12. Jahrgang Nr. 7 / 27. Juli 2012 | 8. Aw 5772

Unser Recht

Die jüdische Identität steht nicht zur Disposition

Zukunft 12. Jahrgang Nr. 7
Zukunft 12. Jahrgang Nr. 7
Von Stephan J. Kramer

In den letzten Wochen will die Kritik an dem vom Kölner Landgericht ausgesprochenen Beschneidungsverbot nicht verstummen. Das ist nicht weiter verwunderlich, würde doch das skandalöse Urteil, falls es Präzedenzwirkung entwickelt, direkt in das Recht der Juden und der Moslems auf freie Religionsausübung einwirken. Wie der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Dieter Graumann, betonte, ist das Urteil ein unerhörter Akt.
Wir wären aber gut beraten, nicht nur den Einzelvorfall, so schwerwiegend er sein mag, sondern auch die in der nichtjüdischen Öffentlichkeit leider nicht seltene Geisteshaltung ernst zu nehmen, die in der jetzigen Debatte zum Vorschein tritt. Diese Geisteshaltung ist durch einen Mangel an Wissen und durch gegen Juden gerichtete Vorurteile geprägt, die sich nun Luft machen. Darauf deuten nicht nur die zahlreichen Stimmen hin, die jetzt genüsslich die „Grausamkeit“ der Beschneidung beweinen, sondern auch Umfragen, denen zufolge eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung diese Praxis ablehnt. Dabei ignorieren die Kritiker geflissentlich die Tatsache, dass Kindeswohl – für das Judentum ein zentraler Wert – und Tradition kein Gegensatzpaar sind. Vielmehr trägt eine Verankerung in Traditionen zum Wohl der heranwachsenden Generation bei.
Wohlgemerkt gibt es auch große Teile der deutschen Gesellschaft, die gegenüber anderen Religionen und Kulturen aufgeschlossen sind und auch dem Judentum positiv gegenüberstehen. Zahlreiche Nichtjuden, darunter auch viele Persönlichkeiten aus der Politik, der Wissenschaft und den Kirchen, haben das Kölner Verbotsurteil kritisiert. Unter dem Strich aber ist das Stimmungsbild beängstigend. Da ist es kein Trost, dass das Problem nicht auf Deutschland beschränkt ist. Erst vor kurzem wurde in den Niederlanden ein gesetzliches Schächtverbot im letzten Augenblick durch eine „freiwillige“ Vereinbarung abgebogen. Und auch das ist nur ein Beispiel für Vorurteile. In der Vorstellung vieler Menschen in Europa ist das Judentum bestenfalls „archaisch“, wenn nicht sogar „barbarisch“. Viele Europäer sehen sich selbst als von jeglichen antijüdischen Vorurteilen frei, sind aber nicht bereit, die real existierende jüdische Gemeinschaft zu akzeptieren.
Man ist versucht, an Gotthold Ephraim Lessings Parabel in „Nathan der Weise“ zu erinnern, in der die drei monotheistischen Religionen drei identischen Ringen gleichgesetzt werden. Die Ringparabel wird bis heute gern als Nachweis echter Toleranz bemüht, und doch ist sie das nicht. Eine Toleranz, die Unterschiede wegwischen will, ist nicht echt. Das Judentum als Kollektiv war niemals bereit, sich Toleranz durch die Aufgabe seiner besonderen Merkmale zu erkaufen – und dort, wo Einzelne oder Gruppen es versuchten, schlug der Versuch fehl. Auch für die jüdische Gemeinschaft der Gegenwart – weltweit wie in Deutschland – gilt, dass unsere Identität nicht zur Disposition steht. Sie auszuleben, ist unser unveräußerliches Menschen- und Bürgerrecht.
Zugleich dürfen wir die Gesellschaft, in deren Mitte wir leben, nicht abschreiben. Wir müssen unsere Positionen entschlossen, aber ruhig vertreten – und Allianzen schmieden. Es ist nämlich nicht nur unsere Aufgabe, für Toleranz zu kämpfen. Allerdings müssen wir in diesem Kampf auch künftig an vorderster Front stehen und zuversichtlich sein. So schwer Letzteres auch fallen mag.

Der Autor ist Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland