04.07.2012

„Ganze jüdische Welt ist betroffen“

Interview mit Dieter Graumann | Kölner Stadt-Anzeiger, 03.07.2012

Sollte das Kölner Urteil zur Beschneidung auch praktisch umgesetzt werden, sieht Dieter Graumann dramatische Konsequenzen. „Am Ende wäre jüdisches Leben hier gar nicht mehr möglich", sagte der Vorsitzende des Zentralrats der Juden.


Herr Graumann, wie erklären Sie sich die fast unisono harsche Reaktion der Öffentlichkeit auf das Kölner Beschneidungs-Urteil?

DIETER GRAUMANN: Wir haben sehr positiv aufgenommen, wie sich die beiden großen christlichen Kirchen geäußert haben. Für diesen Beistand sind wir dankbar. Auch Außenminister Westerwelle hat mich seiner Solidarität versichert, es hat auch vonseiten der Grünen Kritik am Urteil gegeben. Diese Solidarität tut uns gut. Auf der anderen Seite gibt es auch sehr viele Reaktionen, die uns mit Verständnislosigkeit und Kälte begegnen, und das macht mir wiederum Sorgen.

Mehr als die Hälfte der Deutschen stimmt dem Urteil ausdrücklich zu.

GRAUMANN: Das hat nach meiner festen Überzeugung nichts mit antisemitischen Gefühlen zu tun. Unkenntnis spielt sicher eine Rolle, aber ich will nicht verhehlen, dass das Urteil und viele Reaktionen darauf auch von einem modernistischen Zeitgeist ohne jeden Respekt für Religion beflügelt sind. In dem Urteil zeigt sich eine kalte, formaljuristische Betrachtungsweise ohne Rücksicht auf die Gefühle der Betroffenen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Deutschland am Ende das einzige Land der Welt sein wird, das die Beschneidung verbietet. Wir haben genügend kluge Köpfe hier, die dafür sorgen werden, dass dieses Land sich nicht der Lächerlichkeit preisgibt.

Ist es nicht ein Zeichen für Aufgeklärtheit und Verantwortung, wenn Bürger der körperlichen Unversehrtheit den Vorrang geben vor religiösen Vorschriften?

GRAUMANN: Das muss man ernst nehmen, ganz gewiss. Aber man muss doch auch uns ernst nehmen, dass die Beschneidung für das Judentum elementar und konstitutiv ist. Würde sie in Deutschland verboten, würden Juden in die Illegalität getrieben, und am Ende wäre jüdisches Leben hier gar nicht mehr möglich.

Viele Menschen irritiert die Absolutheit, mit der Vertreter des Judentums auf dem Beschneidungsrecht bestehen.

GRAUMANN: Wir haben in dieser Frage doch gar kein Verhandlungsmandat. In den fünf Büchern Mose steht nun einmal, dass jüdische Jungen, sofern sie gesund sind, am achten Tag beschnitten werden müssen. Nicht sieben Tage, nicht neun Tage, sondern acht Tage nach der Geburt. Wir selbst können da keine Zugeständnisse machen, da muss man schon mit dem lieben Gott verhandeln.

Wäre nicht ein symbolischer Akt ohne den medizinischen Eingriff vorstellbar – Beschneidung light sozusagen?

GRAUMANN: Noch einmal: Dazu gibt es bei uns keine Kompromisslinie. Ich gebe ja auch an die anderen Religionen keine Ratschläge, wie sie ihren Glauben konstitutiv begründen sollen. Ich glaube nicht, dass es der richtige Weg des Umgangs wäre, uns Juden nun vorzuschreiben, wie wir das handhaben sollen. Die ganze jüdische Welt fühlt sich im Moment betroffen. Mich erreichen hier in Israel, wo ich gerade bin, besorgte Anrufe und Mails aus den USA und vielen anderen Ländern der Welt. Alle fragen mich: Sollen Juden in Deutschland nun nicht mehr leben können? Ich bin sicher: So weit wird es niemals kommen.

Was sagen Sie zu dem zentralen Vorwurf, Beschneidung sei ein archaisches, abstoßendes Ritual, das dem Kindeswohl schade?

GRAUMANN: Hinter dieser Beurteilung verbirgt sich eine kalte Gefühl- und Respektlosigkeit gegenüber Religion. Mir ist auch international kein Fall bekannt, dass ein beschnittener Junge seine Eltern später zur Rechenschaft gezogen hätte. Ich bin zuversichtlich, dass unser ganz neu und frisch erblühendes jüdisches Leben hier durch diese leidige Debatte nicht ernsthaft beschädigt wird.

Das Gespräch führte Harald Biskup