12. Jahrgang Nr. 7 / 27. Juli 2012 | 8. Aw 5772

Intoleranz, Ignoranz, Arroganz

Das Beschneidungsverbot des Kölner Landgerichts nährt alte Vorurteile, verletzt das Grundrecht auf Religionsfreiheit und ignoriert medizinische Erkenntnisse

Im Mai 2012 hat das Landgericht Köln die religiöse Beschneidung von Knaben zur strafbaren Körperverletzung erklärt und den sie durchführenden Ärzten oder religiösen Beschneidern mit Strafverfolgung gedroht. Das Urteil wurde im Juni publik. Es ist zu hoffen, dass es von übergeordneten Instanzen aufgehoben oder vom Gesetzgeber gegenstandslos gemacht wird. Vorerst aber schafft der Richterspruch Rechtsunsicherheit. Aus jüdischer Sicht geht damit auch eine Diffamierung des Judentums einher, die durchaus zu antisemitischen Vorurteilen beitragen kann. Deshalb ist es für die jüdische Gemeinschaft besonders wichtig, nicht nur für ihre Grundrechte einzustehen, sondern sich auch aufklärend und versachlichend in die durch das Kölner Urteil ausgelöste Debatte einzuschalten. Nachfolgend analysieren wir die gegen die Beschneidung erhobenen Anschuldigungen und stellen ihnen den unvoreingenommenen Sachverhalt gegenüber.

Behauptung: Die Beschneidung stellt einen unnötigen medizinischen Eingriff dar.

Fakt: Dieses Argument führt in die Irre, sieht doch das Judentum die Brit Mila von vornherein nicht als einen medizinischen Akt, sondern als einen Akt der Religionsausübung an. Zum Recht auf freie Religionsausübung gehört auch die Kultusfreiheit: die Freiheit, die für die jeweilige Religion erforderlichen Handlungen vorzunehmen. Deshalb unterliegt die Beschneidung dem Schutz des Völkerrechts wie dem Schutz des deutschen Grundgesetzes. Ihr Verbot käme nur aus triftigen Gründen wie der öffentlichen Sicherheit, Ordnung, Gesundheit, Sittlichkeit oder der Grundrechte und -freiheiten anderer in Frage.
Völkerrechtlich ist die Religionsfreiheit in Artikel 18 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verbrieft: „Jeder hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder seine Weltanschauung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder seine Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen, öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen."
In der Bundesrepublik bestimmt Artikel 4 des Grundgesetzes: „Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich. Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet."
Angesichts der zu Recht hohen Schutzmauer, mit der das Völkerrecht wie das deutsche Recht die Religionsfreiheit umgibt, stellt ein willkürliches Verbot der Beschneidung einen unzulässigen Eingriff in die verbrieften Menschenrechte dar.

Behauptung: Die Beschneidung ist nicht mehr zeitgemäß.

Fakt: Es ist ein beliebtes Motiv der am Judentum geübten Kritik, sich „zu starr" an der hebräischen Bibel zu orientieren. Das Argument wird auch in der Beschneidungsdebatte verwendet. So schrieb der Beschneidungskritiker und deutsche Rechtswissenschaftler Professor Holm Putzke in seinem Aufsatz „Die strafrechtliche Relevanz der Beschneidung von Knaben" (2008): „Für Konventionen, Moral und Religion gibt es keine Ewigkeitsgarantie. Niemand, der vernünftig zu sein beansprucht, käme etwa auf die Idee, den gesamten Text der Bibel wörtlich zu nehmen und das Verhalten danach voll und ganz auszurichten. Alles hat seine Zeit, und Zeiten ändern sich." Man müsse, zitiert Putzke einen anderen Autor, „zwischen dem bleibend verbindlichen Gehalt und der zeitbedingten Ausdrucksform unterscheiden". Damit wird insinuiert, Juden täten das nicht.
Genau das aber tun Juden seit Jahrtausenden. Das heutige Judentum leitet sich von der pharisäischen Strömung ab. Anders als ihre ideologischen Widersacher, die Sadduzäer, ließen die pharisäischen Gelehrten vor der Zeitenwende eine Interpretation der bib­lischen Vorschriften und ihre Anpassung an veränderte Zeiten ausdrücklich zu. Nach der Zerstörung des Tempels (70 nach der Zeitenwende) führte die pharisäische Tradition im Laufe mehrerer Jahrhunderte zur Entstehung des Talmuds – dem ultimativen Werk zur Interpretation des Tanach. Im Lauf der Jahrhunderte hat das Judentum seine religiösen Bestimmungen – einschließlich seiner Ethik – im Licht immer neuer Lebensumstände fortentwickelt.
Heute befördern schabbatkonforme Aufzüge am wöchentlichen Ruhetag Personen, denen das Gehen schwerfällt oder unmöglich ist. In Israel fliegen religiöse Soldaten samstags Kampfjets, um ihr Land zu verteidigen, das Judentum lässt modernste medizinische Forschung zu – etwa an Stammzellen – und verwendet Jahrtausende alte Regeln, um zu Themen wie Internet, Raumfahrt oder Börse Stellung zu nehmen.
Alle Neuerungen beruhen aber auf einem unveränderlichen Kern der Gebote der Tora, die als unvergänglich gelten. Und zu diesem Kern gehört auch die Beschneidung. Wer den Juden vorschreiben will, was zeitgemäß ist und was verboten werden soll, maßt sich an, ihnen die Ausübung ihrer Religion vorzuschreiben und steht in der langen Tradition antijüdischer Diffamierung. Die These von der „unzeitgemäßen" Beschneidung zeugt von einer Mischung aus Intoleranz, Ignoranz und Arroganz.

Behauptung: Das Kind selbst muss bei Volljährigkeit über die Beschneidung entscheiden.

Fakt: Die Eltern haben ausdrücklich das Recht, dem Kind eine religiöse Identität zu geben. Das gilt sicherlich auch bei der Beschneidung, die eine zentrale Rolle im Judentum spielt. Die Entfernung der Vorhaut gilt als ein von Gott befohlenes Zeichen des göttlichen Bundes mit dem Erzvater Abraham und mit dem jüdischen Volk (1. Buch Mose 17: 9 – 14). Die Beschneidung ist ein dauerhaftes und unauslöschliches Zeichen des Bundes. Sie zu veranlassen, ist eine religiöse Pflicht der Eltern.
Es gibt auch eine kleine Minderheit von Juden, die sich gegen die Beschneidung von Knaben aussprechen. Sie werden von nichtjüdischen Kritikern gern als „Kronzeugen" gegen die Beschneidungspraxis ins Feld geführt, doch ändern solche „Zeugen" nichts an der Schutzwürdigkeit der Kultusfreiheit der großen Mehrheit der Juden, die an der Jahrtausende alten Tradition festhalten wollen.

Behauptung: Die Beschneidung ist gesundheitlich abträglich.

Fakt: Dieses Argument wird auch durch die jetzt erlebte ständige Wiederholung nicht richtig. So weiß man, dass die Beschneidung das Risiko einer Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten wesentlich senkt. Nach einer Studie der US-Ärzte Aaron A. R. Tobian und Ronald H. Gray (Journal of the American Medical Association, Oktober 2011) sinkt das Risiko der AIDS-Ansteckung bei beschnittenen Männern laut in Afrika durchgeführten Erhebungen um 51 bis 60 Prozent, das Ansteckungsrisiko bei Genitalherpes geht um 28 bis 34 Prozent zurück. Auch die Partnerinnen beschnittener Männer sind besser geschützt. Zudem ist die Häufigkeit von Harnwegentzündung und Peniskarzinom bei beschnittenen Männern niedriger (New England Journal of Medicine, April 1997). Insofern würden die Eltern ihrem Sohn nicht unbedingt einen Gefallen tun, wenn sie von der Beschneidung absähen.
Behauptungen, beschnittene Männer würden beim Geschlechtsverkehr weniger Lust empfinden, konnten nicht verifiziert werden. Die sexuelle Funktionsfähigkeit wird nicht beeinträchtigt, nach einer Erhebung der American Academy of Pediatrics steigt sie möglicherweise sogar.

Behauptung: Die Beschneidung führt zu unübersehbaren Komplikationen.

Fakt: Gerade im Zeitalter moderner Medizin ist dieses Argument bei der korrekt durchgeführten jüdischen Zirkumzision haltlos. Bei fachmännisch durchgeführtem Eingriff ist die Komplikationsgefahr sehr gering, wobei leicht zu behandelnde Blutungen und Entzündungen im Vordergrund stehen. Ernste Komplikationen kommen praktisch nicht vor. Die Beschneidung wird in aller Regel von einem dafür ausgebildeten Beschneider (Mohel), seltener vom Arzt durchgeführt. Wie die israelische Organisation „Itim – Beratung und Information zum jüdischen Lebenszyklus" betont, lassen sich anatomische Schäden am Penis durch entsprechende Ausrüstung verhindern.
Selbstverständlich sind die Eltern angehalten, den Eingriff ausschließlich von einem ausgewiesenen Fachmann durchführen zu lassen, der seine Instrumente in bestem Zustand hält und stets sorgfältig sterilisiert. Die bevorzugte Methode ist Heißdampfsterilisierung (Rabbiner Yosef David Weisberg, Otzar Habris, Encyclopedia of the Laws of Bris Mila and Pidyon Haben [Schatz des Bundes, Enzyklopädie der Gesetze der Beschneidung und der Auslösung des Erstgeborenen]). Falls der neugeborene Junge erkrankt ist oder sonstige medizinische Indikationen für einen Aufschub der Beschneidung sprechen, wird diese verschoben.
Die Schmerzempfindung wird heute in aller Regel durch örtlich wirkende schmerzstillende Mittel fast ausgeschaltet. In jedem Fall sind keine dauerhaften psychologischen Schäden durch die Beschneidung nachgewiesen.

Behauptung: Die Beschneidung kann durch Religionswechsel überholt werden.

Fakt: Das Kölner Landgericht, das die Beschneidung verbieten will, hat unter anderem geurteilt, im Falle eines späteren Religionswechsels würde die Beschneidung unnötig, es bliebe also nur die körperliche Schädigung. Damit ist vor allem der Übertritt zum Christentum gemeint, denn bei einer Konversion zum Islam wäre die Beschneidung sicherlich kein auffälliges Merkmal – im Gegenteil.
Es ist abstrus, die Ablehnung eines Aufnahmeritus in eine Religion mit der Möglichkeit eines künftigen Religionswechsels zu begründen. Es ist das legitime Recht der Eltern, ihre eigene Religion an die Kinder weiterzugeben und sie in dieser Religionszugehörigkeit zu bestärken – wie es die Beschneidung tut. Wie auch immer: Die Beschneidung steht einem künftigen Übertritt zu einer Religion, die die Beschneidung nicht verlangt, keineswegs im Wege. Es ist ja nicht so, dass Kirchen einen Übertrittswilligen wegen der Beschneidung zurückwiesen. Das zu tun, wäre ein Merkmal des rassistischen Antisemitismus – wie im Fall des 1894 gegründeten, vehement antisemitischen „Deutschbundes" im deutschen Kaiserreich. Jene von Friedrich Lange ins Leben gerufene Organisation ließ auch getaufte Juden nicht als Mitglieder zu – unter anderem mit der Begründung, sie seien durch die Beschneidung verdorben. Ausführlichere Informationen zum Thema Beschneidung und Antisemitismus sind in dem Buch von Robin Judd „Contested Rituals – Circumcision, Kosher Butchering and Jewish Political Life in Germany", 1843 – 1933, enthalten.

Behauptung: Die Beschneidung stellt eine Körperverletzung dar.

Fakt: In seinem Urteil ging das Kölner Landgericht von der Prämisse aus, die Beschneidung diene nicht dem Kindeswohl. Das wurde unter anderem mit der grundrechtlichen These begründet, dem Rechtsgut der körperlichen Unversehrtheit komme ein absoluter Vorrang vor dem elterlichen Recht zur religiösen Erziehung zu. Daher handele es sich um eine verbotene und damit auch strafbare Körperverletzung.
Bei korrekter Rechtsgüterabwägung ist solch eine Kriminalisierung der Beschneidung unhaltbar. Das Kölner Urteil unterschätzt die Bedeutung des Rechts auf religiöse Freiheit und lässt die unbestrittenen medizinischen Vorteile der Beschneidung außer Betracht. Dazu bemerkt Hans Michael Heinig, Professor für Öffentliches Recht und Kirchenrecht an der Universität Göttingen, in seinem Aufsatz „Beschneidungsurteil: Juristisch und rechtsethisch fragwürdig": „Schaut man sich die Urteilsgründe genauer an, beschleichen einen Zweifel, ob das alles so richtig ist. Schaut man sich den religions- und kriminalpolitischen Subtext an, wachsen die Zweifel noch einmal erheblich an."
Vor dem Hintergrund der Komplexität der zur Entscheidung anstehenden Frage, so Heinig, „verwundert die Unbekümmertheit, mit der das Gericht zu Werke geht. Die hier vorgeführte Konzentration auf die rechtstechnischen Fragen ist sicherlich vornehmster Ausdruck eines funktional ausdifferenzierten Rechtssystems; eine gewisse historische und kulturelle Sensibilität, einen Sinn für das, was man mit einem Urteil anrichtet, wünscht man sich aber doch von der Justiz." Das ist sicherlich wahr.
zu