12. Jahrgang Nr. 8 / 31. August 2012 | 13. Elul 5772

Engagierte Juden – engagierte Bürger

Wie wir uns für das Wohl der jüdischen Gemeinschaft und der deutschen Gesellschaft zugleich einsetzen können / Gedanken zu Rosch Haschana 5773

Zukunft 12. Jahrgang Nr. 8
Zukunft 12. Jahrgang Nr. 8
Von Dieter Graumann

5773 steht vor der Tür. Es ist ein guter Brauch, in diesen Tagen darüber nachzudenken, wie wir unser Leben im kommenden Jahr und darüber hinaus gestalten und verbessern wollen. Dazu gehört auch die Frage, wie wir anderen helfen und für das Wohl unserer Umgebung sorgen können. Aus jüdischer Sicht ist das ein grundsätzlicher Aspekt, hat doch jeder einzelne Jude nicht nur die Verpflichtung, sich selbst und seine Rechte zu schützen, sondern auch die ausdrückliche Pflicht, sich für andere einzusetzen. Das ist einer der Stützpfeiler unserer Ethik. Wie aber sollen wir als Juden in unserer modernen, facettenreichen Lebenswelt, diesem Ziel am besten nachkommen? Sollten wir uns nur auf die jüdische Gemeinschaft konzentrieren, oder ist es richtiger, auf das Wohl der ganzen Gesellschaft, in der wir leben, als Ganzes hinzuwirken? Schließlich gibt es überall dringende Anliegen, die gesellschaftliches Engagement verlangen.
Persönlich bin ich überzeugt, dass wir beides tun sollten und tun können. Die in früheren Jahrzehnten verständliche und in jener Zeit wohl auch kaum anders mögliche Abschottung der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland hat sich heute zum Glück weitestgehend aufgelöst. Natürlich bleiben wir selbstbewusste Juden, doch sind wir zugleich mündige Bürger im demokratischen Deutschland – ein Status, den Juden in den siebzehn Jahrhunderten ihrer Geschichte in diesem Land leider nie zuvor hatten. Umso schöner, dass es heute ganz anders ist! Es ist daher gut und richtig, dass Juden sich heute für viele soziale und politische Belange aktiv und kreativ in der Bundesrepublik engagieren.
Das aber muss nicht jüdischem Engagement im Wege stehen. Kein anderer als Ignatz Bubis sel. A., dessen Wirken für mich und für uns alle bis heute wegweisend ist, war auch in der deutschen Politik und Gesellschaft aktiv. Bereits seit 1969 war er in einer politischen Partei – der FDP – tätig, vertrat sie lange Jahre in Frankfurter Stadtgremien und war auch im Bundesvorstand aktiv. Er setzte sich immer dezidiert für die Rechte von Minderheiten ein und pflegte einen intensiven Dialog mit Vertretern der muslimischen Bevölkerung in der Bundesrepublik. Und doch hätte niemand jemals dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Frankfurt und Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland – und dem ehrenamtlichen Inhaber anderer gemeinnütziger Ämter im jüdischen Leben – mangelndes jüdisches Engagement nachgesagt.
Heute ist die jüdische Gemeinschaft hierzulande viel größer und stärker, als wir es uns vor der Zuwanderung aus der Ex-Sowjetunion jemals hätten träumen lassen. Allerdings hat der Bedarf an jüdischem Engagement nicht nur nicht abgenommen, sondern ist sogar noch erheblich gestiegen. Die Gemeinden brauchen nicht nur Anerkennung für ihre Aufbauarbeit, sondern auch tatkräftige Unterstützung ihrer Mitglieder. Ich appelliere an alle Gemeindemitglieder, die durch ehrenamtliche Tätigkeit helfen können, das auch wirklich zu tun. Ich kann aus eigener Jahrzehnte langer Erfahrung bezeugen, dass Engagement für unsere Sache zwar manchmal durchaus ziemlich anstrengend sein kann, doch in der Summe unendlich viel an Freude und Zufriedenheit bringt: Wer anderen hilft, gewinnt selbst am Ende am Allermeisten. Dass es immer wieder so viele Menschen unter uns gibt, die bereit sind, ehrenamtlich sich für andere Menschen zu engagieren, ist ein besonders kostbarer Schatz im Judentum. Es wäre aber schön, wenn die jetzt schon zahlreichen Ehrenamtlichen in jüdischen Gemeinden und anderen jüdischen Einrichtungen im Jahr 5773 sogar noch Verstärkung durch neue Freiwillige erfahren könnten.
Zudem sind bürgerliches Engagement in der deutschen Gesellschaft und der Einsatz für jüdische Belange nicht nur kein Widerspruch, sondern können einander auch ergänzen. Das gilt sicher für das Gespräch mit der nichtjüdischen Umwelt. Wenn Juden als Partner für den Dialog mit anderen religiösen Gemeinschaften, politischen, kommunalen und gesellschaftlichen Organisationen oder Bildungseinrichtungen zur Verfügung stehen, dienen sie nicht nur jüdischen Anliegen. Sie tragen auch entscheidend zu einer besser informierten und hoffentlich aufgeschlosseneren Mehrheitsgesellschaft bei. Wie wichtig das ist, mussten wir gerade in diesem Sommer durch die schwierige Debatte zum Thema Beschneidung erleben. Es war zunächst gar nicht leicht, hier Verständnis für unsere Position, auf die wir einfach nicht verzichten können, zu gewinnen. Umso schöner aber, dass die Politik in Deutschland dann doch recht zügig und mit der nötigen Sensibilität und verantwortungsbewusst die richtigen Zeichen gesetzt hat, die uns zeigen, dass jüdisches Leben hier weiter willkommen bleibt. Manche Töne in der Debatte waren aus unserer Sicht freilich weniger schön: Wenn uns Juden etwa unterstellt wurde, wir würden unseren Kindern mutwillig Schaden zufügen wollen. Wir alle wissen: Im Judentum spielt die Liebe zu unseren Kindern eine herausragende Rolle. Wir haben hier gewiss auch keinen Belehrungsbedarf von selbsternannten und ungebetenen Fürsprechern für unsere Kinder. Es geht hier auch um Toleranz, Respekt und Aufklärung. Indem wir selbst zu noch mehr Toleranz beitragen, helfen wir aber auch allen Menschen im Land.
Der Zentralrat der Juden in Deutschland arbeitet daran, seine Rolle im politischen Dialog noch weiter zu verstärken. Dabei betonen wir vor allem das Positive, das unsere doch so lebensbejahende und zutiefst moralische Religion und Kultur prägt. Allerdings bleibt auch jeder Einzelne von uns gefordert, sich in seinem persönlichen Lebensumfeld für noch mehr Verständnis für das Judentum einzusetzen.
Mit Freude stelle ich fest, dass die meisten Mitglieder unserer Gemeinden inzwischen sowohl mündige Bürger, als auch engagierte Juden sein wollen – und dass es hier überhaupt keinen Widerspruch gibt. Ganz im Gegenteil sogar: Das eine Engagement ergänzt und verstärkt das andere. Das schafft ein enormes Potenzial für gute Taten, mit denen wir alle die Welt ein wenig besser machen können. Ich hoffe daher, dass wir dieses Potenzial künftig noch kraftvoller ausschöpfen als bisher.
Allen Mitgliedern unserer Gemeinden und unseren Freunden wünsche ich – auch in diesem Sinne – ein gutes neues Jahr 5773. Schana towa u-metuka.

Dr. Dieter Graumann ist Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland