12. Jahrgang Nr. 7 / 27. Juli 2012 | 8. Aw 5772

Mut zum Menschsein

Die Nichtigkeit des Lebens akzeptieren / Ein neuer Blick auf das Buch Kohelet

Von Roland Neidhardt

Zweifelsohne gehört das Buch Kohelet („Sammler“) zu den schwermütigsten Teilen des Tanach. Im Mittelpunkt des ebenso schönen wie traurigen Textes steht die Nichtigkeit menschlichen Tuns und Strebens. Der Mensch lebt, so die Botschaft, ohne Gottes Wirken zu verstehen und ohne Gerechtigkeit bei ihm zu erkennen. Sein Streben vollzieht sich in Mühsal. Trotzdem ist er gehalten, sein Leben unter eine göttliche Ordnung zu stellen, die er nicht begreifen kann – eine schwere Aufgabe.
„Alles ist nichtig“, „Ein Geschlecht kommt und ein Geschlecht geht, aber die Erde bleibt für immer“ oder „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ – so lauten einige der bekanntesten Aussagen des Buches, das von der jüdischen Tradition König Salomon zugeschrieben, von der Bibelwissenschaft aber in die Ära nach der Rückkehr aus dem Babylonischen Exil, also in die Zeit ab dem 6. Jahrhundert vor der Zeitenwende, datiert wird. Kein Wunder, dass Kohelet schon mal als nihilistisch bezeichnet wurde. Dennoch, oder gerade deshalb, stellte das Buch im Lauf der Jahrhunderte für viele Kommentatoren eine religiöse und intellektuelle Herausforderung dar. Zu diesen Kommentatoren hat sich jetzt der israelische Mathematiker und Philosoph Chaim Schapira mit seinem Buch „Kohelet – Ha-Filosof Ha-Mikra’i“ („Kohelet – der biblische Philosoph“) gesellt. Schapira, 1962 in Wilna geboren, kam 1977 nach Israel, wo er heute noch lebt.
Nach einer kurzen Darstellung der Hauptaussagen des biblischen Textes stellt Schapira seine eigenen Gedanken und Assoziationen vor, die er mit Kohelet verbindet. Dies tut er mit profunder Kenntnis der Philosophie, einschließlich der jüdischen, von der Antike bis zur Neuzeit und mit originellen eigenen Erkenntnissen. Bei der von Kohelet beklagten Nichtigkeit des Seins etwa steht für Schapira nicht das Resignativ-Düstere im Vordergrund, sondern die weise Abgeklärtheit desjenigen, der die Welt und Gottes Unermesslichkeit kennt. Mit zahlreichen Beispielen greift Schapira das Verhältnis von Seele und Freude auf und führt uns in die Gedankenwelt Spinozas ein. Glück und Reichtum, Begehren und Erfüllung werden in der Darstellung Kohelets mit den Ausführungen der Weltliteratur verglichen. Alles Leben, so die Erkenntnis, muss sich an der Nähe des Todes messen lassen. Wie nahe der Existenzialismus und seine Ethik der Gedankenwelt des biblischen Textes stehen, wird in den Ausführungen Schapiras immer wieder deutlich.
Dessen Gedanken kreisen auch um Weisheit und Wahrheit und deren Bedeutung für das menschliche Leben. Schapira geht auf den Wahrheitsbegriff ein und unterscheidet, angeregt von Thomas Mann, zwischen der „trivialen“ Wahrheit, die im Gegensatz zur Lüge steht, und einer tieferen Wahrheit, deren Gegenteil eine andere Wahrheit ist. Schapira widmet sich ausführlich der Weisheitsliteratur aller Epochen und geht intensiv auf Tolstois „Kalender der Weisheit“ ein. Tolstoi wird bei ihm – neben Dostojewski, Tschechow, Spinoza, Schopenhauer und Nietzsche – denn auch am häufigsten zitiert.
Den einzelnen Lebensphasen des Menschen ordnet Schapira unterschiedliche Erkenntnisschwerpunkte zu. Ein Kapitel seines Buches widmet er der Auseinandersetzung mit der „Nichtigkeit“ (Hewel Hawalim). In dem israelischen Chemiker und Philosophen Jehoschua Leibowitz sieht er einen fast perfekten Vertreter dessen, was die letzten Verse von Kohelet ansprechen: Bei allem Pessimismus gelte es, Gottes Gebote zu befolgen. Der orthodox lebende Leibowitz befolgte die Mitzwot, ohne Gottes Gerechtigkeit oder gar seine personale Existenz als gesichert vorauszusetzen. Dafür nannte man ihn, nur halb ironisch, „gebots­treuer Häretiker“.
Der lange Weg zur (Alters-)Weisheit wird von Chaim Schapira als einem, der selbst auf diesem Wege voranschreitet, voller Witz und Gedankentiefe dargestellt. Das Buch liest sich gut, ja unterhaltsam. Dabei helfen kurze Zusammenfassungen vor jedem Kapitel und übersichtliche, schematische grafische Darstellungen, wie wir sie von Mathematikern gewohnt sind. Dass Schapira uns Kohelet wieder ins Bewusstsein bringt, ist in einer Zeit großer Verunsicherung besonders hilfreich. Nicht Resignation, sondern der Mut zur Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit wird uns das Zusammenleben in dieser Welt erleichtern und zu mehr Gelassenheit verhelfen. Es wäre zu wünschen, dass das Buch in europäische Sprachen übersetzt wird und bald möglichst vielen interessierten Lesern zur Verfügung steht.