12. Jahrgang Nr. 6 / 29. Juni 2012 | 9. Tammus 5772

Auf eigenen Beinen

Die jüdische Gemeinschaft in Russland strebt nach Eigenständigkeit / Gespräch mit dem Präsidenten des Russisch-Jüdischen Kongresses, Juri Kanner

Bekanntlich hat das russische Judentum das jüdische Volk kulturell, politisch und religiös in hohem Maße bereichert. Gleichzeitig aber können russische Juden selbst auf keine allzu glückliche Geschichte zurückblicken: zaristische Unterdrückung, kommunistische Verfolgung, die Schoa, die Zerschlagung jüdischen Lebens in den letzten Jahren der Stalin-Ära und ein brutal unterdrückter Aufbruch unter Stalins Erben. Nach 1989 entschloss sich ein großer Teil der sow­jetischen Juden zur Auswanderung. Dennoch erwiesen sich die damals oft gehörten Prophezeiungen vom nahenden Ende des Judentums in den ehemaligen Sowjetrepubliken als falsch.
Das gilt nicht zuletzt für die Russische Föderation. In dem größten Nachfolgestaat der UdSSR entfaltet sich ein reges jüdisches Leben. Ein führender Akteur dabei ist der Russisch-Jüdische Kongress (RJK). 1996 gegründet und landesweit tätig, hat sich der RJK zum Ziel gesetzt, Rahmenbedingungen für ein Gedeihen der jüdischen Gemeinschaft zu schaffen. Der RJK agiert als eine gesellschaftlich-politische Organisation und – mithilfe einer besonders zu diesem Zweck ins Leben gerufenen Stiftung – als eine gemeinnützige Einrichtung, die das jüdische Leben in Russland fördert.
„Wir haben schon viel erreicht, doch ist das Potenzial für weitere Entwicklungen noch groß“, sagt RJK-Präsident Juri Kanner. „Die Zahl der in Russland lebenden Juden wird heute auf rund eine Million geschätzt.“ Hierbei handelt es sich nicht nur um Juden im Sinne der Halacha, sondern um Personen, die sich als Juden fühlen und ihr Judentum in einer pluralistischen jüdischen Gesellschaft ausleben möchten. „Es gibt viele Juden“, führt Kanner aus, „doch müssen sie besser als bisher zu einer wirklichen Gemeinschaft zusammengeschmiedet werden.“
Für Kanner bedeutet das auch mehr Eigenständigkeit. „Wir sind jüdischen Partnern und Organisationen aus dem Ausland für die Hilfe dankbar, die sie nach dem Auseinanderbrechen der Sow­jetunion beim Aufbau jüdischer Einrichtungen und Gemeinden geleistet haben. An erster Stelle ist das Joint zu nennen, das großenteils den Aufbau von Gemeindezentren und sozialen Einrichtungen übernommen hat. Wir werden natürlich auch künftig gern mit Freunden aus dem Ausland zusammenarbeiten. Allerdings ist eine Gemeinde, die ohne Hilfe aus dem Ausland schließen müsste, nicht wirklich überlebensfähig. Das muss sich ändern.“
Zu diesem Zweck versucht der RJK, vermögende Juden zu mehr Engagement im jüdischen Leben zu bewegen. „Wir müssen ihnen bewusst machen, dass sie wirklich gebraucht werden. Das erhöht in der Regel die Motivation.“ Es gehe aber nicht nur um Geld: „Wir wollen, dass die jüdischen Förderer auch an der Führung der Gemeinden und anderen Einrichtungen teilnehmen. Erst damit wäre garantiert, dass wir nicht nur eigenfinanziert, sondern auch eigenverwaltet sind. Bei allen Unterschieden, die es zwischen dem jüdischen Leben in Russland und den USA gibt, wollen wir uns nach dem amerikanischen Modell richten. Auch dort spielen erfolgreiche Juden die entscheidende Rolle bei der Finanzierung wie bei der Lenkung der Gemeinden und Organisationen.“ Ein großer Vorteil, den russische Juden genießen, so Kanner, ist das relativ junge Alter jüdischer Förderer. Die meisten vermögenden Mäzene seien zwischen vierzig und sechzig Jahren alt. Das garantiere, dass jüdische Einrichtungen auf lange Sicht auf ihre Hilfe zählen könnten. Auch im Präsidium des RJK sei heute nicht ein einziges Mitglied älter als sechzig.
Ein einheitliches Organisationsmuster jüdischer Institutionen, ergänzt Kanner, gebe es in Russland nicht. „In Deutschland konzentriert sich das jüdische Leben auf die jüdischen Gemeinden, die von ihrer Grundkonzeption her religiöser Natur sind – auch wenn sie, versteht sich, zahlreiche andere Aufgaben wahrnehmen.“ Dagegen herrsche in Russland ein buntes Gemisch an Organisationen – auch dies eine Ähnlichkeit mit den Vereinigten Staaten. In Großstädten seien bis zu 15 jüdische Organisationen pro Stadt tätig. Die rund 150 Religionsgemeinden, die es landesweit gebe, spielten eine unersetzliche Rolle, seien aber nicht die einzigen Akteure vor Ort. Auch sogenannte Organisationen der national-kulturellen Autonomie, Jugendorganisationen oder Filialen des RJK selbst seien präsent. Diese Vielfalt, glaubt Kanner, sollte auch erhalten bleiben. „Wir wollen die verschiedenen Organisationen unterstützen, aber keineswegs koordinieren. Auch in dieser Beziehung setzen wir auf Eigenverantwortung.“
Der RJK pflegt enge Beziehungen zu Israel und zur jüdischen Welt außerhalb der Grenzen Russlands. In diesen Bereich fällt auch die geplante Zusammenarbeit mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland (s.a. das Interview mit dem Generalsekretär des Zen­tralrats, Stephan J. Kramer, zu diesem Thema in der vorangegangenen Ausgabe der „Zukunft“). Zugleich sieht der Kongress die russischen Juden als integralen Teil der russischen Gesellschaft. Er setzt auf gute Beziehungen zu den Behörden und zu nichtjüdischen Organisationen. Gegenwärtig, um nur ein Beispiel zu geben, arbeitet der Kongress mit dem Stadtrat von Rostow am Don an einer gemeinsamen Gedenkfeier für die Opfer des sich 2012 zum sechzigsten Mal jährenden Massakers von Smijowskaja Balka – der Stätte, an der deutsche Besatzer im August 1942 27.000 sowjetische Zivilisten, hauptsächlich Juden, ermordeten. Aber auch an den Feierlichkeiten zum 120. Geburtstag des berühmten sowjetischen Schriftstellers Samuil Marschak nimmt der RJK gemeinsam mit anderen Partnern teil. „Wir sind ein Teil Russlands“, postuliert denn auch der Kongress in seiner offiziellen Broschüre, „und wir sind ein Teil des jüdischen Volkes. Wir werden keines dieser beiden Elemente aufgeben, weil beide Teil unserer Wirklichkeit sind.“ Oder wie Kanner im Gespräch mit der „Zukunft“ sagt: „Wir stehen mit beiden Beinen auf russischem Boden und mit dem Gesicht nach Jerusalem.“
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