einst ein Zentrum jüdischen Lernens in der Welt. Doch für lange Zeit wurden hier nach dem Holocaust keine Rabbiner mehr ausbildet.

Das Rabbinerseminar zu Berlin, mit Unterstützung des Zentralrats der Juden und meiner Stiftung, hat nun diese Tradition wiederbelebt und bietet angehenden Rabbinern heute eine ausgezeichnete Ausbildung.

Die heutige Ordination von vier Rabbinern ist deshalb ein Anlass zu großer Freude!

Sie ist ein weiterer Meilenstein auf dem Weg in eine jüdische Renaissance in Deutschland, an welche vor ein paar Jahrzehnten kaum jemand geglaubt hätte.

Es gibt aber immer noch Zweifler – und lassen Sie mich hinzufügen: In den letzten Wochen ist deren Zahl wieder gestiegen…

Eine wesentliche Aufgabe der vier Rabbiner in den Gemeinden wird es sein, das Wissen um jüdische Religion und Tradition zu vermitteln.

Ein Rabbiner ist Lehrer und Ratgeber.

Er vermittelt die grundsätzlichen Gebote und Regeln des jüdischen Lebens -

- Regeln, die uns über Jahrtausende in unserem Glauben, aber auch im Lebensalltag begleitet haben, obwohl wir in der ganzen Welt verstreut waren, und die wir unseren Kindern vermittelt haben;

- Regeln, die dem jüdischen Volk auch in den dunkelsten Stunden seiner Geschichte Kraft und Hoffnung auf eine bessere Zukunft gegeben haben;

- Regeln, die zum unverzichtbaren Bestandteil unserer Identität als Juden geworden sind.

Vor wenigen Wochen wurde hier in dieser Stadt ein Gerichtsurteil gesprochen, welche zentrales biblisches Gebot für Juden in Frage stellt: die Brit Mila, die Beschneidung von männlichen Nachkommen.

In Amerika, wo ich herkomme, ist die Beschneidung von Jungen gang und gäbe. Die meisten Kinderärzte empfehlen sie sogar, meist aus medizinischen Erwägungen.

In Europa, wo ich oft bin, fangen die Menschen an, die Beschneidung in Frage zu stellen. Einige, darunter auch die Richter hier, wollen sie sogar ganz verbieten.

Wenn solche Vorurteile aber zu einer Beschränkung der freien Religionsausübung führen, haben wir ein Problem.

- Juden sind keine Fremden in Europa - hier nicht und anderswo auch nicht!

- Juden leben seit vielen Jahrhunderten hier.

- Juden sind Bestandteil dieser Gesellschaft.

Und doch erleben wir heute in vielen europäischen Ländern, dass Juden als Fremde betrachtet werden, dass unsere Sitten und Bräuche in Frage gestellt werden.

Das ist nicht neu. Es wurde schon früher schon gemacht – zuerst im Namen der Religion, dann im Namen der Rasse. Heute wird es im Namen des Rechts, im Namen der Menschenrechte getan.

Säkulare Länder wollen uns diktieren, was man als Jude tun und lassen darf.

Ich bitte Sie daher eindringlich:

Belehren Sie uns nicht, was ein Jude zu tun hat, um jüdisch zu sein!

Wir Juden streiten selbst oft genug darüber, was richtig und was falsch ist. Wir wissen, dass alte Traditionen für viele moderne Menschen irritierend und fremd erscheinen.

Aber es gibt in den modernen Gesellschaften viele Dinge, die fremd und irritierend sind. Aber schaden sie deswegen dem Einzelnen, sind sie schlecht für die Gesellschaft?

Wo kämen wir hin, wenn jedes ungewohnte Verhalten, jede fremde Tradition verboten oder einschränkt würde?

Eine freie Gesellschaft zeichnet sich doch gerade dadurch aus, dass sie Minderheiten respektiert und ihre Rechte schützt.

Ich bitte daher alle hier in Europa: Stellen Sie sich auf die Seite der Freiheit, der Toleranz und des gegenseitigen Respekts, und lassen Sie uns Juden sein hier!

Was zu den Kernpunkten jüdischer Identität und Tradition gehört, darüber können diese vier jungen Rabbiner Ihnen viel mehr erzählen als ich.

Und übrigens auch mehr als das Kölner Landgericht…

Ich wünsche diesen vier jungen Rabbinern, ich wünsche Ihnen allen eine gute Zukunft und ein Frohes Neues Jahr, Shana Tova!

Ich danke Ihnen.