12. Jahrgang Nr. 8 / 31. August 2012 | 13. Elul 5772

Von ganz weit weg

Münchener Ausstellung dokumentiert die jüdische Zuwanderung aus der Ex-UdSSR

Von Heinz-Peter Katlewski

Die Erwachsenen unter uns können sich noch gut an den Beginn der Zu-wanderung aus der ehemaligen UdSSR erinnern. Und doch sind seitdem schon mehr als zwei Jahrzehnte vergangen: Für das Jüdische Museum München eine ausreichende zeitliche Distanz, um die Zuwanderung zum Thema einer Ausstellung zu machen. Dabei handelt es sich um den zweiten Teil einer Doppelausstellung mit dem Namen „Juden 45/90“. Im November 2011 war die erste Teilausstellung eröffnet worden. Sie dokumentierte das Schicksal der Displaced Persons nach 1945 im Münchener Umland. Jetzt geht es unter dem Motto „Von ganz weit weg“ um Juden aus der Ex-Sowjetunion, die nach München kamen.
Als Einstieg in den Rundgang erlebt der Besucher die Geburtsstunde der Migrationsbewegung: Eine Aufzeichnung der Erklärung von Sabine Bergmann-Pohl, Präsidentin der letzten DDR-Volkskammer, vom 12. April 1990. Auf dem Bildschirm verkündet Frau Bergmann-Pohl, künftig wolle die DDR Verantwortung für die deutschen Verbrechen während der Nazi-Zeit übernehmen, ein freundschaftliches Verhältnis zu Israel entwickeln und sich für jüdisches Leben öffnen. Das Video schließt mit dem Satz: „Wir treten dafür ein, verfolgten Juden in der DDR Asyl zu gewähren.“
Die zunächst ungeregelte Zuwanderung wurde nach der Wiedervereinigung beider deutscher Staaten rechtlich geordnet. Zwischen 1990 und Ende 2004 kamen mehr als 200.000 Menschen mit ein paar Koffern her, rund 100.000 schlossen sich einer jüdischen Gemeinde an oder gründen eine. Die Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern hat mit fast 9.500 Gemeindemitgliedern heute mehr als doppelt so viele wie noch vor 20 Jahren.
Im nächsten Raum zeigen Exponate Beweggründe zur Auswanderung: Antisemitische Plakate verweisen auf die judenfeindliche Stimmung Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre. Pillen, Aktivkohle und Desinfektionsmittel symbolisieren die schlechte medizinische Versorgung. Die Gründe sind vielfältig. Der strahlende Reaktor in Tschernobyl. Die schlechte Wirtschaftslage und Lebensmittelknappheit. Und natürlich der Wunsch, die Religion wieder leben zu können.
Aber ausgerechnet in Deutschland? Die Wände des Ausstellungsraums erzählen vom Image Deutschlands in der UdSSR – in Filmen, Druckwerken und in den Köpfen. Mal ist das Land der Feind, nazistisch und militaristisch, mal erscheint es kurios: Man habe gehört, hier werde Vogelfutter mit Milch zum Frühstück gegessen. Anderen wiederum gilt es als eine Art kulturelles Paradies, als das Land der Dichter und Denker. Ariel Kligman aus Kiew, heute Sozialdezernent der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, bekennt in einem 2007 aufgezeichneten Interview: „Ich bin mit großen Erwartungen gekommen. Jetzt kann ich sagen, dass ich nichts wusste, denn damals war ich naiv.“
Die ersten Wochen und Monate in den schlichten und bürokratisch geführten Aufnahmelagern wurden oft als kränkend empfunden. Als nächstes mussten die Neu-Münchener erleben, dass ihre Ausbildungen und Qualifikationen in Deutschland wenig galten. Vielen schienen die Sprachhürden unüberwindlich. Nur wenige der sogenannten Kontingentflüchtlinge konnten deshalb an ihre erlernten Berufe anknüpfen. Nicht alle bekamen Arbeit. Einige schufen sie sich aber selber und gelten heute als gute Adressen in Handel, Handwerk, Dienstleistung und Gastgewerbe.
Die beiden Kuratorinnen des Museums, die Historikerin Jutta Fleckenstein und die Kulturwissenschaftlerin Piritta Kleiner, beschreiben die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart der Zuwanderung. Für ihre Recherchen besuchten sie Veteranentreffen, Deutschkurse, Chorproben, Gedenkveranstaltungen, Ausstellungseröffnungen russisch-jüdischer Künstler, Schachturniere und nahmen an privaten Kaffeekränzchen teil. Die Leihgaben für die Ausstellung, die sie dabei gewannen, bauen die Brücke zwischen den Erinnerungen und dem neuen Leben in der bayerischen Hauptstadt. Manche Ausstellungsstücke berichten vom beruflichen Werdegang, andere von der Herkunft oder der Ankunft in München, vom Deutschlernen, unterstützt von Notizbüchern mit besonderen Vokabeln und Redewendungen.
Aus der Heimat mitgebrachte Gebrauchsgegenstände sind ebenfalls zu sehen. Raisa Pasovskaya aus Moskau stellte einen Mazzen-Roller zur Verfügung. Ihr Vater hatte ihn geschnitzt, als sie sechs Jahre alt war. Mazzot konnte man schließlich nicht kaufen, sondern musste sie selber backen, wollte man Pessach würdig feiern. Sie benutzt diese Teigwalze auch heute noch. Von Juriy Finkelberg wird eine dreiteilige Querflöte gezeigt, auf der sein Großvater einst Klezmer-Musik gespielt hatte. Tatyana Makhova fand vor der Ausreise in ihrem Keller in Taschkent eine zweibändige hebräisch-deutsche Bibelausgabe und nahm sie mit.
Jedes der zahlreichen Erinnerungsstücke birgt eine eigene Geschichte. Manche davon ist noch nicht abgeschlossen, die der Einwanderer ohnehin nicht. In zwanzig Jahren werden Museum und ehemalige Einwanderer sowie deren Nachkommen wahrscheinlich anderes wichtig finden.
www.juedisches-museum-muenchen.de