12. Jahrgang Nr. 7 / 27. Juli 2012 | 8. Aw 5772

Dem Sturm getrotzt

Als junger Mann entkam Semjon Dodik den Nazis und kämpfte gegen sie mit der Waffe in der Hand / Jetzt setzt er sich unermüdlich für Holocaust-Erziehung ein

Von Galina Jewtuschenko

Semjon Dodik ist zweifelsohne ein außergewöhnlicher Mensch – allein schon wegen des Muts und der Entschlossenheit, die er als junger Mann bewiesen hat, aber nicht nur deswegen. Auch die Willenskraft, mit der er später sein Leben gestaltete und mit der er sich, allen Schrecken seiner Jugend zum Trotz, für eine bessere Zukunft einsetzte, verdienen Bewunderung und haben ihn zu einer bekannten und geschätzten Persönlichkeit des jüdischen Lebens in Russland gemacht.
Der heute 87-Jährige – ein Alter, das man ihm nicht ansieht – wurde 1925 geboren und wuchs im ukrainischen Bar auf. Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde die Stadt besetzt. Sofort machten sich die Besatzer ans Morden: Die meisten Juden – unter ihnen Semjons Eltern, seine zwölfjährige Schwester, seine Tante und seine beiden Cousinen – wurden erschossen. Semjon selbst gelang die Flucht. Er irrte von Dorf zu Dorf und entkam schließlich in die Wälder. Der einsetzende Winter machte das ohnehin schwere Überleben noch schwerer: Durch Frostwunden verwandelten sich die Beine des gerade Sechzehnjährigen in eine blutige Fleischmasse. Sie sollten nie wieder ganz heilen.
Die Not trieb Semjon zurück nach Bar. Die Stadt lag an der Grenze zwischen dem von Deutschland besetzten sowjetischen Gebiet und Transnistrien, dem von Hitler nach der Besetzung seinen rumänischen Verbündeten zur Verwaltung überlassenen Teil der Ukraine, in dem die Überlebenschancen für Juden etwas besser waren. Allerdings schlug Semjons Versuch, im Ghetto Schmerinka unterzukommen, fehl: Der Ghetto-Älteste tat den Bericht über den Leidensweg des jungen Mannes als Fantasie ab und verweigerte ihm die Aufnahme. Zu seinem Glück hatte Semjon das, was in jener Zeit „ein gutes Aussehen“ hieß – er sah nicht jüdisch aus. So hielten ihn viele Ukrainer für einen entflohenen ukrainischen Kriegsgefangenen und gewährten ihm Hilfe.
Letztendlich schloss sich Dodik einer Partisaneneinheit an, wurde vom Verfolgten zum Kämpfer und nahm an zahlreichen Operationen gegen die Besatzer teil. Im März 1944 gelangte der Partisanenverband auf befreites Gebiet und wurde von den Militärbehörden aufgelöst. Zwei Monate später erhielt Dodik den Einberufungsbefehl zur Roten Armee. Als Artillerist kämpfte er unter anderem in Polen. Kurz vor Kriegsende wurde er zum Offizierskurs abgestellt.
Dodik hatte überlebt, doch war die Welt seiner Kindheit unwiderruflich zerstört. Dennoch gab der frisch demobilisierte Unterleutnant nicht auf. Er belegte einen externen Ausbildungsweg für Radiotechnik, wurde Ingenieur, promovierte und stieg zu einem geachteten Experten auf, dessen Bücher viele Jahre Studenten wie Fachleuten im Unterricht dienten.
Sich geschlagen zu geben, stand auch sonst nicht in Dodiks Lebensplan. Trotz der geschädigten Beine wurde er ein begeisterter Wandervogel, dessen ausgedehnte Touren ihn in alle Ecken der UdSSR führten, vom Polarkreis im Norden bis zum Kaukasus im Süden und von den Karpaten im Westen bis Kamtschatka am östlichen Rand Russlands. Über seine Wanderungen hat er ein viel gelesenes Buch verfasst.
Die Judenfeindschaft des Sowjetregimes vermochte ihn nicht einzuschüchtern. Selbst in den schlimmsten Zeiten des behördlich verbreiteten Antisemitismus bekannte sich Dodik klar und offen zu seiner jüdischen Identität. Seit öffentliches Holocaust-Gedenken – lange Zeit verboten – möglich wurde, engagiert er sich unermüdlich auf diesem Gebiet. In seinem Buch „Schicksal und Leben des Jungen aus dem erschossenen Ghetto“ schildert er seine Erlebnisse. Er ließ sich zudem von der Spielberg-Stiftung für die Dokumentation des Schicksals von Holocaust-Überlebenden interviewen. Dafür hat sich der Gründer der Stiftung, der jüdisch-amerikanische Regisseur Steven Spielberg, bei Dodik 1996 mit einem persönlichen Schreiben bedankt. Auch heute trifft Dodik regelmäßig mit Gruppen zusammen, um ihnen von seinem Leben während des Holocausts zu erzählen. Seine Geschichte fasziniert auch und gerade junge Menschen.
Indessen ist das nur ein Teil seiner Tätigkeit. So hat er auch an der russischen Enzyklopädie des Holocausts mitgewirkt; mehr als eintausend seiner Bemerkungen fanden Eingang in das monumentale Werk. Heute noch arbeitet er am russischen Holocaust-Gedenkzentrum mit.
Im April 2012 nahm der Zentralrat der Juden in Deutschland Verbindung zu Dodik auf. In Moskau, wo der Ex-Partisan heute lebt, statteten ihm der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan J. Kramer, und der Direktor des Berliner Centrum Judaicum, Dr. Hermann Simon, einen Besuch ab. In dem bewegenden Gespräch würdigen die Gäste aus Deutschland Dodiks Engagement für seine unermüdliche Gedenkarbeit und sprachen ihm ihre tief empfundene Anerkennung aus.