12. Jahrgang Nr. 6 / 29. Juni 2012 | 9. Tammus 5772

Halachisch und sozial

Anwärter des Rabbinerseminars zu Berlin studieren künftig auch jüdische Sozialarbeit / Das vom Zentralrat mitgetragene Projekt wird die jüdischen Gemeinden stärken

Am 4. Juni wurde in Erfurt ein wegweisendes Projekt im Bereich jüdischer Bildung offiziell in die Wege geleitet: ein Studium der Sozialarbeit für angehende Rabbiner. Künftig werden alle Anwärter, die am orthodoxen Rabbinerseminar zu Berlin ausgebildet werden, auch jüdische Sozialarbeit an der Fachhochschule Erfurt studieren. Zum Abschluss des Programms erlangen sie den akademischen Grad eines Bachelors. Unterstützt wird das Projekt auch vom Zen­tralrat der Juden in Deutschland, dessen Vizepräsident Dr. Josef Schuster den Kooperationsvertrag zwischen dem Zentralrat, dem Rabbinerseminar und der Fachhochschule bei einem Festakt in der thüringischen Hauptstadt mit unterzeichnete.
Ziel des Programms ist es, die berufliche Kompetenz der angehenden Rabbiner durch ein strukturiertes Fachwissen im Bereich der jüdischen Sozialarbeit zu ergänzen. „Durch das Studium ‚Jüdische Sozialarbeit' werden die Rabbiner für ihre praktische Arbeit vor Ort besser gerüstet sein", erklärte Dr. Schuster bei dem Festakt in Erfurt. Der Vizepräsident des Zentralrats betonte, die Verbindung der Rabbinerausbildung mit jüdischer Sozialarbeit sei auch und gerade für kleinere Gemeinden von Bedeutung und stärke ihre Überlebensfähigkeit. Eine ähnliche Kooperation mit dem Abraham Geiger Kolleg in Potsdam, das liberale Rabbiner ausbildet, bezeichnete Dr. Schuster gegenüber der „Zukunft" als grundsätzlich möglich, auch wenn das Thema bisher nicht konkret auf der Tagesordnung stehe.
Der Vorstandsvorsitzende des Rabbinerseminars und geschäftsführender Vizepräsident der Ronald S. Lauder Foundation, Rabbiner Josh Spinner, erklärte gegenüber der „Zukunft", zahlreiche Gemeinden verfügten über keine ausreichenden Mittel, um sowohl Rabbiner als auch Sozialarbeiter einzustellen. In solchen Fällen seien Rabbiner mit fundiertem Sozialfachwissen von besonderer Bedeutung. Das Judentum, fügte Rabbiner Spinner hinzu, betrachte Kultus- und Sozialarbeit ohnehin nicht als separate Bereiche, sondern als Elemente ganzheitlicher Gemeindearbeit.
Wie Professor Doron Kiesel, der den Studiengang an der Fachhochschule Erfurt betreut, im Gespräch mit der „Zukunft" sagte, misst die Fachhochschule der Kooperation mit dem Rabbinerseminar große Bedeutung bei. Das gilt auch für das Land Thüringen, dessen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht bei dem Festakt eine Ansprache hielt. Die Kooperation, so die Regierungschefin, trage dazu bei, „Juden als Bereicherung und unverzichtbaren wie selbstverständlichen Bestandteil unserer Gesellschaft zu begreifen". Die Studierenden und die Absolventen, fügte Ministerpräsidentin Lieberknecht hinzu, leisteten einen wertvollen Beitrag zum Dialog innerhalb und zwischen den Kulturen.
Gegenwärtig sind sechs Rabbinatsanwärter für den Studiengang „Jüdische Sozialarbeit" an der Fachhochschule eingeschrieben. Das Studium selbst wird hauptsächlich mithilfe von Blockseminaren in der von der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland betriebenen Seminarstätte Bad Sobernheim durchgeführt. Daher müssen die Studenten ihre Rabbinerausbildung nicht unterbrechen. Neben den angehenden Rabbinern nehmen 24 weitere Studenten an dem Studiengang teil, der die spezifische Lage der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland gezielt anspricht. Das in Deutschland einmalige Bildungsprogramm bietet die Fachhochschule Erfurt seit 2007 in Kooperation mit dem Zentralrat und der Zentralwohlfahrtsstelle an.
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