12. Jahrgang Nr. 8 / 31. August 2012 | 13. Elul 5772

Tor zur Tora

Franz Rosenzweigs Lehrhaus in Frankfurt war eine einmalige Stätte jüdischer Rückbesinnung

Von Barbara Goldberg

Es gibt Einrichtungen, deren Bedeutung ihre tatsächliche Lebensdauer lange überdauert. Zu solchen Einrichtungen gehört das 1920 von dem jüdischen Gelehrten und Philosophen Franz Rosenzweig gegründete „Freie Jüdische Lehrhaus“ in Frankfurt am Main. Zwar konnte es nur sechs Jahre lang seine volle Tätigkeit entfalten, doch fasziniert seine Idee einer offenen jüdischen Erwachsenenbildung bis heute. Zahlreiche jüdische Gemeinden in Deutschland unterhalten kleine Lehrhäuser im rosenzweigeschen Sinne, zudem haben einige kleinere jüdische Museen sowie jüdisch-christliche Dialogprojekte sein Konzept aufgegriffen, und auch das jüdische Lernfestival Limmud ist ähnlich angelegt.
Rosenzweigs Konzept hing eng mit seinem persönlichen Werdegang zusammen. Einer weitgehend assimilierten jüdischen Familie entstammend, entdeckte Rosenzweig, der zunächst Medizin, dann aber Geschichte studierte, seine jüdische Berufung nicht sofort. 1913 trug er sich sogar mit der Absicht, zum Protestantismus überzutreten. Im Herbst desselben Jahres suchte er an Jom Kippur noch einmal in Berlin eine Synagoge auf, um sich gewissermaßen zu verabschieden. Doch am nächsten Tag stand für ihn fest: „Ich bleibe also Jude!“ Fortan wollte er sein Leben als Jude finden. Die Emanzipation der gebildeten Juden in Folge der Aufklärung empfand er dabei mehr und mehr als Verlust, als scheinbare, äußerliche Freiheit, der eine innere Leere entsprach. Diese Leere, die er auch mit dem damals aktuellen Begriff der „Entfremdung“ umschrieb, galt es neu zu füllen. Deshalb richtete sich das Freie Jüdische Lehrhaus bewusst an die entfremdeten Juden und ermöglichte ihnen, wie Rosenzweig es formulierte, ein „neues Lernen, in umgekehrter Richtung, …, nicht mehr aus der Tora ins Leben hinein, sondern umgekehrt aus dem Leben, aus einer Welt, die vom Gesetz nichts mehr weiß, …, zurück in die Tora“.
Neu an diesem Lernen war, dass es den Gegensatz zwischen Lehrer und Schüler, zwischen Sprecher und Zuhörer aufheben wollte. An die Stelle des Monologs trat der Dialog: Wer in einem Fach unterrichtete, konnte sich in einem anderen als Lernender einschreiben. Rosenzweig selbst verglich das Lehrhaus mit einem ärztlichen „Sprechraum“ ohne Wartezimmer, in welchem das Judentum im gemeinsamen Lernen von der Basis her „Genesung“ erfahren sollte. So richtete er sein Angebot nicht gezielt an Akademiker, sondern in erster Linie an „jüdische Menschen“. Er wollte den Raum zwischen Universität und Gemeinde besetzen. Der Name „Freies Lehrhaus“ war ernst gemeint. Das schloss ein, nichtjüdische Studenten willkommen zu heißen und sich mit anderen Religionen zu beschäftigen, etwa dem Buddhismus. So gelang es für einige Jahre, unterschiedliche Strömungen unter dem Dach des Lehrhauses zu vereinen: Zionisten, Antizionisten, neoorthodoxe und liberale Juden. Nur traditionell orthodox lebende Juden mieden diesen Ort.
Die Liste derjenigen, die Vorträge hielten oder Arbeitsgruppen leiteten, liest sich wie das Who is Who jüdischen Geisteslebens zu Anfang des 20. Jahrhunderts: der Religionsphilosoph Martin Buber, der Journalist und Soziologe Siegfried Kracauer, der Psychoanalytiker Erich Fromm, die Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim, der Religionshistoriker Gershom Scholem, der Pädagoge Ernst Simon, der Literatursoziologe Leo Löwenthal und die Schriftsteller Schmuel Joseph Agnon und Margarete Susman – um nur einige von denen zu nennen, die Rosenzweig für eine Mitarbeit im Lehrhaus gewinnen konnte. Er selbst unterrichtete Hebräisch. Es galt ihm als das wichtigste Fach, weil er allein in dieser Sprache die Vermittlerin zu den Quellen des Judentums erkannte.
Insgesamt gab es in jedem Trimester drei verschiedene Formen des Lernens: den Vortrag, die Arbeitsgemeinschaft und die wissenschaftliche Übung. In den Jahren 1922/23 erlebte das Lehrhaus seine Blüte: Damals waren 1.100 Interessierte als Hörer eingeschrieben. Insgesamt verzeichnet die Statistik für die wenigen Jahre, in denen diese Bildungseinrichtung bestand, die stattliche Zahl von 90 Vortragsreihen und 180 Arbeitsgemeinschaften. Dabei verfügte das Lehrhaus nicht einmal über ein eigenes Gebäude. Man nutzte einzelne Säle und Räume an verschiedenen Orten innerhalb Frankfurts. Trotzdem fand das Beispiel schon bald Nachahmer. Weitere Lehrhäuser wurden unter anderem in Köln, Berlin, Karlsruhe, Breslau, Dresden und Wiesbaden gegründet.
Allerdings war die Blüte der rosenzweigeschen Lehrstätte nicht von Dauer. Bereits 1926 hatte das Lehrhaus seinen Betrieb weitgehend eingestellt. 1929, nach Rosenzweigs Tod, schloss es offiziell. 1933 sollte es erneut eröffnet werden, dann allerdings unter gänzlich anderen Vorzeichen: Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde es zu einem der wenigen Zufluchtsorte für Begegnungen und kulturellen Austausch für die ansonsten mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben verdrängten und ausgeschlossenen Juden. Doch auch diese Funktion konnte es nur bis zu seiner endgültigen Schließung 1938 ausüben.
Könnte es je wieder in dieser Gestalt zu neuem Leben erweckt werden? Christian Wiese, Inhaber der Martin-Buber-Professur für Religionsphilosophie an der Frankfurter Goethe-Universität, glaubt, „die Lehrhaus-Idee war zeitgebunden und stand ganz im Geiste der Renaissance des Judentums in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg“. Auf Initiative des evangelischen Theologen und Judaisten veranstaltete die Universität in diesem Sommersemester eine Ring-Vorlesung zum Thema „Jüdisches Denken in Frankfurt: Das Freie Jüdische Lehrhaus 1920–1938“. Nach Wieses Meinung müsste jüdisches Lernen heute noch stärker, als Rosenzweig es damals beabsichtigte, „Lebensrealität und aktuelle Probleme“ der Beteiligten reflektieren, um ihr Interesse nachhaltig zu wecken und zu binden.