12. Jahrgang Nr. 7 / 27. Juli 2012 | 8. Aw 5772

Der dritte Weg

In den USA bieten staatlich geförderte „Vertragsschulen“ eine alternative Möglichkeit zur Stärkung jüdischer Identität

Die hohen Kosten jüdischer Erziehung gehören zu den schmerzhaftesten Problemen, denen sich jüdische Familien in den USA gegenübersehen. Im Durchschnitt, so eine Erhebung, verlangen jüdische Schulen Jahresgebühren von rund 14.000 Dollar je Kind. Damit sind die meisten Eltern überfordert, weshalb sie ihre Sprosse auf staatliche Schulen schicken. Für Jüdischkeit wird im Sonntagsunterricht und bei Nachmittagsprogrammen gesorgt – oder nicht einmal das. Nach Meinung mancher Experten ist unzureichende jüdische Erziehung zumindest einer der Gründe für die schnelle Assimilation amerikanischer Juden.
In den letzten Jahren aber suchen jüdische Aktivisten einen dritten Weg zwischen staatlicher Bildung ohne jüdische Inhalte auf der einen und den teuren jüdischen Schulen auf der anderen Seite. Die Alternative heißt: Charter Schools. Charter Schools sind eine besondere Schulform, die es in den USA seit rund zwei Jahrzehnten gibt. Es handelt sich um Schulen, die in privater Trägerschaft stehen, besondere Erziehungsziele verfolgen und eine erweiterte Autonomie genießen. Anders als reguläre Privatschulen halten sie sich aber an die Vorgaben des öffentlichen Schulwesens und werden vom Staat finanziert. Ihre Anerkennung erfolgt, jeweils auf Einzelfallbasis, aufgrund eines Gründungsvertrags – auf Englisch „Charter“ –, der zwischen den Schulbehörden des jeweiligen Bundesstaats und dem Trägerverein geschlossen wird. Gegenwärtig gibt es in den USA ungefähr fünfeinhalbtausend Charter Schools mit rund zwei Millionen Schülern.
Darunter sind auch mehrere jüdische Schulen. Wobei man bei der Terminologie allerdings aufpassen muss. Zu den Bedingungen für die staatliche Anerkennung einer „Vertragsschule“ – so könnte man sie auf Deutsch nennen – gehört nämlich die strenge Trennung von Staat und Religion. Daher dürfen Charter Schools Schüler auch nicht nach der Religionszugehörigkeit aussuchen oder bevorzugen. Es ist sogar verboten, die Kinder nach Glaubensbekenntnis zu erfassen. Erst recht ist religiöser Unterricht in den Lehranstalten untersagt.
Trotzdem versucht eine Gruppe jüdischer Aktivisten, angeführt von dem bekannten amerikanischen Philan­thropen Michael Steinhardt, das Charter-School-System im Rahmen der geltenden gesetzlichen Vorlagen zur Stärkung der jüdischen Identität zu nutzen. Die von Steinhardt und anderen Mäzenen getragene Organisation „Arei­vim Philanthropic Group“ hat vor vier Jahren das gemeinnützige Hebrew Charter School Center in New York ins Leben gerufen. Dieses wiederum hat sich der Förderung bilingualer englisch-hebräischer „Vertragsschulen“ verschrieben. „Areivim“, so die aschkenasische Aussprache, beziehungsweise „Arevim“ im israelischen Hebräisch bedeutet „Bürgen, Garanten“.
Die hebräischen Charter Schools sind für alle Kinder offen. Auch müssen weder alle Lehrer noch Schulleiter Juden sein. Dennoch zieht es verständlicherweise vor allem Juden dorthin. So wird geschätzt, dass an der Ben-Gamla-Schule in Boynton Beach in Florida rund 80 Prozent der Schüler Juden sind. Gewiss ist es beachtenswert, dass ein Fünftel nichtjüdisch ist, doch erfüllt die Schule durchaus eine wichtige Funktion als Magnet für jüdische Familien.
Die Lehrinhalte sind geeignet, nicht nur jüdisches Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern auch jüdisch-relevantes Wissen zu vermitteln. Ein Teil der Fächer wird sowohl auf Englisch als auch auf Hebräisch unterrichtet. Bilinguale Charter Schools sind zulässig. Es gibt sie unter anderem auch für Spanisch, Chinesisch, Griechisch und Arabisch. Das Hauptmotiv für ihre Gründung ist der Wunsch der Eltern, ihren Kindern die Sprache und Kultur des Herkunftslandes zu vermitteln.
Als Sonderfächer werden an den hebräischen Schulen auch Israelkunde oder hebräische Literatur unterrichtet. Zwar wurde eine Charter School in Hollywood gezwungen, das Studium biblischer Texte im Fach Literatur wegen „gefährlicher“ Nähe zur Religion zu unterlassen, doch stoßen die hebräi­schen Schulen insgesamt auf keinen behördlichen Widerstand.
Trotz des streng säkularen Unterrichts haben Kinder, die unter Juden groß werden und Hebräisch beherrschen, zweifelsohne einen leichteren Zugang zum jüdischen Leben. Zudem besucht ein großer Teil der Schüler gemeinsam außerschulische Nachmittagsprogramme, in denen Religionsunterricht erteilt wird. Aus der Sicht vieler jüdischer Gemeinden ist das ein guter Ansatzpunkt, um junge Familien als Mitglieder anzuwerben. Die Zahl der jetzt schon tätigen oder zumindest genehmigten Schulen wächst, wobei die meisten im Großraum New York, in Florida und in Kalifornien zu finden sind. Im April 2012 wurde eine hebräische Charter School in der Bundeshauptstadt Washington genehmigt. Bis 2015, so das Hebrew Charter School Center, sollten insgesamt 20 Schulen in mehreren Bundesstaaten tätig sein. Allerdings müsste das Netz noch dichter werden, um einen spürbaren Effekt zu haben.
Unterdessen gibt es auch Vorbehalte gegen „Vertragsschulen“. Zwar fallen diese Schulen im Vergleich zu den jüdischen Privatschulen in den USA noch immer kaum ins Gewicht. Dennoch fürchten die Privatschulen, die Neulinge könnten ihnen bei anhaltender Expansion Schüler abspenstig machen. Das ist nicht nur Prestigedenken: Bei sinkenden Schülerzahlen müsste manch eine Privatschule schließen. Auch viele gläubige Juden betrachten das neue Phänomen mit gemischten Gefühlen: Hebräisch-säkulare Erziehung mit Israel-Bezug statt Unterricht in einer religiös-jüdischen Schule erscheint ihnen als der falsche Weg.
Wie viel Zuspruch die Charter Schools auf Dauer finden werden, hängt von mehreren Faktoren ab. Entscheidend wird jedenfalls nicht nur jüdisches Bewusstsein, sondern auch das allgemeine schulische Niveau der zweisprachigen Lehranstalten sein. Daher wird noch einige Zeit vergehen, bis sich der Erfolg des „dritten Weges“ beurteilen lässt.
JTA/zu