12. Jahrgang Nr. 8 / 31. August 2012 | 13. Elul 5772

Das Prinzip Beharrlichkeit

Die jüdische Gemeinde in Bochum will ihre Rolle weiter ausbauen

Von Zlatan Alihodzic
Die meisten Menschen, die auf den kleinen Hügel in der Bochumer Stadtmitte kommen, besuchen das Planetarium, das 200.000 Gäste pro Jahr begrüßen darf. Mit solchen Zahlen kann die nur wenige Schritte entfernt gelegene Jüdische Gemeinde Bochum-Herne-Hattingen zwar nicht konkurrieren, doch arbeitet sie zielstrebig daran, ihre Rolle als ein Zentrum jüdischen Lebens auszubauen. „Früher“, erzählt Dr. Boris Lotwin, „hatten wir nur einen Saal, den wir in Synagoge und Veranstaltungsfläche geteilt haben. Dazu gab es ein paar kleinere Räume. Seit wir das neue Gebäude haben“ – das Haus am Erich-Mendel-Platz wurde von der Gemeinde vor fünf Jahren bezogen – „kommen die Mitglieder öfter zu uns“, sagt der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Gemeinde.
Allerdings ist es nicht leicht, neue Mitglieder zu gewinnen. „Das ist ja bei allen Gemeinden so“, betont Geschäftsführer Alexander Chraga. Der Strom der Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion sei nun mal abgeebbt. So stellt sich die Frage, wie sich das Interesse von Zuwanderern, die seit Längerem am Ort leben, sich bisher aber nicht an die Gemeinde gewandt haben, wecken lässt. Viele, so Chraga, hätten kein Interesse am Judentum oder hätten sich vor geraumer Zeit aus dem Gemeindeleben zurückgezogen.
Doch in Bochum hat man die Hoffnung nicht aufgegeben, schließlich geht es um die Zukunft der Gemeinde. Mit einem Kindergarten und einer Gruppe für unter Dreijährige möchte man den Mitgliedern helfen und andere Menschen dazu bewegen, sich wieder mit der Gemeinde auseinanderzusetzen. Eine U3-Gruppe wurde zwar im letzten Jahr schon angeboten, doch die Kosten waren zu hoch. „Außerdem waren wir nur ein Warteplatz für andere Kindergärten, das war nicht gut“, sagt Lotwin. Die U3-Gruppe hatte pro Woche zwei Öffnungstage, das war vielen Eltern zu wenig.
Mit dem neuen Kindergarten und der U3-Gruppe soll es besser klappen. Die Planung läuft auch Hochtouren, doch fehlt noch ein Geldgeber für das Projekt. „Der Weg ist weit“, sagt Geschäftsführer Chraga. Aber es sei nötig, ihn zu gehen. Denn aus den U3-Gruppen oder dem Kindergarten können die jungen Besucher der Gemeinde direkt ins Jugendzentrum wechseln oder in die Religionsschule – „und so lernen sie, sich wieder als Juden zu verstehen“, hofft Chraga.
Auch ein neuer Rabbiner wird benötigt. „Bis März hatten wir einen Wanderrabbiner, der die Hälfte seiner Zeit für uns da war“, erzählt Lotwin. „Aber er hat sich dann in einer anderen Gemeinde niedergelassen.“ In der Übergangsphase bis zur Ankunft eines neuen Rabbiners bemüht sich der Religionsausschuss gemeinsam mit einem Gemeindemitglied aus Israel darum, an den Feiertagen das jüdische Leben aufrecht zu erhalten. Das funktioniert gut, „aber wir brauchen einfach die Betreuung, die nur ein Rabbiner bieten kann“, unterstreicht Chraga die Dringlichkeit bei der Suche. Eine halbe Stelle wäre ideal, zudem Zweisprachigkeit – Russisch und Deutsch. „Der Rabbiner muss unsere Mitglieder ja verstehen“, sagt Lotwin.
Für das übrige Programm in der Gemeinde sorgen die Mitglieder selbst: Frauen, Senioren, Jugendliche, Theaterfreunde, Musik- und Literaturliebhaber – sie alle gestalten Gruppen, treffen sich regelmäßig und bringen Leben ins Haus. Oft wird auch der große Saal vermietet. „An Parteien, gemeinnützige Organisationen, Verbände, Krankenkassen, die Stadtverwaltung, auch an die Bochumer Grundschullehrer, die jedes Jahr kommen“, zählt Chraga auf. Die Gäste empfange man gerne, auch wenn das Thema Sicherheit immer im Hinterkopf bleibe. „Aber es soll für alle Menschen ganz normal sein, die jüdische Gemeinde zu besuchen.“