Rede von Dr. Dieter Graumann

Rede von Dr. Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, anlässlich der Ordinierungsfeier des Rabbinerseminars zu Berlin am 13. September 2012 in Köln

Es gilt das gesprochene Wort! – Sendesperrfrist: Donnerstag, 13.09.2012, 12.30 Uhr MESZ

VIER NEUE KERZEN

Lieber Ebi Lehrer, verehrter Vorstand und geehrte Repräsentanten und Mitglieder der Synagogengemeinde Köln,

Lieber Ronald Lauder,

Herr Bundesaußenminister,

Herr Rabbiner Burg,

Verehrter Dayan Ehrentreu,

Herr Rabbiner Engelmayer

Kwod Harabanim,

Herr Bürgermeister,

Geehrte Ehrengäste

Meine Damen und Herren,

Liebe Freunde,

Auf der großen, stolzen, mächtigen, majestätischen Menorah des Judentums entzünden wir heute hier gemeinsam vier neue Kerzen, die unser Judentum bestimmt zusätzlich mit Licht und Wärme und mit Zukunft bereichern werden.

Und deshalb ist heute für uns alle ein richtiger Feiertag. Eine große Simche. Ein Freudentag. Eine wahre Simche von Sinn und von Substanz.

Denn heute wird unsere jüdische Gemeinschaft in Deutschland wieder ein Stück gestärkt, verbessert, gekräftigt.

Rabbiner sind doch so wichtig für uns. Rabbiner sollen uns den Himmel zwar etwas näher bringen. Aber Rabbiner fallen leider doch nicht einfach vom Himmel.

„Geh, mache Dir einen Lehrer" – sagen schon unsere Weisen in den Pirkei Awot (Sprüche der Väter).

Wir müssen uns also schon selbst die Rabbiner machen, die wir brauchen und uns selbst darum bemühen. Anders geht es nun mal nicht.

Ich will mich daher ausdrücklich bedanken bei allen, die die neue Ausbildung von Rabbinern hier möglich machen.

Und speziell bedanken heute bei allen, die im Hildesheimer Rabbiner Seminar Verantwortung tragen:

Beim Leiter, Rabbiner Josh Spinner, der voller Dynamik und Engagement diese große Aufgabe wahrnimmt und der das Seminar energiegeladen immer wieder durch alle Phasen trägt. Bei allen, die hier unterrichten, bei allen, die im Kuratorium hier leitend und entscheidend mitarbeiten für alle: meine Kollegen Dr. Josef Schuster, Küf Kaufmann und Michael Grünberg, bei Dr. Roman Skoblo, dem mehr als engagierten und leidenschaftlichen Unterstützer und großen Sponsor - und bei so vielen andern mehr.

Natürlich auch bei Ronald Lauder.

Lieber Ronald, Sie haben mit Ihrer Vision, Ihrer Fantasie, Ihrem Idealismus, Ihrem großen jüdischen Herzen und mit Ihrer immensen Großzügigkeit das Judentum in Europa befördert und ihm neue Impulse und frische Inspirationen verschafft wie keiner sonst. Dafür, wie für so vieles mehr, danken wir Ihnen allen wirklich von ganzem Herzen.

Lieber Ronald - ich glaube: Sie haben für das, was Sie geleistet haben, schon jetzt einen Platz im Paradies sicher. Jedenfalls soweit ich es zu beurteilen habe. Eine feste Platzreservierung, ein Pre-Booking im Paradies müsste Ihnen doch aber sicher sein – ansonsten würden wir die Welt, wie sie ist und wie sie sein sollte, überhaupt gar nicht mehr verstehen.

Und, ganz nebenbei, der Zentralrat der Juden als wichtiger und wesentlicher Sponsor von Substanz, ist hier natürlich auch nicht so ganz zu vergessen.

Wie könnte, wie würde ich denn je im Leben den Zentralrat vergessen?

Never ever - Niemals natürlich!

Dank gilt hier den Mitarbeitern des Zentralrats für die professionelle und erfolgreiche Organisation dieser Feier! Ich bin stolz auf unsere Mitarbeiter!

Der Zentralrat steht nun allerdings politisch ausdrücklich für die Pluralität -

und unterstützt daher sowohl die traditionelle, wie die reformorientierte Rabbinerausbildung.

Denn für den Zentralrat der Juden gilt nun einmal:

Unter unserem gemeinsamen Dach, unter dem schützenden, lebendigen, lichten Dach des Zentralrats, soll jeder nach seiner Fasson fröhlich und jüdisch und glücklich sein können.

Wir wollen dabei auch deutlich machen, dass Judentum eine religiöse, eine philosophische, eine politische und moralische, eine emotionale, eine kulturelle und intellektuelle, vor allem aber eine spirituelle Kraftquelle ganz besonderer Art ist: Eine Infusion von Zukunft, von Substanz und von Sinn.

Dies alles muss auch vermittelt werden. Wir Juden hungern nach Rabbinern, die genau das können – wir sehnen uns nach Wissen und Sinn und nach spiritueller Substanz. Gerade auch die „neuen" Rabbiner sollen das vermitteln. Sie werden gewiss wachsen mit Ihren Aufgaben und Ihrer Berufung. Da bin ich mir ganz sicher.

Meine Sicherheit schöpfe ich aus unserer einmaligen Geschichte. Denn das Judentum steht in einer langen Kette von Tausenden von Jahren. Diese Kontinuität gibt uns Kraft, Mut, Stolz und Zuversicht.

Wir Juden haben im Laufe der Jahrtausende so viele Feinde und Katastrophen überstanden. Und wo sind unsere Feinde heute? Die Zerstörer unserer beiden Tempel etwa: die alten Babylonier, die alten Römer? Längst und fern vergangen und fast vergilbt in den Annalen der Geschichtsbücher.

Aber wir Juden - wir sind immer noch hier.

Am Ende ist es doch unsere Religion, die uns immer wieder über Wasser gehalten hat. Ja, die Juden haben die Religion gehalten. Aber noch mehr hat die Religion die Juden gehalten. Sie hat dafür gesorgt, dass das Judentum eine einzigartige, eine singuläre und legendäre Kontinuität aufweisen kann. Und wir transportieren gemeinsam die klassische, konsequente, komprimierte Kontinuität. Wir hüten zusammen die fulminanten Fundamente des Judentums und die einzigartige jüdische Flamme über Jahrtausende hinweg und verbindet und verknüpft uns so mit mehr als hundert Generationen von Juden.

Ja: Judentum tut gut. Es erleuchtet unsere Herzen.

Alle unsere Rabbiner leisten, oft unter schwierigsten Umständen, wirklich eine wunderbare Arbeit, die ich selbst immer wieder bewundere und achte und immer doch so sehr schätze. Ich bedanke mich von ganzem Herzen bei allen, die für uns hier rabbinisch tätig sind, für ihre unschätzbare Leistung in einem nicht leichter werdenden Umfeld.

Ende August hat uns alle der brutale, niederträchtige Angriff mitten in Berlin auf Rabbiner Daniel Alter, zumal im Beisein seiner siebenjährigen Tochter, tief schockiert und wütend gemacht. Wie Menschen das anderen Menschen antun können, werde ich selbst jedenfalls niemals verstehen.

Und dennoch, allen, die gerade jetzt jüdisches Leben in Deutschland generell in Zweifel ziehen, sage ich:

Jüdisches Leben hier ist sicher – und muss gesichert werden. Das zu leisten, ist nicht zuletzt Aufgabe der Behörden und der ganzen Gesellschaft.

Von Zweifeln, Verunsicherung und Angst werden wir uns bestimmt nicht beherrschen lassen. Wir beugen uns nicht dem Terror und werden nicht vor dem Hass und der Gewalt kapitulieren. Niemals.

No-Go-Areas werde ich für Juden hier nicht akzeptieren, und für andere Menschen auch nicht.

In Deutschland darf es keine demokratiefreien Zonen geben.

Ich will auch kein verstecktes, verängstigtes Judentum in Hinterzimmern.

Ganz im Gegenteil sogar! Wir werden jetzt sogar noch entschlossener mit Leidenschaft und Herzblut unsere frische, positive, neue jüdische Zukunft hier aufbauen: aktiv, innovativ, offensiv und kreativ. Jetzt erst Recht!

Wir lassen uns von Schlägen und Rückschlägen ganz bestimmt nicht einschüchtern! Wer darauf wartet, der muss ewig warten!

Und zu den schwierigen Umständen gehört auch: Seit zwei Monaten beschäftigt uns hier plötzlich alle ein Thema: Das Urteil des Landgerichts Köln über die religiöse Beschneidung an Jungen.

Unerwartete Einschläge sind oft besonders heftige Schläge. Eine heftige und intensive Debatte tobt in Deutschland. Wir, der Zentralrat der Juden, haben uns sehr rasch und resolut positioniert und in diesen wichtigen Wochen eindringlich für unsere Position geworben. Richtig war es, von Anfang an, sehr klar zu sagen: Würde sich diese fatale Rechtsprechung durchsetzen, wäre Deutschland das einzige Land auf der Welt, in dem die Beschneidung verboten wäre. Die Beschneidung ist für uns nun einmal elementar und konstitutiv. Und absolut unverhandelbar. Wir haben hier auch gar kein Verhandlungs-Mandat. Beschneidung ist bei uns auch kein lockerer, bizarrer Brauch – sondern absolute Kernpflicht einer jeden jüdischen Familie

Kein Gebot im Judentum wird so universell im ganzen Judentum befolgt wie das der Beschneidung. Der Akt der Beschneidung verbindet uns mit Gott – er verbindet uns aber auch mit allen Juden auf der Welt, zugleich aber auch mit den Generationen von Juden, die vor uns waren, und die nach uns sein werden. Für mich selbst bedeutet sie auch jüdische Selbstbehauptung im Sturm der Geschichte.

Wo immer wir im Judentum stehen mögen: Das vereint uns alle.

Die Beschneidung hat daher für uns eine ganz tiefe spirituelle und substanzielle Bedeutung. Das muss man nicht billigen. Und noch nicht einmal verstehen. Aber respektieren schon – und tolerieren allemal!

Würde die Beschneidung in Deutschland verboten, würden Juden kalt in die Illegalität getrieben. Dann wäre jüdisches Leben hier gar nicht mehr möglich.

Das muss jeder wissen. Das ist kein rhetorischer Trick und keine Übertreibung.

Das, und nur das, ist die Wahrheit.

Ich erlebe inzwischen öfter, dass manche diese glasklare Konsequenz mit einem lässigen Achselzucken, sogar da und dort mit klammheimlicher Freude quittieren.

Jüdisches Leben blüht in Deutschland aber gerade jetzt wieder ganz neu auf. Wir werden uns unsere neue positive Zukunft hier gewiss nicht verstellen lassen.

Es ist daher sehr zu begrüßen, dass der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit am 19. Juli ein sehr klares und entschlossenes Signal gesetzt hat mit seiner Resolution. Das ist ein wichtiger Schritt, und wir sind sicher, dass das versprochene, und notwendig gewordene Gesetz auch tatsächlich in den nächsten Monaten beschlossen wird. Versprochen ist versprochen.

Anzuerkennen ist, dass die Politik in Deutschland mit der nötigen Sensibilität verantwortungsbewusst und zügig gehandelt hat – binnen drei Wochen nach der Verkündung des berüchtigten Urteils. Für uns wichtig ist vor allem das starke politisches Zeichen, dass uns zeigt: Jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland ist und bleibt hier willkommen. Das schätzen und würdigen wir sehr.

Und ausdrücklich danken will ich hier Ihnen, Herr Bundesaußenminister: Sie habe mit als allererster Politiker im Land deutlich erklärt, dass Sie sich dafür einsetzen, dass jüdisches und muslimisches Leben hier, und damit auch die Beschneidung möglich bleiben muss. Für diesen Einsatz danke ich Ihnen sehr.

Es gibt jedoch auch einige hässliche Misstöne und ausgesprochen bösartige Nebengeräusche in der Diskussion: Die Debatte wird inzwischen zunehmend auch von einigen als Vorwand missbraucht, um doch wieder rassistische Vorurteile und Klischees zu transportieren und auszuleben. Es gibt sie doch: Jene, die „Beschneidung" sagen und die Judenfeindschaft und Muslimfeindschaft meinen. Im Internet finden wir leider haufenweise widerwärtige Beispiele von diesen ekelhaften Ergüssen. Massenhaft Müll. Wem kann das denn gefallen?

Aber auch was die „generelle" sozusagen „seriöse" Debatte angeht, so verläuft sie oft schwierig und ist für uns nicht selten schwer erträglich. Denn wir Juden wollen uns ganz sicher nicht dafür rechtfertigen müssen, dass wir Juden sind. Alle Menschen lieben ihre Kinder, gewiss. Die Liebe zu unseren Kindern ist im Judentum schon immer geradezu legendär. Jüdische Mütter und Väter sind bereit, für ihre Kinder buchstäblich durchs Feuer zu gehen.

Der Vorwurf, wir würden unseren Kindern mutwillig Schmerzen und Schaden zufügen, ist deshalb ganz besonders infam und verletzend. Unsere Kinder brauchen keine selbsterklärten und ungebetenen Fürsprecher von außen.

Wir brauchen hier bestimmt keine Nachhilfe und keine oberlehrerhafte Bevormundung, wenn es um die Liebe zu unseren Kindern geht.

Nirgendwo in der Welt wird diese Debatte von den geradezu besessenen Beschneidungskritikern mit einer solchen schneidenden Schärfe, mit dieser schroffen Unerbittlichkeit und diesem rüden Anklageton geführt wie in Deutschland. Das wollen und werden wir uns einfach jetzt nicht mehr gefallen lassen.

W ir wünschen uns sehr: w eniger Belehrung, Besserwisserei und Bevormundung – und mehr Toleranz, guten Willen, Vertrauen und Respekt!

Die Debatte ist nunmehr auch ein großer Toleranz-Test für unsere Gesellschaft geworden – und ich wünsche mir sehr, dass sie ihn überzeugend bestehen wird.

Und wenn wir schon beim Wünschen sind:

In einer Synagoge darf man ja Wünsche äußern, denke ich. Ich wünsche mir, dass viel mehr jüdische Menschen hier bei uns noch mehr vom Wunder der jüdischen Religion erfasst werden und den wunderbaren jüdischen „Spirit" in sich aufnehmen mögen. Ganz schnell, sofort und augenblicklich.

Und: Gerade als ein Mensch, der selbst im orthodoxen Judentum verwurzelt ist und es immer in seinem Herzen tragen wird, wünsche ich mir auch Rabbiner, die das Judentum mit Weisheit, mit Wärme, mit Respekt und mit einem Lächeln, mit Leidenschaft und mit Begeisterung vermitteln.

Rabbiner also, die die Flamme des Judentums, diese einmalige jüdische Fackel von Sinn, Substanz, Wärme und Tiefe, direkt mitten in die Herzen gerade unserer jungen Menschen hinein tragen. Und das gilt für uns ältere Kinder gleich mit.

Das wünsche ich mir von ganzem Herzen und ein solcher Wunsch, gesprochen, gedacht, gefühlt in einer so schönen Synagoge – wird ganz sicher auch rasch erfüllt werden.

Auch, und nicht zuletzt, von unseren vier neuen Rabbinern! Ihnen wünsche ich daher von ganzem Herzen:

„Sie sollen zum Segen sein - Hieje Bracha" (so sagt Gott zu Abraham)

Sie sollen zum Segen sein, für die ganze jüdische Gemeinschaft, ja für alle Menschen und sogar für die ganze Welt – aber auch und gerade auch für sie selbst. Sie sollen Erfüllung und Zufriedenheit und persönliches Glück finden, in dem, was sie von nun an tun.

Denn nur wer selbst brennt, kann auch das Feuer in anderen entzünden.

Ihnen - den neuen Rabbinern wünsche ich jedenfalls von ganzem Herzen Glück und Segen. Mögen Sie Glück und Segen über all jene bringen, die Sie künftig betreuen werden. Das Glück und der Segen sollen wachsen und immer noch größer werden.

Wie unsere ganze jüdische Gemeinschaft, die wir hier mit Herzblut, mit Begeisterung und mit Leidenschaft gerade ganz neu gemeinsam aufbauen.

Auch sie soll blühen und wachsen und gedeihen.

Und genau das wird uns auch gelingen!